Journalistin & Moderatorin

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Mittsommernachtstango

„Man könnte sagen, wir Finnen haben vor der Erfindung des Mobiltelefons so wenig gesprochen, dass die Erfindung des Tango eine absolute Notwendigkeit war.“

Eine Vielzahl der Geschichten, die mir letzten Sommer in Finnland passiert sind, habe ich hier aufgeschrieben. Aber es gibt auch ein paar Themen, zu denen ich nicht mehr gekommen bin. Zum Beispiel die sehr spezielle Haltung der Finnen zur Energiepolitik. Ihr sehr spezieller Umgang mit den dunkleren Seiten ihrer Vergangenheit, wie dem 2. Weltkrieg. Und ihre sehr spezielle Überzeugung, sie hätten den Tango erfunden.

Tatsächlich ist Finnland eine Tangonation. Tangomusiker sind landesweite Stars, jedes Dorf hat einen Tanzpavillon und jede Stadt, die etwas auf sich hält, mindestens ein jährliches Festival. Der große finnische Filmemacher Aki Kaurismäki pflegt zu erzählen, dass Mitte des 19. Jahrhunderts die einsamen Hirten hinter dem Polarkreis ihre Sehnsüchte in den Tangogesang packten – und damit, quasi nebenbei, auch die Wölfe fernhielten. Finnische Seemänner seien es gewesen, die die Musik schließlich nach Argentinien gebracht hätten.

Nun gibt es einen ganz wunderbaren Dokumentarfilm, der diesem Mythos auf den Grund geht. Die deutsche Regisseurin Viviane Blumenschein schickt darin drei argentinische Vollblutmusiker in den europäischen Norden. Der „Clash of Cultures“ ist vorprogrammiert.

Mir fallen keine zwei Kulturen ein, die weiter voneinander entfernt wären. Das auszuspielen versteht Blumenschein nicht nur auf Schnitt- und Bild-, sondern auch auf inhaltlicher Ebene. „Die Argentinier sind, was wir gern wären: impulsiv, schwungvoll, leicht zu begeistern“, seufzt einer der finnischen Musiker im Film. „Wir sind so viel lauter!“, stellen auch die Argentinier sehr bald fest – und sind zugleich fasziniert von der Ruhe und Zufriedenheit ihrer neuen Freunde. Sie lassen sich auf Karelische Piroggen („finnische Empanadas!“) und in die Sauna einladen, verfransen sich mit ihrem alten Auto in der Tiefe der finnischen Wälder und verknoten sich die Zungen beim Vokabeln Lernen.

Während ich sogleich Sehnsucht nach Heidelbeeren und Helsinki bekomme, wenn ich das höre, bricht das Publikum des OmU-Kinos beim Klang dieser Sprache in Gekicher aus. Das soll die Sprache des Tango sein?

„Man könnte sagen, wir Finnen haben vor der Erfindung des Mobiltelefons so wenig gesprochen, dass die Erfindung des Tango eine absolute Notwendigkeit war“, sagt M.A. Numminen, der stets schelmisch grinsende finnische Jazzmusiker. „Die tanzen viel zu eng“, beschwert sich dann auch Dipi, der kulturgeschockte Gitarrist aus Buenos Aires. Doch bald passiert ihm und seinen Kollegen, was auch mir in Finnland passiert ist: Sie lernen voneinander, erforschen, wie ihre gänzlich verschiedenen Kulturen sich gegenseitig inspirieren und bereichern können.

Als schließlich der leidenschaftliche Laie Walter „Chino“ Laborde und die unfassbar gute Sängerin Sanna Pietäinen gemeinsam einen finnischen Tango schmettern, lacht niemand mehr im Publikum, im Gegenteil: Das macht Gänsehaut. Denn den Tango, diesen wohl intensivsten, leidenschaftlichsten, am stärksten mit Sehnsucht und Verlangen aufgeladenen aller Tänze, versteht man auch ganz unabhängig von der Sprache. Oder seiner Herkunft.

Wenn im Schlussbild am späten Abend die Sonne über den finnischen Seen hängt und doch nicht untergehen will, dann wünscht man sich, dass Viviane Blumenschein am liebsten noch eine Fortsetzung drehen möge. Den Anlass dafür hatte Kaurismäki schon ganz zu Beginn des Films gegeben: „Wir Finnen sind es ja gewohnt, in der Geschichtsschreibung übergangen zu werden“, grummelt er da. „Den Walzer haben wir auch entwickelt. Den haben uns die Österreicher geklaut.“