Journalistin & Moderatorin

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Himbeeren im Herbst

Jardins de Orion

„Ihr hättet im Frühling kommen müssen“, sagt Annie und biegt einen Zweig zur Seite, der über den Weg hängt. „Da sah es noch viel schöner aus!“ Wir stehen ganz oben in einem kleinen Hang, über den sich Annies Garten erstreckt. Es gibt Obstbäume, zwei Gewächshäuser, in denen sie Tomaten zieht, und vor allem jede Menge Himbeersträucher. Ein paar davon sind abgeerntet, an anderen kommen die Beeren gerade erst. „Wir haben Frühlings- und Herbsthimbeeren“, erklärt Annie. Und ihr Mann Paul ergänzt stolz: „Aus England importiert!“

Ich habe Annie im Château kennengelernt. Dort ist sie die Köchin, wenn wir große Gruppen zu Gast haben, und begeistert uns mit ihren Roasted Potatoes, ihren großartigen Saucen und verspielten Dessertkreationen. Dann trafen wir sie auf dem Marché des Producteurs, wo sie Aprikosen, Himbeermarmelade und selbstgemachte Scones verkaufte. Ich erfuhr, dass ihr eigentlicher Beruf das Bestellen eines Obstgartens ist.

Annie und Paul stammen aus Cornwall. Dort arbeitete Annie fast 20 Jahre lang als Krankenschwester und Paul in vielen verschiedenen Jobs. Irgendwann hatten sie davon genug. „Paul, lass uns auswandern!“, sagte Annie und Paul packte das Auto. Sie verkauften ihr ganzes Hab und Gut. „Alles, bis auf eine Lieferwagenladung“, sagt Annie. „Das war sehr befreiend.“ Dann fuhren sie los. Im Gepäck bloß ein Zelt, ihren Hund und das bisschen, was eben übrig geblieben war.

Sie fuhren durch Spanien, Portugal und Frankreich. Immer wieder standen sie auf einem tollen Hügel, in einem tollen Städtchen oder am Ufer eines tollen Gewässers. „Wie wäre es hier?“, fragte Paul dann. „Nein“, antwortete Annie, „hier nicht.“ Bis sie nach Orion kamen. Das war 2006.

Annie und Paul
Herbsthimbeeren in Orion

„Da war der Garten noch ein Dschungel“, sagt Paul. Zwei Jahre dauerte es, bis sie zum ersten Mal ernten konnten. „Am Anfang hatten wir viel zu viele Tomaten“, lacht Annie. „Aber man lernt ja dazu.“ Wie das Kochen hat sie auch das Gärtnern nie richtig gelernt – und beherrscht es doch fast perfekt. Ihr Wissen gibt sie gern weiter. Ich habe inzwischen unzählige kleiner Zettel mit Abschriften ihrer Rezepte – für Shortbread, Orangen-Karottensuppe oder Tomatenchutney.

Annie ist eine der herzlichsten Personen, die ich in Orion kennengelernt habe. Sie lacht viel und ärgert sich nie, hilft, wann immer sie kann, und freut sich mit einem über die vielen kleinen, schönen Dinge. Ich glaube, sie arbeitet viel, aber sie tut es in ihrem eigenen Garten, nach ihren eigenen Rezepten, in ihrem eigenen Takt. Das einzige, was sie in Frankreich vermisse, sagt sie, sei ihre Tochter, die noch in England lebt.

Man hat manchmal den Eindruck, Auswandern, das sei nur etwas für besonders flexible Menschen, ohne Bindungen und festen Job, die das nötige Kleingeld dazu haben. Von Annie und Paul habe ich gelernt, dass das eigentlich alles keine Rolle spielt. Man braucht nur die richtige Einstellung.

Die zwei hatten den Mut, ihrem beständigen, sicheren Leben in England eine neue Richtung zu geben. Sie haben vieles aufgegeben und sich etwas völlig Neues geschaffen. Jetzt haben sie einen anderen Alltag, andere Routinen – und sind doch immer noch Abenteurer im Herzen.

Diesen Winter, wenn es selbst im Gewächshaus zu kalt wird für die Tomaten und der Aprikosenbaum sich von den 40 Kilo Früchten erholt, die er diesen Sommer getragen hat, wollen die beiden wieder ihr Auto packen. Wohin es geht, wissen sie noch nicht genau. Portugal vielleicht, oder die Provence. „Aber zwei Monate ganz woanders zu leben“, sagt Paul, „das wäre doch mal was.“