Das Weblog von Eva Schulz

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Press Pause. Rewind.

Ein gutes halbes Jahr ist es jetzt her, dass ich die Pause-Taste gedrückt habe. Um eins gleich vorweg zu nehmen: Eine richtige Pause, ein halbes Jahr „gar nichts machen“, wurde es nicht. Es war eher ein halbes Jahr unterwegs, ein halbes Jahr aus dem Koffer leben und ihn mit tausend neuen Eindrücken vollstopfen. Aber genau das hat die letzten Monate unendlich wertvoll gemacht.

In Frankreich habe ich einen neuen Takt gelernt. Dort gab es keine Uhren, keine Deadlines, nur die Kirchturmglocken am Mittag und die zirpenden Grillen am Abend. Es hat Wochen gedauert, bis ich kein schlechtes Gewissen mehr hatte, weil ich morgens erst laufen ging und eine Stunde später als die anderen ins Büro kam. Dann begriff ich: Das ist dort gar nicht wichtig. Wichtig ist, ausgeglichen zu sein, um die Aufgaben, die man sich sucht, mit Leidenschaft erfüllen zu können. Am Ende meines Praktikums überreichten Sarah und Elke mir symbolisch einen alten, rostigen Schlüssel. Den trage ich jetzt am Schlüsselbund, und ihren Satz „Unsere Tür steht immer offen“ im Herzen. Und mein Herz schlägt seitdem im neuen Takt.

In England habe ich gelernt, dass Konkurrenz nervt. In meiner Sprachkursklasse waren zwölf deutsche Studenten – Chemiker, Lehrerinnen, Juristinnen, Politik- und Ingenieurwissenschaftler. Sie alle sind unheimlich gut in dem, was sie tun, aber das interessierte dort niemanden. Sie hätten sich völlig gehen lassen können. Stattdessen hauten alle rein. Der Kurs überholte sich selbst, weil wir ihn so sehr wollten. Dabei musste sich niemand vergleichen, es gab keinen Wettbewerb, im Gegenteil: Wissen wurde geteilt, getauscht und so immer größer. Erst Zuhause habe ich gemerkt, dass ich von meiner Uni eine ständige, latente Konkurrenz gewohnt bin, die mich heimlich unter Druck setzt. Darauf habe ich keine Lust mehr.

In Hamburg habe ich gelernt, wie ich nicht arbeiten will. Ich war für ein kurzes Projekt bei N-JOY, einem tollen Sender mit wunderbaren Menschen, für den ich hoffentlich auch in Zukunft arbeiten darf. Nur wird das nicht in der Redaktion passieren. Ich bin keine Nine-to-Five-Arbeiterin, die acht Stunden durcharbeitet und dann den Kopf ausmacht. Viel lieber klotze ich den Vormittag über ran, gehe am Nachmittag auf Entdeckungstour durch die Stadt (wie großartig ist bitte Ottensen?!) und setze mich abends noch mal mit dem Laptop aufs Sofa. Oder, noch besser: Ich bin unterwegs.

Denn irgendwo zwischen Flensburg, Berlin und der brandenburgischen Pampa habe ich gelernt: Reporterin Sein macht mir wirklich Spaß. Am Anfang war ich mir manchmal nicht sicher, ob es vielleicht doch bloß dieses narzisstische „im Fernsehen Sein“ ist, das mir so gut gefällt. Aber dank Klub Konkret habe ich in diesem Jahr so viel erlebt und gelernt! Ich kann jetzt Trecker Fahren und Tretboote Einparken, weiß, wie Koranstunden und Liebesschnulzen klingen, habe mir von einem Kälbchen die Hand abschlecken lassen und sie anschließend der Kanzlerin gereicht. Dabei habe ich großartige Leute getroffen. Von Kameramännern, die gern anzügliche Sprüche machen („Dann stellen wir dich jetzt mal scharf! Höhöhö“) über die Intersky-Stewardess, mit der ich inzwischen per Du bin, bis hin zu all den Protagonisten, die mich oft für nur einen Tag so tief in ihr Leben lassen. Es ist ein unvergleichlicher, großartiger Job und ich hoffe sehr, dass ich ihn noch ein bisschen länger machen darf.

Wieder zurück Zuhause habe ich gelernt, dass ich weiterhin am Wasser leben möchte. Ich kam in meine Wohnung und brachte Stunden damit zu, diesen Koffer endlich wieder auszupacken, alles zu ordnen und aufzuräumen. Dann ging ich in die Stadt, um etwas zu essen zu besorgen, und da war er plötzlich wieder: der See. Ich wohne seit drei Jahren hier, und doch überwältigt er mich immer noch jedes Mal. Im Hintergrund dröhnte das Horn einer Fähre, die Sonne färbte die Berge golden und ich war unheimlich glücklich darüber, dass es auch nach einem halben Jahr unterwegs Sein diesen Hafen gibt, in den ich am Ende immer zurückkommen kann. Das wird nicht der Bodensee bleiben – noch ein paar Monate, dann ist das Studium vorbei. Aber Wasser muss ein. Es hält den Blick weit und das Herz in Takt. Wer weiß, welcher der nächste Hafen wird? Wenn ich eins gelernt habe, dann: Reisen hilft, das herauszufinden.

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