Archiv für 2012

Lachsfischen im Jemen

Lachsfischen im Jemen
„Wenn ihr Scheich sein Geld zum Fenster hinaus werfen möchte, warum kauft er sich keinen Fußballverein oder sowas?“

Eigentlich ist es eine tolle Geschichte: Der Lachsexperte Dr. Alfred Jones wird von einer gewissen Harriet Chetwode-Talbot angefragt. Deren Auftraggeber, ein jemenitischer Scheich, hat sich in den Kopf gesetzt, das Lachsfischen in den Wüsten des Jemens einzuführen. Was zunächst als unmögliches Unterfangen erscheint, wird plötzlich ganz einfach, als die PR-Chefin der britischen Regierung davon Wind bekommt. Gute Nachrichten aus dem nahen Osten kann sie gerade gut gebrauchen. Und so ziehen schließlich alle an einem Strang, um das Unmögliche möglich zu machen.

Als satirischer Politroman war diese Geschichte von Paul Torday in Großbritannien ein Bestseller. Dementsprechend hatte ich mit einem bissig-lustigen Film im Stil von „Der Krieg des Charlie Wilson“ gerechnet. Doch Regisseur Lasse Hallström begibt sich buchstäblich in eher seichte Gewässer. Er stellt nicht die schwierigen politischen Beziehungen zwischen Briten und Jemeniten in den Vordergrund, sondern die sich anbahnende Liebe zwischen dem verschrobenen Forscher und seiner Auftraggeberin.

Deren Projekt erscheint dadurch viel zu leicht: Sei es, einen Damm mit den Ausmaßen der Drei-Schluchten-Talsperre zu bauen, 10 000 Lachse lebend von England in den Jemen zu transportieren oder sich von einem Kriegseinsatz in Afghanistan zu erholen. Alles funktioniert mit einem Fingerschnippen. Selbst die Bösewichte des Films kann man nicht richtig ernst nehmen.

Die Politsatire verkommt zum „Wohlfühl-Kino“. Dabei hätte sie viel Potenzial für einen anspruchsvollen Film gehabt, der es nicht nur seinen Zuschauern, sondern auch den Darstellern ein bisschen schwerer macht. So sind die tollen Schauspieler an unterkomplexe Rollen verschwendet: Ewan McGregor als dröger Spießer Dr. Jones, Kristen Scott Thomas als übertrieben schrullige PR-Frau und Amr Waked als in sich ruhender, weiser Klischee-Scheich. Auch die weibliche Hauptrolle, gespielt von der wunderbaren Emily Blunt, ist am Ende nur ein 08/15-Mädchen, tough zwar, aber ohne Ecken und Kanten. Immerhin trägt sie stets schöne Klamotten.

Überhaupt ist “Lachsfischen im Jemen” natürlich hübsch anzusehen, und die Dialoge sind auch nicht übel. Der deutschen Film- und Medienbewertung reicht das offenbar schon für ein “Prädikat besonders wertvoll”. Wer also nicht das große Drama, sondern ein liebevoll verfilmtes Märchen erwartet, kommt voll auf seine Kosten.

E-Mail von Eva: Ich bin Zuhause, ihr seid überall

Liebe Facebook-Freunde, es reicht! “Sebastian checked in at Paris Airport”, “Unterwegs nach Singapur.”, “Endlich in Cape Town!” Ständig spammt ihr mich mit euren internationalen Aufenthaltsorten voll. Dabei ist es echt unwahrscheinlich, dass einer eurer 400 Freunde zufällig auch gerade in “New York City” eingecheckt hat. Der einzige Zweck, den dieses Status-Update hat, ist, mir als Daheimgebliebener unter die Nase zu reiben, dass eurer Leben viel aufregender ist als meins. Dieses Kosmopolitengeprolle nervt! Müsst ihr euch wirklich darüber profilieren, wo ihr gerade Auslandssemester oder Rundreisen macht?

Okay, vielleicht bin ich nur neidisch. Ich habe nämlich noch kein Praktikum in New York absolviert, und aus dem Auslandssemester in Kuala Lumpur ist auch nichts geworden. Ich glaube, ich hatte einfach Schiss. Davor, eine Unterkunft in der fremden Großstadt finden zu müssen. Mir den Magen zu verderben. Oder mich zu verlaufen und niemanden zu haben, der mir hilft.

Ihr reist in den nächsten Semesterferien bestimmt wieder in die große, weite Welt hinaus. Ich besuche dann meine Verwandten im Harz. Vielleicht poste ich von dort ausnahmsweise auch mal ein Status-Update: “Eva just checked in at Tante Käthi in Osterode.”

ZEIT Campus, Mai/Juni 2012

Küchenstolz: Focaccia

Habt ihr in den letzten Tagen mal rausgeschaut? Am Himmel steht die Sonne, in den Bäumen zwitschern die Vögel und vor meinem Fenster ziehen die Fahrradkolonnen vorbei – die Picknicksaison beginnt! In diesem Blog habe ich nie einen Hehl daraus gemacht, dass ich es liebe zu picknicken. Deshalb werde ich in den nächsten Wochen ein paar Küchenstolz-Rezepte sammeln, die sich hervorragend zum Mitnehmen und draußen Essen eignen.

Küchenstolz: Focaccia

Focaccia ist ein superleckeres Brot, das in Italien angeblich zu jeder Gelegenheit serviert wird. Auch in Deutschland kommt es langsam an, vom Selbstbedienungsbäcker bis zum Restaurant habe ich es inzwischen schon vielerorts gesehen und probiert. Allerdings schmeckte bisher keins so gut wie das Selbstgemachte. Zum Glück ist das Rezept ganz simpel – man braucht weder viele Zutaten noch große Brotexpertise. Also nichts wie los!
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Und dann ruft plötzlich das Fernsehen an.

