Journalistin & Moderatorin

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Im Bunker meiner Uni

„Ich kann gerade nicht, ich gehe jetzt mit Eva in den Bunker!“, rief Ole einer Kommilitonin zu, die uns in der Bibliothek entgegenkam. Weil ich mich allein nicht recht traute, hatte ich Ole überredet, mit mir herunterzusteigen in den Keller unserer Uni. In den Bunker.

Im Bunker der Hebräischen Universität Jerusalem

Ich verbinde mit Bunkern den Zweiten Weltkrieg und die gruseligsten Geschichten aus der Kindheit meines Großvaters. Sehr düster, und sehr weit weg.

Für Israelis hingegen sind Bunker ganz nah. Sie liegen um die Ecke von ihren Wohnungen, in den Kellern ihrer Bürogebäude oder eben auf den Campus ihrer Unis. Der Bunker der Hebräischen Universität von Jerusalem ist im untersten Stockwerk der Bibliothek gelegen, zwei Stockwerke unter der Erde, und auf dem ganzen Campus ausgeschildert.

Im Bunker der Hebräischen Universität Jerusalem

Im Bunker der Hebräischen Universität Jerusalem

Der Eingang ist – logisch – immer offen. Trotzdem ist außer uns niemand hier. Beim Betreten fragen wir uns unweigerlich, ob sich wohl schon einmal Studenten zum Sex hierher verzogen haben. Aber Ole schüttelt den Kopf. „Das ist doch das Gegenteil von romantisch.“

Im Bunker der Hebräischen Universität Jerusalem

Im Bunker der Hebräischen Universität Jerusalem

Die Atmosphäre ist mir völlig fremd. Schwere Türen, kein Geräusch außer dem Surren der Neonröhen. Kühle Luft, kein Tageslicht. Ich schaue auf mein Handy – das Uni-WLAN reicht nicht bis hier unten, aber Telefonieren ginge noch.

Obwohl die Decken überraschend hoch sind und die wenigen Räume sehr groß, fühlt sich das bedrückend an. Wie viele Leute passen hier wohl rein?

Im Bunker der Hebräischen Universität Jerusalem

Im Bunker der Hebräischen Universität Jerusalem

„Ein paar hundert“, sagt Pnina, die mit uns studiert. Sie erzählt, dass der Bunker zuletzt im vergangenen Sommer benutzt wurde, als Sirenen über Jerusalem ertönten und vor Raketen aus Gaza warnten. „Das ist nicht nur für euch komisch“, sagt Pnina, „für uns auch.“ Denn in Jerusalem oder Tel Aviv kommt ein Alarm längst nicht so oft vor wie direkt an der Grenze zu Gaza, wo die Menschen im Juli zum Teil ganze Tage in den Schutzräumen verbrachten.

Im Bunker der Hebräischen Universität Jerusalem

Im Bunker der Jerusalemer Uni bleibt man vielleicht zehn Minuten, danach ist die Gefahr in der Regel vorüber. Deswegen braucht es hier auch keine Sitz- oder Schlafgelegenheiten, keine Essensvorräte. Nur sehr viel Klopapier.

Im Bunker der Hebräischen Universität Jerusalem

Im Bunker der Hebräischen Universität Jerusalem

Kurz vor der Prüfungsphase im letzten Sommer schickte die Uni eine Rundmail: „Sollte es während einer Prüfung zu einem Alarm kommen, haben Sie Anspruch auf einen Nachholtermin. Wir regen jedoch an, dass sie die Klausuren nach der Unterbrechung fortsetzen.“

Daran wird deutlich, wie abgebrüht, fast zynisch die Israelis inzwischen mit Kriegssituationen umgehen. Pnina findet: zu abgebrüht.

Im Bunker der Hebräischen Universität Jerusalem