Das Weblog von Eva Schulz

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Über Häfen

„To multiply the harbors does not reduce the Sea.“
Emily Dickinson

Ich habe ein Boot gekauft. Das war ein wertvoller Moment in einem billigen Souvenirgeschäft im Hamburger Hafen.

Dieses Boot wird mein Andenken an Hamburg werden. Seit zwei Monaten bin ich hier, und in ein paar Wochen schon wieder weg.

Das geht nun seit zwei Jahren so. Seit dem Umzug aus Friedrichshafen, wo ich studiert habe, war ich nie länger als drei, vier Monate an einem Ort. Das letzte Jahr allein hat mich auf drei verschiedene Kontinente gebracht: Ich habe in Hogwarts geforscht und ein Roadtrip-Abenteuer durch die amerikanischen Südstaaten unternommen, einen traumhaften Berliner Sommer verbracht und bin dann in ein Land gezogen, das eigentlich zwei ist, und das mir eine Zeit beschert hat, die oft mehr intensiv als schön war.

Intensiv ist sehr, sehr gut. Intensiv bedeutet rauszukommen aus der Komfortzone, dahin, „where the magic happens“. Intensiv heißt Empfinden, Staunen, Lernen – Wachsen. Das geht auf keine andere Weise so gut wie auf Reisen.

Der Reisende braucht nichts und deshalb vor allem eines: Kraft.

Völlig zu recht wird das Leben aus dem Koffer in vielen Büchern, Filmen und Songs glorifiziert. Der Reisende lebt in maximaler Freiheit. Er braucht nichts und deshalb vor allem eines: Kraft.

In Israel und Palästina habe ich mich oft gefühlt wie früher im Schulbus, wenn es keine Sitzplätze mehr gab und auch keinen Haltegriff in Reichweite. Dann muss man auf den eigenen zwei Füßen ausbalancieren. Alleine stehen.

Wer von einem Hafen zum nächsten reist, ohne einen Heimathafen zu haben – eine Wohnung, einen Job, eine Beziehung – muss sehr sicher im Wasser liegen. Sehr bei sich sein. Sonst können die vielen neuen Eindrücke, die ständigen Ortswechsel, die flüchtigen Begegnungen der Ballast werden, den man eigentlich vermeiden wollte.

Als ich aus Tel Aviv zurück kam, war mein größtes Bedürfnis deshalb, endlich irgendwo anzukommen. Ankommen, das bedeutet für mich, eine Wohnung zu haben, in der ich einen Nagel in die Wand schlage und den Balkon bepflanze. Einen Kleiderschrank zu haben, in dem mehr hängt als bloß die immer gleichen fünf Pullover. Freunde zu haben, die nicht nur Ausgeh-Freunde sind, sondern welche, bei denen man spontan vorbeischauen kann, um gemeinsam zu lungern. Eine Routine zu haben und manchmal vielleicht sogar: Langeweile.

Ist das eine Suche? Oder eine Flucht?

Ich glaube, das Bedürfnis nach all diesen Dingen ist am Ende vor allem das Bedürfnis danach, sich einmal kurz abzubilden. Wie wohne ich, wie kleide ich mich, mit wem umgebe ich mich – das sind alles Antworten auf die Frage: Wer bin ich denn eigentlich? Zwei Jahre und so viele Häfen später?

Im Hamburger Hafen, mit Blick auf die berühmten Kräne und das Trockendock von Blohm und Voss, stelle ich fest: Ich bin jetzt ziemlich genau die, die ich mit 25 sein wollte. Nur angekommen bin ich noch nicht.

Ich bin zur Reisenden geworden und manchmal nicht sicher: Ist das eine Suche? Oder eine Flucht?

Mit herzlichem Dank an den tollen Raphael Raue für das perfekte Foto zu diesen Text.