Alle Einträge mit dem Tag blödes Gefühl

Umzug! Auf der Stelle!

Manchmal muss man sich einfach UNBEDINGT und absolut JETZT sofort UMZIEHEN. Dabei ist egal, wie das Wetter draußen ist und ob man gut aussieht. Man ist schließlich allein, frei und will sich an seiner Stimmung laben! Drei Beispielsituationen.

1. Alles fühlt sich schon so nach Bett an
Es kann an einem freien Tag sein, an dem das lange Zuhauserumhängen irgendwie unerwartet kommt. Oder an einem Tag, der einfach mies läuft und nichts Gutes mehr verspricht. Oder, wenn der Traum von gestern noch nichts ausgeträumt ist. Es ist auf jeden Fall vor 22 Uhr. Dann bekommt man plötzlich große Lust darauf, einfach wieder ins Bett zu gehen, egal, ob man das erst vor zehn, fünf oder zwei Stunden verlassen hat. Man schlüpft in den Schlafanzug, der so herrlich gemütlich ist, und kann aber doch noch nicht richtig schlafen. Und außerdem hat man noch gar nicht zu Abend gegessen (ist ja auch noch nicht Zeit dazu). Also zieht man sich ein zweites Paar Socken und einen zu großen Pullover über alles andere drüber und lungert ein wenig herum. Schaut einen Film, isst ein Müsli, blättert in Magazinen. Alles ganz nebenbei. (Man lebt ein paar Stunden lang nur nebenbei.) Bis man wirklich so aussieht, als gehöre man ins Bett. Dann ist es auch endlich Zeit.
Die CD dazu: José González – Veneer

2. Alles fühlt sich gerade so ausgesprochen gut an
Das kann nach ganz großen Ereignissen sein. Oder nach Kleinigkeiten, die einem so passieren: ein toller Brief oder erfolgreicher Tag im Job, ein fröhliches Gespräch, eine Blume. An jedem anderen Tag würde man dann lächeln. Aber manchmal muss man nicht nur lächeln, sondern lachen und springen. Dann passen die Sachen, die man noch vor dem Ereignis anhatte, einfach nicht mehr. Festkleidung ist angesagt! Festkleidung können das Lieblings-T-Shirt und die Winterstiefel ebenso sein wie der formelle Hosenanzug. Hauptsache, sie unterstreichen die Stimmung noch. Dann tanzt man eine Runde darin. Und wenn man abends alles wieder auszieht, kommt noch einmal das dicke Gefühl und vielleicht hat man sogar ein neues significant outfit.
Die CD dazu: I’m From Barcelona – Let Me Introduce My Friends

3. Alles fühlt sich jetzt nach dieser Hose an
Ganz plötzlich kommt dieses Gefühl. Vielleicht steht man vor dem Spiegel und findet irgendetwas blöd. Oder man entdeckt diese eine Hose (es kann natürlich auch ein Shirt, Kleid, Gürtel sein) im Schrank wieder, versteckt unter einem Haufen anderer Klamotten. Vielleicht kommt sie auch einfach auf einmal in den Kopf. Auf jeden Fall muss man das Ding unbedingt gleich anziehen, nur, um mal wieder zu spüren, wie sich das so anfühlt. Um mal wieder zu sehen, wie schön die Beine darin ausschauen. Um noch mal diese hübschen Knöpfe zu knöpfen. Mir ist gerade die trendy enge Jeans eingefallen, die ich mir in München gekauft haben. Tatsächlich, weil da alle eine trugen und sie in diesen Tagen so München war. Nachher habe ich sie, ehrlich gesagt, nur noch ein, zwei Mal getragen. Sieht nicht so schick aus, finde ich. Und ist auch irgendwie nicht mein Ding. Aber jetzt im Moment hätte ich sie gerne mal wieder an. Doch. Wo ist die eigentlich. Schrank? Gib mir meine Münchenhose!
Die CD dazu: Tomte – Buchstaben über der Stadt

Telefontiraden (2)

