Das Weblog von Eva Schulz

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„And you’re a communist, too!“

Meinen ersten Trump-Supporter treffe ich im Regionalzug von Lindau nach Oberstaufen. Wo auch sonst.

Er hat raspelkurze Haare und dunkle Augen, trägt ein kariertes, kurzärmliges Hemd und einen Rucksack, der für vier Wochen Europa-Trip reicht. Ich werde seinen Namen nicht erfahren, aber dafür seine musikalischen Vorlieben (Klassik und Metal), seine Herkunft (Tennessee) und seine politische Überzeugung (“Donald Trump”, voller Stolz).

Dabei reden wir doch eigentlich nur über Berlin. Dass es da vielleicht etwas chaotischer, aber eben auch bunter sei als in Süddeutschland, sage ich. “Germany made a mistake to take in all these Arabs”, sagt er. “They’re not treating their women right, and you’re throwing your identity away for that.” Huch. Ich erkläre, warum Deutschland die Flüchtlinge aufgenommen hat, dass das mit den unterdrückten Frauen doch wirklich ein Klischee sei und ich unsere Identität nicht gefährdet sähe. Er sieht das anders. Dann fangen wir an zu streiten.

“Trump is great. He is a successful business man, has a beautiful family, and he says it like it is. He is not a liar like Hillary.” Es ist, als seien alle Argumente, die meine Filterblase FÜR Clinton und GEGEN Trump verwendet, plötzlich umgekehrt. “Hillary lies about everything, she started all these wars” – er rattert eine Liste von Konflikten runter, so schnell, dass die Bilder in meinem Kopf gar nicht hinterherkommen – “she started the wars that lead to the mess that Syria is today. She just wants power, and money.”

Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll. Sage, dass ich mir Sorgen mache, was mit Deutschland und Europa geschehen wird, sollte Trump Präsident werden. Dass ich Clinton für die bessere Diplomatin halte. Er schaut mich entgeistert an. “But Trump is not going to bomb everybody, like she would. He is gonna make great deals with them!” Great Deals also.

Jetzt rasen wir von Waffen zu Welfare zu Wirtschaft (“You can not tax the 1 percent, that’s like cutting off the economy’s head!”), von Melania zu Migrants zu der Mauer, die Trump an der Grenze zu Mexiko bauen will. Ich erzähle von der Berliner Mauer und von der, an der ich in Jerusalem gelebt habe, und dass ich die eigentlich alle ziemlich schlimm finde. Aber nein, meint mein Sitznachbar, das seien keine guten Beispiele. “Think of the Great Wall of China!”

Das Ding ist: Er erfüllt nicht das Klischee. Ja, er stammt aus dem Süden, und ja, in seiner Familie waren die Männer seit Generationen beim Militär. Aber nein, er ist nicht dumm. Er ist belesen, zitiert bekannte Wirtschaftswissenschaftler und weiß Dinge über Angela Merkel, die ich selber erstmal googlen muss. Er ist auch sehr gut darin, die Dinge zu verdrehen: “What you guys are doing is basically communism. Which is no surprise, given that Merkel is a communist. I’ve seen pictures of her in uniform.”

Ich fühle eine dumpfe Mischung aus Wut und Verzweiflung. Nicht, weil er mich angreift (“And you’re a communist, too!”), sondern, weil da gar kein Durchkommen ist. Ich habe einfach nicht genug Pfeile im Köcher, um dieser Trumptirade zu begegnen.

Nach einer halben Stunde steht er auf, “I’m going to sit somewhere else”, und genau da fahren wir im Endbahnhof ein. Im Nachhinein frage ich mich, ob sein Reißaus nicht sogar ein kleiner Erfolg war.

In diesem Moment im schwäbischen Regionalzug hatte ich den Reflex, jemand völlig Fremden, mit fremden Werten, fremden Ansichten, fremden Zielen vom Gegenteil überzeugen zu wollen. Aber hätte ich mich an seiner Stelle auf sowas eingelassen? Und selbst, wenn man mich zum Zweifeln gebracht hätte – ich hätte es doch niemals zugegeben!

Diese Begegnung hat mich Tage lang beschäftigt. Heute ärgere ich mich darüber, dass ich nicht empathischer war. Konfrontation löst Abwehr aus. Was wäre wohl passiert, wenn ich mehr nach Gemeinsamkeiten gesucht hätte und weniger nach Gegensätzen?

In wenigen Tagen fliege ich nach Amerika. Ich habe mir fest vorgenommen, es dort anders zu machen.