Das Weblog von Eva Schulz

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Durham, North Carolina: Kulturgeschockt am Rande der Südstaaten

Nach Amerika zu kommen fühlte sich noch genauso an wie bei meinem ersten Mal 2006. Nur war ich dieses Mal nicht als Touristin hier, sondern als Journalistin und Studentin. Die Berliner Rias Kommission fördert deutsche Journalisten mit sogenannten „Visiting Media Fellowships“, die einen einmonatigen Aufenthalt an der renommierten Duke University ermöglichen. Vier Wochen lang durfte ich sämtliche Ressourcen der Universität nutzen, alle Profs ansprechen und Bibliotheken besuchen, mich in jeden Kurs setzen und durch die unzähligen Coffee Shops auf dem Campus probieren.

Das Programm begann mit Field Trips nach New York und Washington. Wir trafen Reporter und Redakteure, besichtigten die Newsrooms der New York Times und des Wall Street Journal, besuchten das neue Facebook Office und das Watergate Building. So weit, so westlich. Doch dann zogen wir weiter – raus aus dem Westen, rein in den Süden. Nach Durham, North Carolina. Völlig überraschend hatte ich dort einen amerikanischen Kulturschock. Oder eher: einige Kulturschock-Momente.

Gefangen in der amerikanischen Weite

Die unendlichen amerikanischen Weiten gelten als das Sinnbild von Freiheit, Unabhängigkeit, Selbstbestimmtheit. Was dabei aber oft vergessen wird, ist, dass sich diese Vorzüge nur dem erschließen, der ein Auto hat.

Wir waren typisch amerikanisch untergebracht, in einer Wohnsiedlung außerhalb der Stadt. Zig gelbe, hölzerne Häuser, alle genau gleich aufgeteilt, standen mitten im Wald. In jedem gab es acht identisch möblierte Wohnungen. Und 100 Meter Luftlinie entfernt schon die nächste Apartmentanlage. Aber ein Supermarkt? Ein Café? Vielleicht eine Postfiliale? Fehlanzeige. All das war mindestens eine Viertelstunde Autofahrt entfernt, in Downtown, der Innenstadt.

Für unsere Stipendiengeber war es selbstverständlich, uns einen Mietwagen zur Verfügung zu stellen – zum Glück. Trotzdem hat es mich verrückt gemacht, nicht kurz zum Kiosk um die Ecke springen zu können, wenn mich die Lust auf einen Chocolate Chip Cookie packte, oder in einen Park zu flüchten, wenn mir daheim die dünne Sperrholzdecke auf dem Kopf fiel. Die einzige Strecke, die man zu Fuß zurücklegte, war die von der Haustür zum Parkplatz davor. Meine einzige wirkliche Begegnung blieb die mit dem Waschbär am Müllcontainer.

Die amerikanische Weite kam mir wie ein Gefängnis vor.

Was ist Fast Food?

Ich bin in Amerika also sehr viel Auto gefahren. Aber auch sehr viel gelaufen – über den Duke Campus, auf der Suche nach einem annehmbaren Mittagessen. Es ist nicht so, als gäbe es da keine Auswahl. Im Gegenteil: Auf dem Universitätsgelände finden sich über 20 verschiedene Restaurants. Aber täglich bei McDonald’s essen, oder im Asia Imbiss an der Business School? Als ich einer Kommilitonin einmal erzählte, wie befremdlich die vielen Fast Food-Filialen auf mich wirkten, schaute sie mich verwundert an: „Viel Fast Food, sagst du? Aber wir haben doch auch Subway!“

Kulturschock bedeutet vor allem: seine eigenen kulturellen Definitionen zu hinterfragen. Ein Subway-Sandwich ist für mich immer schon Fast Food gewesen. Die amerikanische Studentin jedoch nannte es „home made“: Immerhin belegt da ein Mann im grünen Poloshirt ein Stück Brot ganz frisch für sie. Mit Salat! (Und unsäglich viel Mayo.) Als „home made“ gilt in Südstaaten-Diners allerdings auch schon eine Portion Kartoffelpuffer, die in der Mikrowelle aufgewärmt wird.

Ich habe ziemlich viele Kalorien verbrannt auf der Suche nach Gemüse oder dunklem Brot. Und allzu oft tatsächlich nichts gefunden. Am Ende aß ich sehr viele Tacos. Und Burger. Und Chocolate Chip Cookies.

Umwelt-un-bewusstsein

Als wir im März in Washington ankamen, lag dort noch Schnee. Auch in Durham, wo man Weihnachten normalerweise beim BBQ auf der Veranda feiert, hatten sie den ungewöhnlich harten Winter zu spüren bekommen. Darauf, dass das mit dem Klimawandel zusammenhängen könnte, kam jedoch niemand. Im Gegenteil: „Die Politiker sagen: Wenn es dermaßen kalt wird, kann Global Warming ja nur Quatsch sein“, erzählte mir einer meiner Dozenten.

In Amerika gibt es vieles von dem, was wir als Erderwärmungsbeschleuniger erkannt haben, erschreckend günstig und im Überfluss: Benzin. Plastiktüten. Elektrische Heizungen. Der Klimawandel ist hier billig zu haben. Seine Auswirkungen werden aber umso teurer.

Etwa zwei Wochen lang wehrte ich mich mit Händen und Füßen gegen diese Ignoranz, stets den europäischen Zeigefinger in der Luft. Dann akzeptierte ich es irgendwann, weil mir meine Arroganz schon selbst auf die Nerven ging. Ich nahm mir vor, dieses Amerika fortan lieb zu haben. Das Land und seine Leute haben mir das ziemlich leicht gemacht. Wie? Das will ich in den nächsten Wochen hier aufschreiben. Kommt mit! Ich verspreche: Es wird abenteuerlich.