Das Weblog von Eva Schulz

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In der Stadt der Toten

Zum Glück bin ich in New Orleans nicht gestorben. Man kommt da als Toter nämlich nicht unter die Erde.

Die Stadt ist auf hunderte Meter tiefes Sumpfgebiet gebaut, große Teile von ihr liegen bis zu anderthalb Meter unter dem Meeresspiegel. Als man die Toten noch vergrub, dauerte es nur bis zum nächsten starken Regen, der den Mississippi oder den naheliegenden Lake Pontchartrain über die Ufer treten ließ und die Stadt flutete. Dann spülten die Särge wieder aus der Erde und trieben, der Legende nach, sogar durch die Straßen. Nach Experimenten, bei denen sie vor dem Begräbnis mit Sand aufgefüllt oder Löchern versehen wurden – alles ohne Erfolg -, beschloss man, seine Toten künftig über der Erde zur letzten Ruhe zu betten.

Der Lafayette Cemetery No. 1 ist der älteste städtische Friedhof von New Orleans.
7000 Menschen sind hier begraben, die meisten davon in den 1100 Familiengräbern und Mausoleen. Letztere gehörten Vereinen und Gesellschaften wie der freiwiligen Feuerwehr, der YMCA oder Kirchengemeinden.

Die Lösung bestand in hausartigen Gruften, Tempeln, Mausoleen. Mark Twain, der in New Orleans seine Ausbildung zum Dampfschiffpiloten absolvierte, schreibt in „Life on the Mississippi“:

They bury their dead in vaults, above the ground. These vaults have a resemblance to houses—sometimes to temples; are built of marble, generally; are architecturally graceful and shapely; they face the walks and driveways of the cemetery; and when one moves through the midst of a thousand or so of them and sees their white roofs and gables stretching into the distance on every hand, the phrase ‚city of the dead‘ has all at once a meaning to him.

Der Lafayette Cemetery No. 1, den ich besucht habe, ist fast 200 Jahre alt. Deswegen überrascht es nicht, dass auf vielen der Grabsteine deutsche Namen stehen. Deutsche bildeten, neben Iren, damals die größte Einwanderergruppe in Louisiana. Allerdings waren sie nicht besonders wohlhabend. Viele konnten sich keine eigene Familiengruft leisten. Für solche Fälle gab es hunderte schmale Gräber in den tiefen Friedhofsmauern. Weil die Särge dort über- und nebeneinander wie Brotlaibe hineingeschoben wurden, nannte man sie „Ofengräber“.

Das Gruselige daran: Diese Öfen funktionieren. Im subtropischen Südstaatensommer heizen sie sich auf bis zu 400 Grad Fahrenheit auf und funktionieren wie natürliche Krematorien. So heiß werden sie, dass schon nach einem Jahr und einem Tag von den Toten nur noch Asche übrig war. Nach diesem Zeitraum durfte ein Grab wieder geöffnet werden, um im Fall der Fälle das nächste Familienmitglied hinterher zu schieben.

Viele der deutschen Einwanderer starben an Gelbfieber. Weil sie sich keine eigene Gruft leisten konnten, wurden sie in den Friedhofsmauern in sogenannten „Ofengräbern“ bestattet.
„When one moves through the midst of a thousand or so of them and sees their white roofs and gables stretching into the distance on every hand, the phrase 'city of the dead' has all at once a meaning to him.“

Angesichts dessen möchte man Mark Twain fast zustimmen, wenn er schreibt:

I have been trying all I could to get down to the sentimental part of [graveyards], but I cannot accomplish it. I think there is no genuinely sentimental part to it. It is all grotesque, ghastly, horrible.

Und doch: Man kann fast gar nicht anders, als sentimental zu werden, wenn man heute durch diese Stadt der Toten wandert. Es sind so viele Leben, so viele Geschichten, die dort liegen, hinter Grabsteinen, die nach und nach von Unkraut berankt werden und deren Inschriften allmählich verblassen.