Ich war noch nie eine große Freundin des Telefons, außer vielleicht in dieser Phase, die jeder mit 14 hat, und in der man einfach stundenlang telefoniert. Ich mag es nicht, wenn ich jemand Fremdes anrufen muss, um eine Auskunft einzuholen oder einen Termin zu machen oder einen Auftrag zu erteilen. Dann lege ich mir meine ersten Sätze fest, aber sobald es eine Rückfrage gibt, muss ich mir neue überlegen und habe Angst, Buchstaben oder Wörter oder Satzglieder zu vertauschen oder den Faden zu verlieren oder abzuschweifen und dann steh ich da, mit dem Hörer in der Hand, und bin so gar nicht schlagfertig. Ich mag es nicht, wenn man ein Gespräch beenden muss oder will und das aber nicht unhöflich tun möchte. (Am schlimmsten sind dann diese Leute, die plötzlich sagen: „Duuu, ich muss jetzt wirklich…“) Ich mag es nicht, wenn ich angerufen werde, obwohl ich gar nicht angerufen werden will. Wenn ich gerade irgendwas sehr Schönes mache, in dem ich voll aufgehe, und im Moment sehr zufrieden bin ohne einen Anruf, und dann ruft auf einmal meine Mutter von unten: „Eva, es ist für dich!“

Das ist natürlich nicht immer so. Ich freue mich zum Beispiel sehr, wenn du als Leser mich jetzt gleich anrufst. Aber ich fühle mich auch oft nicht so toll beim Telefonieren, weil ich finde, dass ich nicht gut darin bin. Es fühlt sich unwohl an, wenn du dann irgendwann nichts sagst und gleich der Gedanke in meinen Kopf springt: Jetzt musst du was sagen! Sag was! Frag was! Ach… Telefonieren ist wie Glatteis für mich.

Außerdem, finde ich, gibt es ganz großartige Alternativen. Der Brief ist die Nummer Eins! Briefe sind wunderbar, sie erfreuen einen wie kaum eine andere Kommunikationsmöglichkeit, wenn sie denn kommen, und man muss nie sofort zurückschreiben, man muss sie nicht mal sofort aufmachen (wer das kann, ist allerdings ein sehr, sehr … entspannter Mensch). Und: Man muss sie erst beantworten, wenn man Lust, Zeit, die Muße dazu hat.

Manchmal sogar noch besser: Die E-Mail. Für sie gilt das Gleiche, aber sie bietet zusätzlich die Möglichkeit, einfach überhaupt nicht zu antworten – und dabei nicht einmal unhöflich zu sein. Man sagt einfach: „Oh, bei mir ist gar nichts angekommen!? Da gab es wohl ein Problem mit den Serverkapazitäten.“ oder „Hups! Die Mail hat wahrscheinlich mein Spamfilter geschluckt!“ oder „Wie? Du hast meine Antwort gar nicht gekriegt??“ Ich finde das großartig – auch, wenn ich es natürlich nicht oft tue. (Eigentlich nur bei verpassten Deadlines oder in ganz, ganz harten Sonderfällen.)

Eine weitere Alternative, und ich hätte nie gedacht, dass ich das einmal schreibe, ist vielleicht das Handy. Aus dem simplen Grund, weil man es einfach abschalten kann. Das geht mit dem Haustelefon zwar auch, aber es macht keiner. Ein Handy ermöglicht zwar eine noch grenzenlosere Erreichbarkeit, aber zugleich eine völlige Unerreichbarkeit, und das ist doch auch was. Aber Handys, die sind sowieso so ein Ding, dem man vielleicht noch eine ganze weitere Telefontirade widmen müsste. Irgendwann mal – aber nicht jetzt, jetzt muss ich aufhören. Das Telefon klingelt.

Teil 1 steht hier.

Telefontiraden (1)

Das Haus, in dem ich wohne, hat seit nicht allzu langer Zeit drei bewohnbare Stockwerke (plus Keller). Es hat deshalb eine ausgeklügelte Telefonanlage nötig. Wäre diese nicht vorhanden, würden wir ständig nach dem Hörer suchen, wenn es klingelt oder wenn wir dringend jemanden anrufen wollen. Zum Beispiel die Hautärztin oder das Geburtstagskind – oder Papa im zweiten Stock…

Fünf Telefone sind auf das Haus verteilt. Sie haben alle den gleichen Klingelton, aber nicht die gleiche Reaktionsgeschwindigkeit. Wenn jemand anruft, fängt es daher nicht überall gleichzeitig an zu klingeln, sondern fünfmal im Abstand jeweils weniger Sekunden. Es entsteht quasi ein Klingeltonkanon, aber kein komponistisch korrekter. (Ich musste mal einen Kanon komponieren. Das ist der Hammer. Telefone sind dazu ganz bestimmt nicht in der Lage. Nicht mal ich bin das. Allein die Quartsprünge!) Das Klingeltongedudel ist schräg, schrill, schrecklich.

