Lieber Herr Professor Feldmann, für dieses Semester wünsche ich mir weniger Entscheidungsfreiheit. Referat? Hausarbeit? Fallbearbeitung? Legen Sie doch mal selbst fest, wofür wir am Ende des Seminars unseren Schein kriegen!
Es ist immer das Gleiche in der ersten Semesterwoche: Lena will ein Paper schreiben, weil sie dann allein arbeiten kann. Jens plädiert für eine Gruppenaufgabe, weil das weniger Aufwand ist. Und Natalie findet mündliche Noten unfair. Bis alle Kursteilnehmer sich geeinigt haben (eine Hausarbeit zählt 50 Prozent, die Präsentation 30 Prozent, die mündliche Mitarbeit 20 Prozent), hätte man längst den ersten Text besprechen können.
Sie sagen, wir seien erwachsen und könnten das selbst entscheiden. Aber ich habe den Verdacht, dass Sie damit nur Ihre Faulheit vertuschen wollen. Immerhin müssen Sie so eine Sitzung weniger vorbereiten, es geht ja nur um Organisatorisches.
Mein Kommilitone Robert weiß das auch. Er hat keine Lust, seine Zeit mit solchen Diskussionen zu verschwenden, und bleibt – wie viele andere – lieber eine Woche länger im Urlaub. Aber am Ende des Semesters meldet er sich dann garantiert und fragt, warum die Präsentation so wenig zählt. Dann geht die Diskussion von vorne los. Und Sie lehnen sich entspannt zurück.
ZEIT Campus, November/Dezember 2011



HA! Weiß schon, warum ich nicht studiert hab.
Diese Freiheit ist mir aus meinem Studium nicht bekannt. Zu Beginn eines jeden Seminars stellt der Dozentin/die Dozentin die prozentuale Zusammensetzung der späteren Note vor, und ich mache jedes Mal drei Kreuze, wenn “mündliche Beteiligung” nicht darin vorkommt. Nicht etwa, weil ich mich scheue, mich mündlich zu beteiligen, sondern weil zwei Drittel meiner Kommilitonen “mündliche Beteiligung” als Aufforderung für endloses, sich andauernd wiederholendes, keinen Punkt machendes Profilierungsgeschwafel sehen. Dann doch lieber ein Seminar, in dem nur die reden, die sich auch ohne prozentualen Anreiz zu Wort melden.
Klingt fast so, als würde Céline irgendwas Geisteswissenschaftliches studieren. :D
Bei uns am Fachbereich hab ich als Dozent gar nicht diese Freiheiten. Das ist alles verregelt. Ich finde es als Dozent gut Studierenden Freiheiten zu geben. Schließlich ist Uni nicht mehr Schule und solche Entscheidungen gemeinsam als Seminar zu treffen ist wichtig und Teil universitärer Kultur. Damit sind solche Diskussionen auch Teil der akademischen Ausbildung. Und wer früh im Seminar merkt, dass man mit Lehrenden und Mit-Studierenden gleichermaßen diskutieren kann (und sei es über die Prüfungsmodalitäten), der ist vielleicht auch Bereit beim restlichen Seminar aktiv teilzuhaben.
Zu dem Punkt, dass die erste Sitzung rein organisatorisch ist: Das ist eine Gestaltungsfrage: Klar müssen zu Beginn bestimmte Inhalte geklärt werden, aber 1 1/2 Stunden sollte das nicht dauern, bei aller Diskussion. In der ersten Sitzung versuche ich gerade spannende und Neugier weckende Diskussionen mit den Studierenden zu führen, ihre Motivation abzuklären und zu schauen wie das, was im Seminar gemacht wird gerade mit tagesaktuellen Entwicklungen zusammenhängt.
Zu guter letzt: All das bedeutet mehr Einsatz von den Studierenden. Aber auch mehr Einsatz vom Dozenten der dann mit Entscheidungen umgehen muss, die dem ursprünglichen didaktischen Konzept vielleicht nicht entsprechen. Aber dafür hat man etwas lohnenswertes gewonnen und ein Stückweit auch verteidigt. Die Freiheit. Und zwar nicht eine allgemein-abstrakte Freiheit sondern diejenige, die unser Grundgesetz neben der Meinungsfreiheit für besonders Schätzenswert hält: Die Freiheit der Forschung und Lehre.