Archiv für Dezember, 2011

E-Mail von Eva: Allergie gegen “Zuhausezuhause”

Sorry, Mama, aber nach ein paar Tagen bei euch fängt meine Nase an zu jucken. Da ist ein Kribbeln, das stärker wird, und schließlich vergeht keine Nacht, ohne dass ich von meinem eigenen Niesen aufwache.

Eigentlich freue ich mich jedes Jahr schon Wochen vorher darauf, euch an Weihnachten zu besuchen. “Zuhausezuhause” nenne ich das, denn “Zuhause” ist ja jetzt meine eigene Wohnung. Ich freue mich auf das festlich geschmückte Haus, auf deine kitschig-schönen Weihnachts-CDs und auf Papas ständige Beschwerden darüber.

Doch nach kurzer Zeit beginnt die Juckerei. Das passiert ziemlich genau dann, wenn ihr aufhört, mich wie einen Gast zu behandeln, und wir alle zurück in alte Rollen fallen. Ich sehe dann zu viel fern, nasche dir deine Lakritze weg und streite mich mit meiner Schwester über Nichtigkeiten. Ihr lasst mich zum Badputzen oder Schneeschippen antreten und regt euch auf, weil ich morgens lieber im Bett liege, statt mit euch zu frühstücken. Und schon bin ich allergisch gegen Zuhausezuhause!

Am Ende freue ich mich sogar ein wenig, wieder in meine Wohnung zu kommen, und ihr freut euch wohl auch ein bisschen, dass ich fahre. Ein schlechtes Gewissen müssen wir deshalb nicht haben. Manchmal ist Telefonieren ja auch ganz schön.

ZEIT Campus, Januar/Februar 2012

Unbequeme Interviews: Barbara über Scheitern

Best of Weitsicht 2011

Natürlich gibt es auch in mehr als 200 Metern Entfernung beeindruckende Weitsichtmöglichkeiten. Bei der Durchsicht meiner Handyfotos ist mir aufgefallen, dass sich daraus fast ein kleiner Jahresrückblick konstruiert. Schon verrückt, wie nahezu alle Menschen den Reflex teilen, an solchen Orten erstmal still zu gucken – und dann die Kamera zu zücken… Warum wollen wir etwas festhalten, das auf dem Foto nie so eindrucksvoll wirken wird wie just in diesem Moment?

Silvester über den Dächern von HamburgSilvester über den Dächern von Hamburg

Zwischen den Gipfeln von ÖsterreichZwischen den Gipfeln von Österreich

Frühling im BéarnFrühling im Béarn (Foto von Lorna)

Zu Besuch bei OpaZu Besuch bei Opa

Unterwegs mit JungsUnterwegs mit Jungs

Die guten Momente muss man teilenDie guten Momente muss man teilen

Am Rand von AachenAm Rand von Aachen

Jardin du LuxembourgJardin du Luxembourg

TunisIrgendwo in Tunis

Unbequeme Interviews: Lars über Lügen

200 Meter bis zur Unendlichkeit

200 Meter bis zur unendlichen Sicht

Neulich hat eine Dozentin erzählt, dass 90 Prozent der Jugendlichen in asiatischen Großstädten kurzsichtig seien. Das läge daran, dass die nie raus kämen, und wenn doch, sei ihnen die Sicht gleich durch ein Dutzend Hochhäuser verbaut.

Ich habe das mal recherchiert und weiß inzwischen, dass die Teenies in Shanghai und Tokyo tatsächlich kaum ihre Zimmer verlassen. Es ist aber weniger die eingeschränkte Sicht als das dauernde Lesen und Lernen, das ihren Augen schadet. Wichtig ist, dass das Auge regelmäßig zwischen naher und weiter Sicht wechselt.

Das hat mich zum Nachdenken gebracht. Wann gucke ich schon mal so richtig weit raus, ohne, dass der Blick von irgendwas beschränkt wird? Die Antwort liegt so nahe, dass ich gar nicht gleich drauf gekommen bin. Genau genommen sind es keine 200 Meter, die meine Wohnung vom Bodensee trennen.

In den letzten zwei Jahren habe ich diesen See sehr schätzen gelernt. Wer hätte gedacht, dass es so gut tut, sich fünf Minuten an sein Ufer zu stellen und bloß zu gucken – in den Nebel, auf die Boote, oder, an den wirklich guten Tagen, bis in die Schweiz, wo von den Gipfeln im Moment schon der Schnee herüber blitzt.

Auch die Uni ist direkt am See, und es ist zum Ritual geworden, ihn nach jedem Mittagessen, jeder anstrengenden Klausur und dem einen oder anderen gelesenen Kapitel in der Bibliothek kurz zu besuchen. Dann stehen wir da, reden, flitschen Steine oder gucken einfach nur. Es macht den Kopf frei – und hält die Augen fit. 200 Meter bis zu diesem Ort. Was für ein Glück.