Neulich klingelte es wieder einmal los. Wir saßen draußen im Garten, wo wir gerade gegessen hatten. Im Garten haben wir (noch) kein Telefon. Drinnen im Haus begann es zu dudeln. Zuerst in der Küche. Dann oben im Flur. Dann das Schnurtelefon im Wohnzimmer. Dann das Kabellose ganz oben. (Das Fünfte hörten wir nicht, es lag unter einem Haufen Kissen im Schlafzimmer meiner Eltern.) Wir saßen draußen und genossen die Sonne und schauten uns gegenseitig an. Mein Vater mit vorwurfsvollem Blick. Da könnten doch jetzt wirklich mal die Kinder gehen, nur schnell aufstehen und rein und ans Telefon. Irgendjemand musste gehen.

Und das ist das Problem!, stellte ich fest, genau in diesem Moment. Das ist eine gesellschaftliche und fast schon moralische Krux: IMMER RANGEHEN MÜSSEN. Wenn das Telefon klingelt, geht man ran. So lautet die eiserne Regel. Niemand, der das nicht verinnerlicht hätte. Das Telefon klingelt, während wir gerade einen schrecklich spannenden Film schauen – rangehen! Das Telefon klingelt, als wir gerade aus der Dusche kommen – rangehen! Das Telefon klingelt, wenn wir gerade knutschen – hmm, okay.. Aber man versteht, was ich meine, oder? Für diesen Umstand fällt mir keine andere Begründung ein als die scheinbar urmenschlische Angst, etwas zu verpassen. Bei meiner Mutter ist diese Angst sogar so ausgeprägt, dass sie beim Nachhausekommen zuerst zum Hörer greift und in der Anrufliste nachschaut, wessen Anrufe wegen des leeren Hauses unerhört blieben. Wenn es etwas Wichtiges war, sage ich dann immer, wird er oder sie schon noch mal anrufen. Oder auf den Anrufbeantworter sprechen.

Teil 2 steht hier.

Alle wollen aneinander vorbei. (Anna Löwe.)

Heute wurde ich Zeugin einer sehr zweifelhaften Veranstaltung. Ich kam durch die Drehtür unseres neuen Einkaufscenters (übrigens: Chuck Norris kann eine Drehtür zuschlagen!). Ehrlich gesagt, ist das gar nicht so neu, es ist bestimmt schon vor zwei Jahren komplett renoviert worden, aber noch immer gerate ich in einen Zustand völliger Verwirrung, sobald ich es betreten habe. Da sind so viele Ecken und Gassen! Ich weiß, welche Geschäfte es innen drin gibt – unter anderem diesen bestimmten Laden, der in meiner Stadt als einziger DVDs verkauft, und der deshalb mein eigentliches Ziel war -, aber niemals, wo sie dort sind. Ich geisterte durch die Gänge und stieß nach einigen falschen Runden tatsächlich und endlich auf besagtes Geschäft! Allerdings war kein Durchkommen möglich.

Denn direkt davor hatte sich ein geschniegelter Vertreter des Center-Managements nebst dumpf dreinschauendem Assistenten auf einem beinahe pompösen Stand postiert. Vor ihn Unmengen junger Familien, die mit ihren umherspringenden Sprösslingen und sperrigen Kinderwagen ein Durchdringen der Menge unmöglich machen. Ich war genau rechtzeitig gekommen zur „großen Preisverleihung“, wie der Schnickelfritz lauthals verkündete, zur „Verkündung des Kindes des Jahres“.