Mit Karrieren ist das ja immer so eine Sache. Wenn man Leute, die beruflich erfolgreich sind oder waren, fragt, wie sie das geschafft haben, hört man oft: „Ich hatte einfach Glück!“ Und denkt sich: na toll.

Ich habe schon viele Leute getroffen, die diesen Satz gesagt haben, und bei den meisten festgestellt, dass er irgendwie sogar stimmt. Aber es war niemals Glück allein. Was diese Leute auch noch hatten, war Leidenschaft. Leidenschaft sorgt dafür, dass man ganz von selbst beginnt, Sachen zu tun und anzuschieben, die man mag. Dann wird man besser darin, man kommt irgendwie rein, lernt Leute kennen, die das auch mögen, und plötzlich passieren einem die verrücktesten Sachen.

Vor ein paar Monaten hat das Fernsehen bei mir angerufen. Das war ZIEMLICH verrückt. Und ziemliches Glück. Denn jetzt darf ich das, was ich bisher in unseren Videoblogs veranstaltet habe, auf einmal auch für den ARD-Digitalsender Eins Plus machen. So richtig mit Redaktion im Rücken und Schminken und bezahlt Werden und dem ganzen Tamtam.

Klub Konkret (c) Edward Beierle / vydy.tv

Ich arbeite künftig als Reporterin für das neue Magazin „Klub Konkret“. Darin präsentiert Franziska Storz alle zwei Wochen Gäste und Reportagen zu einem bestimmten Thema. So dreht sich in der ersten Folge alles um digitalen Protest. Darin werde ich noch nicht zu sehen sein, weil ich mich mit dem viel zu fotogenen Kollegen Daniel Bröckerhoff abwechsle (was mir besonders in der gerade beginnenden Prüfungsphase sehr entgegen kommt). Trotzdem müsst ihr das natürlich unbedingt gucken! Los geht’s heute Abend um 20:15 Uhr auf Eins Plus, aber das ist eigentlich auch egal – Sendeplätze sind heute ja nur noch Alibis gegenüber Intendanten. Deshalb gibt es das Ganze anschließend auch auf YouTube.

Vielleicht ist das jetzt also der Beginn einer Fernsehkarriere, wer weiß. Auf jeden Fall hat es viel mit Leidenschaft zu tun, denn die steckt seit jeher in diesem Blog und in unseren Videos. Dass die Klub Konkret-Macher darauf gestoßen sind, war dagegen purer Zufall. Was soll man da sagen? Ich hatte einfach Glück!

Leselungern

Früher war das so: Lina und ich trafen uns in der Schule, waren Sitznachbarinnen und brabbelten den ganzen Tag. Mittags kam ich nach Hause, aß etwas, machte meine Hausaufgaben und rief Lina an. Wir verabredeten uns. Bei ihr oder bei mir, und immer „von drei bis sechs“. Wozu? Das war völlig egal.

Heute ist das anders, und ich verstehe nicht richtig, warum. Aus irgendeinem kruden Grund verabredet man sich nicht mehr einfach so. Man braucht einen Anlass. Das kann die Gruppenarbeit für die Uni sein oder ein Stück Kuchen in der Lieblingskonditorei. Aber dass man sich trifft, ohne zu wissen, was passieren wird – das kommt nicht mehr vor. Warum treffen wir uns nicht mehr, um einfach bloß zusammen rumzulungern?

Aus so einem Moment heraus haben Artur, David und ich vor einigen Wochen einen Lesekreis gegründet. Wir suchten eigentlich nur einen Grund, uns öfter mal zu treffen, weil wir uns nämlich gut verstehen. Und fanden ihn in Lisa Ranks „Und im Zweifel für dich selbst“. Über das Buch schreibe ich vielleicht auch noch mal. Wirklich toll war an diesem Abend etwas anderes: Die Deutsch-LK-Erinnerungen, die in mir wieder hoch kamen.

Meine Schulzeit war großartig, aber ich vermisse sie nicht. Nur manchmal werde ich wehmütig und wünsche mir, ich hätte noch mal eine große Pause auf dem Schulhof, eine Philosophiestunde oben unter dem Dach – oder eine Lektürebesprechung mit Herrn Hansmann. Den Deutsch LK habe ich geliebt, weil ich es liebe, Texte so richtig zu durchdringen. Herr Hansmann hat die richtigen Fragen gestellt, und der Kurs hat diskutiert und diskutiert, bis wir alle Facetten von Effi Briests Charakter und alle Dimensionen aus “Dantons Tod” herausgearbeitet hatten. Ich habe sogar kurz überlegt, Germanistik zu studieren, damit ich das nicht verliere. (Mir wurde dann sehr schnell klar, dass das Quatsch wäre.)

Der Lesekreisabend mit Artur und David wurde sehr lang. Jeder hatte das Buch anders gelesen, jeder hatte sich anderswo Eselsohren oder Notizen gemacht. Wir diskutierten stundenlang, über die Protagonisten, die Sprache, die wiederkehrenden Motive. Am Ende hätte ich locker einen Lektüreschlüssel schreiben können. Oder einen Tagebucheintrag. Denn die Fragen, die das Buch stellt, stellten wir bald auch einander. So wurde es nicht nur eine Deutsch-LK-Session, sondern auch ein sehr schönes, intensives Gespräch unter Freunden. Fast lungerten wir sogar ein bisschen herum.

Deshalb möchte ich den heutigen Welttag des Buches zum Anlass nehmen, für Lesekreise Werbung zu machen. Es muss ja nicht so formal und spießig sein, wie es klingt. Man braucht keine Regeln, nur ein Buch und einen Termin. Also worauf noch warten?