Das Weblog von Eva Schulz

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Lost in Translation

„Muista aika illalla ajaa hiljaa sillalla.“ Das hat Professor Olli Alho von der Universität Helsinki auf meine Frage nach dem schönsten finnischen Satz geantwortet.

Ich fühle mich auf Reisen immer dann besonders fremd, wenn ich die Landessprache nicht verstehe. Es wurmt mich, dass ich so viel verpasse, dass die Orientierung schwerer fällt, dass ich Speisekarten nicht lesen kann und im Supermarkt bloß dumm gucke, wenn man mir sagt, wie viel ich bezahlen soll. Nach zwei Tagen in Helsinki verstehe ich buchstäblich nur Bahnhof („Rautatieasema“) – weil das der Ort ist, an dem ich morgens aus dem Bus steigen muss.

Finnische Wörter haben da Doppelbuchstaben, wo man sie als Deutscher nie vermuten würde. Sie sind außerdem voller Ks, unheimlich lang und klingen ausgesprochen oft so, als hätte man eine heiße Kartoffel im Mund. Trotzdem bin ich jetzt schon ganz begeistert von dieser Sprache. Vor allem, weil die Finnen sie selbst so lieben. Um das zu erklären, müssen wir kurz ein paar hundert Jahre zurückspulen.

Bis 1809 war Finnland nicht Finnland, sondern Schweden. Dann kamen die Napoleonischen Kriege, und plötzliche gehörte die Hälfte von Schweden zum Russischen Reich. Den Russen ging es hauptsächlich darum, viel Land zu haben. Was da genau los war, interessierte sie eigentlich nicht – solange die Einwohner loyal blieben. Deshalb konnten die Finnen im 19. Jahrhundert erstmals so etwas wie ein Nationalbewusstsein entwickeln. Und das taten sie auch sehr bewusst: „Finland didn’t happen, Finland was built“, hat mal ein wichtiger Finne gesagt (dessen Namen ich beim besten Willen nicht schriftlich wiedergeben kann). Dieser Satz trifft auf viele Aspekte der finnischen Kultur zu, vor allem aber auf die Sprache.

Anfang des 19. Jahrhunderts wurde Finnisch zwar schon von den meisten Bauern gesprochen, taugte aber längst noch nicht zur offiziellen Amtssprache. Es war die gebildete Oberschicht, die sich der weißen Flecken auf der linguistischen Landkarte annahm. Statt ihren Nachbarn nachzuplappern, dachten sie sich ihre Sprache größtenteils selbst aus. Und schufen so ein Kauderwelsch, das mit keiner anderen europäischen Sprache verwandt ist.

Die Finnen benutzen heute also hauptsächlich Wörter, die nicht einmal 200 Jahre alt sind. Und sie hüten sie wie einen Schatz. „Worte sind zu kostbar, als dass man sie verschwenden sollte“, sagt Professor Alho, der uns eine Einführung in nationale Sitten und Gebräuche gegeben hat. Sicher liegt es aber auch schlicht am nordischen Gemüt, dass small talk hier nicht besonders beliebt ist. Stattdessen schweigt man. Von einem Finnen angeschwiegen zu werden ist weder peinlich noch böse gemeint. Genauso wenig wie ein „Halte meine Kamera!“ oder „Gib mir die Kanne!“, was in unseren Ohren schroff klingen würde.

Das finnische Wort wiegt schwer, weil die finnische Sprache noch nicht so verwaschen ist. Finnische Wörter haben noch nicht so viele Facetten wie deutsche. Wenn ein Finne „Ich liebe dich“ sagt („Rakastan sinua“), meint er es auch – mit allen Konsequenzen. Wohingegen wir im Deutschen auch mal leichtfertig ein Essen, eine Stadt oder den Humor unseres Chefs lieben. „Das würde einem Finnen nie passieren“, sagt der Professor.

Seit ich das gelernt habe, finde ich es nicht mehr so schlimm, wenn ich mich in Helsinkis Innenstadt verlaufe. Ich denke mir, dass die Finnen sich schon etwas dabei gedacht haben werden, als sie drei Straßen im selben Viertel „Kauppiaankatu“, „Kanavakatu“ und „Kirkkokatu “ nannten, und gehe einfach noch mal um die Ecke. Immer Professor Alhos Spruch im Ohr: „Muista aika illalla ajaa hiljaa sillalla.“ – „Sei vorsichtig, wenn du nachts über die Brücke gehst.“