Das Weblog von Eva Schulz

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Helsinki, die Hipster-Stadt?

Dass die Finnen in vielerlei Hinsicht ziemliche Streber sind, habe ich schon mehrfach festgestellt. Manchmal überholen sie sich dabei allerdings selbst. Zum Beispiel, was die Hipness (sagt man das so?) ihrer Hauptstadt anbelangt.

Hach Helsinki, manchmal bin ich sehr dankbar dafür, dass du zweisprachig bist.

Bereits 2011 ernannte das Monocle Magazin Helsinki zur lebenswertesten Stadt der Welt. Dieses Jahr wurde sie von Kopenhagen und Melbourne auf Platz 3 verdrängt – unter anderem, weil die Mieten inzwischen so hoch sind, dass selbst gut verdienende Yuppies sich kaum noch eine Wohnung im Zentrum leisten können. Gentrification galore! Doch wird die Stadt ihrem hippen Ruf überhaupt gerecht?

In-Viertel

Kallio, ein – natürlich! – ehemaliges Arbeiterviertel im Nordosten der Stadt, sei das „Neukölln von Helsinki“, heißt es. Deshalb habe ich mich an einem Samstag Nachmittag zu einer kleinen Safari aufgemacht. Berlins vermeintliche In-Viertel sind zu dieser Zeit meist voll mit jungen Familien, die eigenwillige Eissorten schlecken und sich mit Designerklamotten eindecken (q.e.d.). In Kallio hingegen lag der Hund begraben. Keine Fixie-Fahrer, keine Street Style-Fotografen, nicht mal ein Graffiti irgendwo.

Kultur

Gar nicht weit entfernt, in Sörnäinen, wird man aber fündig. Mein Lieblingsort war ein alter Schlachthof (Työpajankatu 2), der seit letztem Jahr unter anderem zwei Restaurants beherbergt. Viele Teile des Geländes sind heruntergekommen und werden erst nach und nach auf Vordermann gebracht. Das hält die Macher aber nicht davon ab, die Räumlichkeiten schon jetzt für Pop-up-Shops, Ausstellungen und Events – vom Nachtflohmarkt bis zur Pilzmesse – zur Verfügung zu stellen. Der Innenhof steht jedem zum Grillen, Gärtnern oder in der Hängematte Liegen offen.

"Spontaneous urban culture" versprechen die Macher des Teurastamo...
Das Stück Heidelbeerkuchen für 3,50 Euro - Blick aufs Wasser inklusive

Gleich um die Ecke finden im Sommer nahezu jedes Wochenende Festivals wie das elektronische Weekend und das stark ans Hamburger Dockville erinnernde Flow Festival statt. Hier kann man auch den neuen finnischen Street Style, der kürzlich auf Buzzfeed.com gefeiert wurde, beobachten.

Einkaufen

Apropos Street Style: Ich bin kein Modemädchen, aber heimlich hatte ich mir doch erhofft, das eine oder andere schicke skandinavische Hemd mit nach Hause bringen zu können. Was Klamotten anbelangt, beschränkt sich Helsinki allerdings auf die typischen Ketten und Malls. Einzig der Outlet-Store im Hauptquartier des weltberühmten Labels Marimekko vor den Toren der Stadt (Puusepänkatu 4) wäre hier hervorzuheben – allerdings ist der nichts für den kleinen Geldbeutel.

Wer auf der Suche nach Einrichtungsgegenständen und Möbeln ist, hat da schon eine größere Auswahl. 2012 war Helsinki Designhauptstadt, ein Titel, den es auch jetzt noch tapfer verteidigt. Das sogenannte Design District erstreckt sich im Grunde über die gesamte Innenstadt, kann aber auch gezielt mithilfe der überall ausliegenden Pläne oder einer eigenen App erkundet werden.

Kunst

Ein Design Museum gibt es natürlich auch. Viel besser gefallen hat mir aber das Kiasma, Helsinkis Museum für moderne Kunst, das allein wegen seiner Architektur schon einen Besuch wert ist. Hier finden stets mehrere, sehr unterschiedliche Ausstellungen zugleich statt, wobei großer Wert darauf gelegt wird, möglichst viele verschiedene Kunstformen – von der Malerei über Medien bis hin zu Installationen – abzubilden. Samstags gibt es kostenlose Führungen auf Englisch.

Grün

Im Bear Park in Kallio liegt der Hund begraben.
Es ist ein Klischee, aber: der botanische Garten ist tatsächlich eine Ruheoase mitten in der Stadt.

