Ich glaube, du bist glücklich in Berlin
Dein großer Traum, seit vielen Jahren, scheint endlich wahr zu sein
Ja, es ist schön, wenn du mir schreibst, wen du so triffst und was du treibst
In dieser Stadt kennst du dich aus
Ich mein, wer sehnt sich da nach Haus?
Ein Teil von mir freut sich sehr für dich
Und ein Teil denkt: Berlin wär nichts für mich“
Anna Depenbusch – Glücklich in Berlin
Schon die Abfahrt nach Berlin gestaltete sich aufregend – sie wollte nämlich nicht so recht stattfinden. Der Bus kam einfach nicht, alle Taxis der Stadt waren ausgebucht und auf der anderen Straßenseite stand ein alter blauer Kombi mit laufendem Motor. Ich bin wirklich nicht der Typ, der fremde Menschen um diese Art von Gefallen bittet. Aber es war sehr früh morgens, der Koffer zu groß für mein Fahrrad und mein Ticket hatte Zugbindung. In dem blauen Kombi saßen vier schrecklich nette Mädchen, die auf ihre Nummer Fünf warteten und sich trotzdem bereit erklärten, mich fix zum Bahnhof zu fahren. Das war groß. Während wir uns im Auto über ihre anstehende Theaterprobe und meine anstehende Bahnfahrt unterhielten, dachte ich die ganze Zeit darüber nach, wie gern ich mich mit einer Karte oder einer anderen Kleinigkeit bei ihnen bedanken würde, aber ich wusste ja nicht einmal ihre Namen, und sie nach ihrer Adresse zu fragen wäre auch komisch gewesen. Ich musste an den Mann mit dem Kleeblatt denken und nahm mir vor, künftig immer ein solches Universalgeschenk dabeizuhaben. Nur, was nimmt man da am besten? Vierblättrige Kleeblätter sind doch so schwer zu finden.
Ein Ort, an dem ich vielleicht hätte fündig werden können, ist der Prinzessinnengarten. Direkt an der U-Bahnstation Moritzplatz wurde eine hässliche Brache 2009 in einen blühenden Nutzgarten verwandelt. Weil die Macher das Gelände immer nur für ein Jahr mieten können, muss alles mobil sein: Die Beete liegen in Kisten, der Salat wächst in Tetrapacks, der kleine Gartenladen und das Café befinden sich in Containern. Trotzdem ist hier eine Art von Heimeligkeit entstanden, die ich in Berlin so selten gesehen habe. Sehr zufrieden aussehende Menschen wandeln zwischen Kräuterkisten und Bienenstöcken, legen selbst Hand an oder lassen sich an einem der Tische nieder, um das unheimlich leckere und fürs Gewissen so gute (Es ist ja alles Bio! Und regional! Und nachhaltig! Und wenn es ein “Prädikat Wertvoll” für Gärten gäbe, dann…) Tagesgericht zu verzehren. Man könnte fast sagen, der Prinzessinnengarten sei ein Biergarten in hip. Aber das darf man ja nicht.
Das Wort, das mit H anfängt und mit pster aufhört, ist offenbar zu einem Schimpfwort mutiert, das man in Neukölln, dem neuen… Viertel (hab ichs nicht gesagt!), nicht mehr hören will. Es mangelt allerdings noch an einem Ersatzwort, was dazu führte, dass meine Gastgeber mich beinahe dazu verpflichtet hätten, jedes Mal 50 Cent in ihre Haushaltskasse einzuzahlen, wenn ich das Wort benutze. Es ist aber für jemanden, der aus einer schwäbischen Kleinstadt nach Berlin kommt, auch wirklich schwer, das nicht zu tun. Wenn man all die Retro-Rennräder, neuen Eissorten (Karamell mit Fleur de Sel, Limette-Basilikum) und irgendwie absichtlich verlottert gekleideten Menschen sieht, schiebt sich das Wort in großen, gefetteten Helvetica-Lettern vors innere Auge und will da einfach nicht mehr weg.
Wo ich auch nicht mehr recht weg wollte: aus dem Hamburger Bahnhof. Dort läuft gerade eine Ausstellung des britischen Projektionskünstlers Anthony McCall, die im Grunde aus einem großen, finsteren Raum und ein paar Laserlichtkegeln besteht. Durch die in der Dunkelheit versteckten, leise vor sich hin puffenden Nebelmaschinen wirken die Kegel wie Lichtzelte, und weil auf dem Boden Teppich liegt, liegen schnell auch alle Besucher. Ich habe schon viele einschläfernde Ausstellungen gesehen, aber diese war es auf so charmant-offensive Weise, dass ich mich nicht mehr widersetzen konnte. Selten war ich nach einem Museumsbesuch so tiefenentspannt.
Es gab noch so viel mehr in Berlin, zum Beispiel das Kino, in dem ich übernachtete, das andere Kino, in dem ich die tolle Ai Weiwei-Doku sah, und vor allem ganz viel Essen. Koreanisches Essen, türkisches Essen, Sarah Wiener-Essen, Kochhaus-Essen, selbstgemachtes Essen. Ich habe angefangen, diese Mahlzeiten alle zu fotografieren, weil ich damit so gut Erinnerungen verknüpfen kann. Aber in diesem Blog muss es doch auch noch einmal um etwas anderes gehen. Oder?


Nein, muss es nicht. Mehr Essen! Es darf aber gerne auch noch um anderes gehen. Genieß’ Berlin!
Zur persönlichen Seelen-Hygiene bist Du herzlich eingeladen, Ess-Erlebnisse künftig auf Gotorio.de zu verarbeiten – wir würden uns freuen! ;-)
schön zu lesen, dass solche menschen wie die mädchen im blauen kombi noch existieren. irgendwie begegne ich solchen exemplaren immer seltener…