Frau Wanka, nehmen Sie den Druck raus!

Es stimmt: Der heutigen Abiturienten- und Studierendengeneration geht es wirklich gut. Doch angesichts unzähliger neuer Möglichkeiten ist es schwieriger als je zuvor, sich zu entscheiden.

Als wäre das nicht Druck genug, machen Eltern, Politiker, Chefs und Medien noch mehr Stress: Wir sollen die Schule in zwölf und den Bachelor in drei Jahren durchziehen (Zeitdruck), uns gegenüber der Konkurrenz nicht nur aus Deutschland, sondern der ganzen Welt positionieren (Konkurrenzdruck) und dabei natürlich die besten, stärksten und kreativsten sein (Leistungsdruck).

Liebe Frau Wanka, bitte holen Sie uns zurück auf den Teppich. Machen Sie Werbung für Auslandsjahre und Freiwilligendienste – aber nicht, um den Lebenslauf zu pimpen, sondern um herauszufinden, wo er überhaupt hinführen soll. Machen Sie Werbung für Pausen, fürs Luft Holen, fürs Rauskommen. Weil man erst abseits dieses ganzen Zirkus herausfinden kann, was wirklich wichtig ist.

Viele weitere Wünsche an Frau Wanka auf ZEIT Online, 14. Februar 2013

12 Kommentare

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  1. Mitleser sagt:

    OoooOoooh! Die armen jungen Menschen.

    Macht es doch einfach! Nehmt euch doch einfach die Zeit!

    Warum unterwerft ihr euch denn diesem Druck? Weil es die Erwachsenen so wollen?

    Steht doch auf und geht. Macht euren Weg.

    ABER dafür braucht es es Rückgrat! Und das gibt keine Ministerin, sondern das muss man sich selbst erarbeiten. Und dafür muss man sich gegen den Strom stellen.

    Dann klappt es auch mit dem Lebenslauf.

  2. Mitleser sagt:

    ps: Wenn IHR jungen Leute euch gegen die Existenzängste eurer Mittelstandseltern stellt, dann ist da nämlich gar kein Druck mehr. ;-)

  3. lisa sagt:

    Lieber Mitleser, ja, das wäre schön, wenn alle Menschen so unabhängig von den Meinungen und dem Druck Dritter wären, wie wir uns das alle gern einreden! Faktisch ist das aber nicht so. Die meisten von uns wollen es irgendwem recht machen, irgendwem gefallen, nicht aus der Rolle fallen. Und das ist absolut verständlich.
    Der Appell sollte also nicht nur an die “armen jungen Menschen” gehen (was soll der Sarkasmus?), sondern sehr wohl auch an alle, die es verpassen sie zu ermutigen, ihnen Lust und Mut zu machen. In erster Linie sollten das natürlich Eltern und das soziale Umfeld sein, aber viele von denen orientieren sich nun mal (auch) daran, was “die da oben” sagen.

    • Mitleser sagt:

      Liebe Lisa,

      diese Art der Aufrufe “die Menschen da oben sollen doch mal …” halte ich für die einfachste und damit auch gefährlichste Form der Abgabe von Verantwortung. Nicht DIE da oben müssen, sondern jeder Mensch muss erst mal für sich – denke ich.

      Es ist so einfach, Stellvertreter für die eigenen Herausforderungen zu suchen.

      Ich glaube, dass die meisten jungen Menschen ihren Weg gehen können, den sie für richtig halten. Dafür müssen sie sich aber von gesellschaftlichen und meist auch den elterlichen Erwartungen emanzipieren. Und DAS ist natürlich schwer und es wird einem bei diesem Prozess auch nichts geschenkt.

      Aber es geht. Und ich glaube, dass der wichtigste Punkt darin liegt, dass man seine Verlustängste gegenüber irgendwelchen materiellen Werten erst mal über Bord werfen muss, um sich ein eigenes Wertesystem aufzubauen.

      Womit wird denn der Druck erzeugt? Du sollst einen tollen Abschluss machen, damit du einen hochbezahlten Job bekommst. Du sollst dich unter- und einordnen, damit du deine Karrierechancen und damit die Chance auf noch mehr Geld nicht vergeigst.

