Als wir gegen 19 Uhr ankommen, ist F.s Zimmer – inklusive des 92jährigen Zimmernachbarn Herrn Gorski – über und über mit Luftschlangen geschmückt. Einige Freunde haben bereits die Nachmittagsschicht übernommen: Krapfen mitgebracht, draußen auf dem Fensterbrett eine Bar eingerichtet und die Telenovela um die russische Großfamilie mitverfolgt, deren Patriarch offenbar zwei Zimmer weiter im Sterben liegt.

Kurz nach Weihnachten hatte F. sich plötzlich nicht mehr bewegen können. Eine Ärztin diagnostizierte einen schweren Bandscheibenvorfall und verordnete Silvester im Krankenhaus. Beides – der Bandscheibenvorfall und Silvester im Krankenhaus – sind im Alter von Mitte 20 besonders absurd.

Absurd ist aber auch die alljährliche Jagd nach der besten Party der Stadt. Deshalb gefällt mir heimlich ein bisschen, dass es bei uns dieses Jahr umgekehrt ist: Wir gehen auf keine Party und versuchen, das Beste daraus zu machen.

M. und ich haben eine üppige Brotzeit zusammengestellt. Als wir die Kiste mit Sauerteigbrot, Salzbutter, eingelegten Gurken und österreichischem Hüttenkäse auf den Klapptisch zwischen den Betten auspacken, leuchten die Augen der beiden Patienten auf. Während S. draußen auf dem Fensterbrett das alkoholfreie Bier kalt stellt und M. den Pflegern ein Skalpell abluchst, um den Schinken aufzuschneiden, beginnt Herr Gorski vom Zweiten Weltkrieg zu erzählen. Da hat er gekämpft. Drei Mal.

Als er kurze Zeit später einnickt, begeben wir uns auf eine Safari durch das Klinikum. Wir spähen ins Russenzimmer, wo zwei junge Männer in Nadelstreifenanzügen wild gestikulierend in ihre Vertu-Handys flüstern und eine Frau in Pelz und Leoleggings versucht, ihre Kinder zu bändigen. Wir entgehen gerade so dem strengen Blick der hotten jungen Ärztin, die genervt ist, weil sie – ausgerechnet heute – für eine 24-Stunden-Schicht eingeteilt wurde, und schleichen uns auf den nächsten Gang. An der Geländerstange führen S. und ich den Jungs ein Fantasieballett auf.

Unsere Suche nach dem besten Ort zum Feuerwerk Gucken führt uns bis in den obersten Stock, wo wir das „Zutritt verboten“-Schild an der schweren Außentür geflissentlich ignorieren.

Auf dem Dach des Klinikums ist es kalt und dunkel und sehr romantisch. Wir atmen die Luft ein, die uns Eismasken aufs Gesicht zaubert, und sind für einen kurzen Augenblick sehr da.

Im nächsten Moment geht die Tür auf. Zwei Pfleger, die sich zum Rauchen nach draußen stehlen, geben uns „noch genau eine Zigarettenlänge“ – und den Tipp, es doch mal im Aufenthaltsraum im sechsten Stock zu versuchen. Der ist tatsächlich eine gute Idee mit seinen zwei komplett verglasten Wänden, den Sofas und der aufgedrehten Heizung.

Als wir in F.s Zimmer schlüpfen, um noch schnell unsere Jacken abzulegen, sitzt Herr Gorski aufrecht im Bett und verkündet, nach all den Jahren heute endlich mal wieder durchmachen zu wollen. Also nehmen wir ihn mit in den Aufenthaltsraum. Kuscheln uns auf die Sofas und zählen die letzte Minute des Jahres herunter.

München weiß, wie Feuerwerk geht. Durch die dicken Fensterscheiben hören wir wenig, aber sehen viel. 180 Grad weit blitzt und funkelt es über der Stadt, in allen möglichen Farben und Formen. Aus dem Augenwinkel sehe ich, wie eine Krankenschwester im gegenüber liegenden Flügel ihrer Patientin eine neue Windel anlegt.

Gegen eins bringen wir F. und Herrn Gorski ins Bett und verabschieden uns. Die russische Großfamilie ist verschwunden, aber der Opa liegt noch dort. Die Schicht der jungen Ärztin wird noch ein paar Stunden dauern. Unsere Nacht auch. Aber draußen.


Ein Jahr später ist F.s Rücken wieder heil, aber die ganz verschiedenartigen Beziehungen, die uns vier damals verbanden, haben fast alle einen Knacks bekommen. 2014 begrüßen wir getrennt. Ich frage mich, wie Herr Gorski wohl feiert.