Zuerst dachte ich, ich höre nicht recht, aber tatsächlich hat ein Ableger dieser sonst so amerikanischen Veranstaltungen jetzt auch in meiner kleinen Stadt Einzug gehalten. Hunderte stolze Mütter und Väter hatten ihre Kinder von einem Fotografen ablichten können und danach „die Möglichkeit gehabt, die Bilder in unterschiedlichsten Ausführungen zu kaufen!“ Die Besucher des Einkaufscenters hatten daraufhin wochenlang die Möglichkeit, das hübscheste, süßeste, entzückendste Kind zum „Kind des Jahres“ zu wählen. Die unglaubliche TragReichweite dieses Namens vermochte der Moderator dem Publikum nicht so recht zu vermitteln. In Wirklichkeit sind es ja auch nur wenige Kilometer, nämlich bis zum nächsten Einkaufscenter. Entsprechend wenig kochte die Stimmung, wenn Herr Schnickelfritz immer wieder fragte: „Sind wir denn alle gut draaaaauf?“

Alle wollten nur endlich die riesige Vergrößerung des Portraits ihrer Kinder bei ihm abholen, die den zehn Bestplatzierten winkte. Natürlich konnten nicht alle gewinnen. Aber Justin und Tamara waren unter den Glücklichen, die zusätzlich noch ein umfassendes Seifenblasenset mit nach Hause nehmen durften. Letzteres war der einzige Punkt, in dem ich sie beneidete. Es überwog jedoch das Unverständnis dafür, wie jemand sein mitunter wenige Monate altes Kind für eine „offizielle“ Bewertung durch vollkommen fremde Menschen freigeben konnte. Am schlimmsten fand ich, dass unter den Gewinnerkindern auch ein sechsjähriges Mädchen war. Sie war mit Abstand die Älteste, und auch sicher die einzige (ihrer Generation) die halbwegs mitbekam, dass sie aufgrund ihres Aussehens, ihres Lächelns oder Blicks, gemocht und gefeiert wurde. Das sind die falschesten Werte, die man einem jungen Mädchen nahe bringen kann.

Zumal es dem Schnickelfritzen da vorn überhaupt um etwas ganz Anderes ging. Ihn interessierten keine glücklichen Kindergesichter, keine stolzen Mütter und nicht einmal die ausbleibende Freude des Publikums. Sein insgeheim wichtigster Satz war einfach: „Und bleiben Sie doch gleich hier stehen, bitte, dann können wir noch ein schönes Foto für die Presse machen!“

Ich habe Angst vor Beerdigungen

Neulich, als jemand gestorben war, bat meine Mutter mich mehrmals, sie zu der Beerdigung zu begleiten. Aber ich weigerte mich, ohne Angabe bestimmter Gründe. Mein Bauch wollte nicht. Ich mochte diese verstorbene Person und es tat mir wirklich Leid, dass sie tot war. Aber niemals würde ich zu dieser, zu einer Beerdigung gehen.

Ich mag die Idee nicht von diesem programmierten Traurigsein um 10.30 oder 11.00 oder 14.00 oder wann auch immer so etwas stattfindet. Wenn alle sich treffen um gemeinsam einer Person zu gedenken, dann klingt das noch ganz schön, keine Frage. Aber wenn zuvor überlegt werden muss, was man anzieht, wenn der Besuch der Messe nebenbei als gesellschaftlich wichtig angesehen wird und es eine Zeremonie ist wie bei jedem anderen Verstorbenen, dann stößt mich das ab. Das Schlimmste ist dieses Kaffeetrinken im Anschluss. Eben noch waren alle schrecklich traurig, aber jetzt wird geschwatzt, werden Schnittchen gegessen. Schnittchen! Allein dieses Wort! Es klingt so alt und schlapp und farblos.

Warum muss man im Falle eines Todes in Gesellschaft erinnern und fühlen, ist das nicht viel besser, wenn man es allein tut? Auf eigene Weise und ohne vorgegebenen Zeitraum, ohne dass jemand dazwischenpredigt und ohne denken zu müssen, “ist es schlimm, wenn ich jetzt weine?” Oder eben auch: “Ist es schlimm, wenn ich jetzt nicht weine?”

Mag sein, dass ich irgendwann mal jemanden feiere, nachdem er gestorben ist. Aber sicher nicht in der Kirche, sicher nicht in schwarz. Und sicher nicht mit Schnittchen.