Während gefühlt ein Drittel der Stadt gerade Baustelle ist (die drei alten Häfen sind längst zu klein für ihre eigentliche Funktion und werden jetzt in moderne Wohn- und Arbeitsareale umgewandelt), ist ein weiteres Drittel grün. Es gibt einige Parks, in denen allerdings auffällt, dass die Finnen nicht gerade große Gärtner sind. Wer nach Blumen und Bienen sucht, ist im botanischen Garten richtig. Wer lieber Leute gucken will, lässt sich auf einer der Bänke im Esplanadenpark nieder. Hier findet man auch die traditionellen Holzverkleideten Kioske, in denen unter anderem Lakritzeis verkauft wird. Das ist in Finnland etwa so beliebt wie bei uns Erdbeere oder Straciatella – und schmeckt tatsächlich nicht schlecht.

Blau

Was für ein Luxus: Das Meer ist in Helsinki irgendwie überall.
Das Cafè Johan & Nyström liegt direkt am Wasser.

Obwohl ich ein absoluter Gartenmensch bin, hat es mich in Helsinki doch immer eher ans Wasser gezogen. Welches zu finden ist nicht schwer: Es gibt in der Innenstadt eigentlich keinen Punkt, von dem aus man nicht irgendwo einen Segelmast in die Höhe ragen sehen würde. Überall ist Wasser, überall sind Boote, Möwen, tutende Fähren. Fragt man die Finnen nach ihren typischen Gebäuden – „was ist denn euer Eiffelturm, euer Brandenburger Tor, euer Empire State Building?“ – schauen sie bloß irritiert. „Wir haben doch die Wälder! Und das Wasser!“ Das Monocle Magazin hat schon recht: Der Mangel an Postkartenmotiven wird definitiv durch ein Plus an Lebensqualität ausgeglichen.

Cafés

Die lässt sich wunderbar von einer der zahlreichen Inseln aus genießen – oder im Café Regatta (Merikannontie 10). Dort werden den ganzen Tag über frische Korvapuustit gebacken, für die die Gäste bis nach draußen Schlange stehen. Wer eins ergattert hat, lässt sich direkt am Wasser den Wind durch die Haare wehen und beobachtet die Jugendlichen, die sich vom Café ein Kanu ausgeliehen haben und gegen die Strömung anpaddeln.

Das Stück Heidelbeerkuchen für 3,50 Euro - Blick aufs Wasser inklusive
Romantisch: das Café Regatta in einem der typisch skandinavischen, roten Holzhäuser

In der Innenstadt, direkt gegenüber dem strahlend weißen Dom, befindet sich das Café Köket (Aleksanterinkatu 16-18). Hier gibt es nicht nur leckeres Gebäck und finnische Frauenmagazine, sondern auch eine abwechslungsreiche Mittagskarte und an den Wochenenden ein üppiges Brunchbuffet. Wenn es dort schon voll ist, lohnt sich ein Spaziergang zum Johan & Nyström (Kanavaranta 7C), das mindestens ebenso gemütlich ist und, wie sollte es auch anders sein, ebenfalls direkt am Wasser liegt.

Fazit

Helsinki von oben: viel Wasser, viel Baustelle.
Der beste Stadtplan ist der von USE-IT - mit vielen Tipps von Einheimischen.

Helsinki ist keine Stadt, in die man sich auf den ersten Blick verliebt. Es gibt zwar einige hübsche Jugendstilhäuser und nette Märkte, aber keine romantische Altstadt oder aufregende Sehenswürdigkeiten (abgesehen von den Eisbrechern in Katajanokka natürlich). Stattdessen: viel moderne Architektur, viele Baustellen. Die Stadt ist im Umbruch. Zum Beispiel fehlt ihr noch eine ausgeprägte Infrastruktur für Fahrräder, wie man sie in skandinavischen Städten heute eigentlich schon voraussetzt. Dafür gibt es aber fast überall ein freies WiFi-Netz. Das hilft beim Erkunden der Stadt, denn in Helsinki muss man die guten Orte (noch) suchen. Falls ihr euch als „Early Adopter“ fühlt und die Stadt bereisen wollt, bevor sie von den gelangweilten Hipstern aus Kopenhagen und Melbourne überrollt wird, empfehle ich den Stadtplan der großartigen „no-nonsense“-Initiative USE-IT.