      Wenn man aber erst mal das Geld außen vor lässt und sich seinem Talent, seinem Können bewusst wird, um dann die Entscheidungen für Bildungswege trifft, kommt das gute Geld oft von allein. Warum? Weil man in dem, was man macht, auch besonders gut ist.

      Sarkasmus provoziert oft einen Dialog. Deshalb Sarkasmus ;-).

      Gruß vom Mitleser.

      • Luis sagt:

        Natürlich ist es wichtig, dass sich jeder nach seinen eigenen Vorstellungen richtet. Wer dann aber immer noch Psychologie oder Medizin studieren will, kann dem trotzdem nicht entweichen. Mit einem (nur) guten Abi kann das nämlich sehr schnell unmöglich werden.

        Des Weiteren ist es schwer genug, wenn du bereits in der vierten oder sechsten Klasse einen angemessenen Notenschnitt brauchst, um auf ein Gymnasium zu kommen, dass du dir wünscht. In dem Alter ist nämlich niemand in der Lage unabhängig von Eltern oder Lehrer sich nach seinen eigenen Vorstellungen zu richten und dem Leistungsdruck, der einem mehr oder weniger aufgelegt wird, zu trotzen.

      • Eva sagt:

        Lisa hat sehr gut beschrieben, was mir beim Verfassen meines Wunschs durch den Kopf ging. Lieber Mitleser, du hast natürlich recht – dass ein junger Mensch sich von all dem Druck löst, sollte am besten aus ihm selbst heraus geschehen. Aber das ist eine große Herausforderung und deshalb finde ich es wichtig, dass das Umfeld dabei mitmacht.
        Ich habe das ja selbst erlebt. Hinter den Links in dem Eintrag findest du den Rückblick auf mein Pausensemester, über das ich bis heute sehr froh bin. Ich habe mich ein halbes Jahr lang aus dem Unikontext und auch von vielen Faktoren wie Prestige, Geld, Konkurrenz etc. lösen können. Rückblickend weiß ich aber, dass das dauerhaft schwierig für mich wäre. Mein Umfeld – verständnisvolle Eltern und eine Uni, an der das Ausprobieren und anders Machen propagiert werden – haben dieses Experiment unterstützt.
        Wie wertvoll eine solche ideelle Unterstützung ist, ist mir bewusst geworden, als wir für Klub Konkret an einer G8-Schule unterwegs waren. Dort scheint das Umfeld ein deutlich repressiveres zu sein. Daraus als noch jüngerer Mensch, als ich es bin, auszubrechen, stelle ich mir sehr schwer vor. Da kann es helfen, wenn das Umfeld – angeregt durch die neue Ministerin – signalisiert: Ausbrechen ist völlig okay, das sollst du sogar!

  4. Mitleser sagt:

    Lisa, Eva & Luis,

    natürlich habt ihr mit all euren Einwänden ebenfalls recht.

    Ich habe selbst 2 Kids. Meine Aufgabe ist es, sie zu Menschen erziehen, die ihre eigenen Entscheidungen entsprechend ihrem Alter selbst treffen können. DAS ist eine schwierige Aufgabe, denn ich muss mich mit ihnen ständig auseinandersetzen und dabei auch selbst eine Menge an Kritik einstecken. Manchmal nervt das sogar, aber am Ende werde ich ihnen hoffentlich nur so beibringen können, wie sie die Vorgaben der Erwachsenenwelt und der Gesellschaft rechtzeitig hinterfragen.

    Wozu diese Ausführung zu meinem Leben? Weil es euch vielleicht zeigt, wie viel Einfluss das Umfeld auf euch hat. Ihr (stellvertretend für die Mehrheit der Jugendlichen) werdet von Eltern und Gesellschaft erzogen, die euch ihre Vorgaben überhelfen (wollen).

    Wenn ihr also etwas anders machen wollt, dann müsst ihr es selbst tun und euch von den Vorgaben Dritter lösen. Das geht nicht zu jeder Zeit, aber ab einem bestimmten Zeitpunkt geht es. Dieser ist bei Einigen früher, bei Anderen später.

