Das Weblog von Eva Schulz

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Angst

Seit Paris kann ich nachts schlecht schlafen.

Dabei ist Terror nichts Neues für mich. Bis vor wenigen Monaten habe ich in Jerusalem gelebt, wo es eine Zeit lang jede Woche neue Attacken gab, Messerstechereien, Amokfahrer. Aber dieser Terror richtete sich nie gegen mich. Es war politischer Terror der Palästinenser gegen die Israelis.

Paris hingegen war eine Attacke auf mich und darauf, wie ich lebe.

Vier Wochen zuvor hatte ich im Bataclan getanzt. Wenn ich jetzt eines der ungeheuerlichen Fotos sehe, auf denen die verpixelten Leichen liegen, kann ich genau sagen, neben welcher ich gestanden hätte. Oder gelegen, wer weiß das schon. Vielleicht gehen mir die Nachrichten deshalb nun so viel näher.

Nach wie vor habe ich keine Angst um mein Leben im Sinne von: es zu verlieren. Aber ich habe Angst um mein Leben – davor, wie es sich verändern wird.

Ich bin begeisterte Europäerin. Als solche war ich es gewohnt, binär zu denken. 0 oder 1, Krieg oder Frieden. Im Europa meiner Jugend eigentlich immer: Frieden.

Am 11. September 2001 war ich elf Jahre alt. Die einstürzenden Türme waren der Beginn meiner politischen Wahrnehmung. Ich erinnere mich auch noch, wie ich ein Jahr später einen merkwürdigen Stolz fühlte, als unsere Regierung verkündete, beim Krieg im Irak nicht mitzumachen.

Heute bin ich wieder so komisch stolz darauf, in einer Stadt zu leben, die widerständig ist, die sich von anderthalb Wochen „Ausnahmezustand“ nicht aus dem Takt bringen lässt. Die Brüsseler haben angesichts der höchsten Terrorwarnstufe mit ihrem Alltag weitergemacht, so gut es ging: Büros und Läden blieben geöffnet, Busse fuhren weiterhin, Uni-Seminare wurden off-campus abgehalten. Anders war bloß die erhöhte Militärpräsenz.

Das ist etwas, das ich schon kenne. In Jerusalem gehört es zum Alltag, dass schwerbewaffnete Soldaten in der Innenstadt patrouillieren, dass man Unis und Einkaufszentren durch eine Sicherheitsschleuse betritt und stets weiß, wo der nächste Bunker ist. Nur für den Fall.

Es ist kein Leben im Krieg, aber auch keines in Frieden. Es ist ein Leben im Dazwischen.

Bewaffneter Soldat im Bus in Jerusalem

Ich habe meine Lebensqualität dort als sehr hoch empfunden. Es gab tolles Essen, ich wohnte in einer schönen Wohnung, am Wochenende gingen wir wandern in der West Bank oder feiern in Tel Aviv. Erst später wurde mir klar, dass all das mit einer ständigen latenten Paranoia einherging, die über der gesamten Gesellschaft liegt. Das Dazwischen macht diese Gesellschaft, ihre Politiker, ihre Medien fahrig, unbesonnen, aggressiv.

Die israelische Soziologin Eva Illouz spricht in der Zeit (47/2015) von „Sicherheitsfetischismus“, davon, dass „die Gewährleistung maximaler nationaler Sicherheit an die Stelle von diplomatischen Initiativen und Außenpolitik tritt und sich letztlich über Menschenrechte und demokratische Werte hinwegsetzt“.

Das klingt überhaupt nicht europäisch. Das klingt überhaupt nicht nach dem, was ich mir für mich, mein Leben, meine Gesellschaft wünsche.

Die amerikanische Antwort auf Terror war schon 2001 Krieg. Aber man kann Kriege heute nicht mehr gewinnen.

Sollten wir es all die Jahre, all die zerstörten Länder und Leben später nicht besser wissen? Sollte die europäische Antwort auf Terror nicht eine andere sein? Zumal dieser Krieg anders sein wird. Er wird uns näher sein als Irak oder Afghanistan, er wird noch verworrener sein, vielleicht auch noch hoffnungsloser. Er wird uns nachts noch schlechter schlafen lassen.