    Ich musste mich auch erst emanzipieren und das war echt anstrengend. Heute habe ich kein gutes Verhältnis zu meinen Eltern, aber dafür ganz wichtige Entscheidungen für mein Leben sehr frei treffen können, die sich bisher unheimlich gut anfühlen. Wäre es nach dem Wunsch und Willen meiner Eltern und meines gesellschaftlichen Umfeldes gegangen, würde ich heute gut eingeordneter Beamter oder Buchhalter sein. Das sind ehrenwerte Berufe, aber sie entsprechen nicht meinem Wesen.

    Was ich sagen will: Man kann vieles über den geraden Weg machen, dann ist man schnell, effizient und sicherlich auch gesellschaftlich sehr anerkannt. Meistens ist man dann aber auch einen Weg sehr vieler Kompromisse gegangen, denn der gerade Weg bedeutet oft, die eigenen Bedürfnisse zurückzustellen, um nicht zu viele unbequeme Hindernisse überwinden zu müssen.

    Geht man seinen eigenen Weg, ist der meist länger, anstrengender und in Sachen Geld sicherlich auch komplizierter. Allerdings wird man auf diesem Weg so viel mehr lernen, dass man sich durch viele Situationen, die im Leben dann wirklich kompliziert werden, mit viel mehr Verstand und Selbstsicherheit manövrieren kann. Dieser Weg bedeutet aber auch, dass man Autoritäten infrage stellt. Dafür wird man immer viel Gegenwind ernten, aber am Ende wird es helfen, die harten Zeiten des Lebens deutlich besser zu meistern.

    Macht euer Ding, die Politik kann da nicht viel helfen. Sie braucht zu lange, um direkten, unmittelbaren Einfluss auf euer Leben zu haben. Lebt euren FreundInnen und Mitmenschen vor, wie ihr etwas verändert und infrage stellt. Dann macht ihr mehr als Forderungen an die Politik zu formulieren.

    Auf der anderen Seite: Eva, du bist inzwischen eine Medienstimme. Insofern finde ich es trotzdem gut, dass du sie für solche Themen einsetzt. Die Politik wird dich vermutlich nicht hören/ lesen, aber deine Mitmenschen, die diesen Aufruf lesen, werden vielleicht anfangen darüber nachzudenken. Also: Danke für den Impuls zu dieser Diskussion. ;-)

  5. Kübra sagt:

    Interessant in diesem Kontext: “Why I Hate School But Love Education” von Suli Breaks. http://www.youtube.com/watch?v=y_ZmM7zPLyI

  6. Liebe Eva,
    letztes Jahr hatte ich dein Press Pause.Play. gelesen und gedacht: Ja, absolut gute Entscheidung, gerade jetzt, vor dem Abschluss, super Eva. Dann ging das Telefon und hinterher waren meine Gedanken woanders und die Worte weg, die ich dir als Kommentar schreiben wollte. Und jetzt bin ich wieder hier. Finde die Diskussion hier sehr anregend. Ich denke, in dem Moment, wo man die Notwendigkeit stark genug spürt, nimmt seine eigene Richtung. Press Pause oder Press Stop. Neuer Track. Kann sein, dass der dann woanders hinführt, als man es geplant hatte. In gewisser Weise passt das Thema hier zu meinem Blogpost „Hochdosierte Eigenzeit“. Wenn du magst – http://www.regina-burbach.net. Hab da einen Link gesetzt hierhin.
    Viele Grüße
    Regina

  7. Till Schmitz sagt:

    Wie gesagt: man hat vieles selbst in der Hand. Das ist das Tolle an unserer Gesellschaft. Der Werdegang (in zugegebenermaßen vorgegebenen Schranken) hängt gnaz von der eigenen Persönlichkeit ab.

  8. Andi sagt:

    Das Schlimme ist doch dies, dass die meissten Schüler, die aus der Schule kommen, überhaupt noch nicht wissen, was sie später einmal machen wollen. Wie oft habe ich schon gehört: “Dann gehe ich halt eben auf die UNI”, ohne genau zu wissen, was man überhaupt möchte. Das fehlt den jungen Leuten heute einfach. Es fehlt einfach die Zeit, sich über den späteren Werdegang gedanken zu machen. Wann soll man sonst Party machen, oder sich mit Freunden treffen, wenn man jetzt darüber auch noch nachdenken muss.

    Gruß
    Andi

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