Mit zunehmender Hingabe an das Studium wächst auch mein Kartographiebedürfnis. Wohin mit all dem Wissen, wie sammelt man das, wie verhindert man, dass man es wieder verliert?
Von Umberto Eco hatte ich Anfang des Jahres gelernt, dass wir Listen schreiben, um unser Unwissen ein kleines bisschen endlicher zu machen. Wie wenig diese Arbeit bringt, rief mir heute mein Dozent ins Gedächtnis. „Aktuell verdoppelt sich das Wissen der Welt alle vier Jahre“, erklärte er. Na toll.
Eine hübsche kleine Ausstellung in der Münchner Pinakothek der Moderne zeigt, wie die Menschen seit jeher versuchen, dieses Wissen zu organisieren – in Bibliotheken. Unter dem Titel „Die Weisheit baut sich ein Haus“ geht es dort vor allem um Architektur. Denn Bibliotheken sehen längst nicht alle gleich aus. Anfangs gab es noch nicht einmal Regale! In Michelangelos Laurentinischer Bibliothek aus dem 16. Jahrhundert lagen sämtliche Bücher auf Pulten aus, an denen man sie direkt lesen konnte. Das erinnert eher an eine Kirche als an eine Bücherei.
Aber die Architektur ist auch nicht die Voraussetzung. Was zählt, ist Ordnung. Denn „50.000 Bücher sind noch keine Bibliothek“. Und schon Cicerco wusste im Jahr 80 v.Chr.: „Man muss den Dingen einen bestimmten Ort zuweisen.“
Ich verbinde ganz unterschiedliche Gefühle mit diesen Orten: Verzweiflung im Berliner Grimm-Zentrum, als ich eine Hausarbeit in die Semesterferien verschleppt hatte. Pure Ehrfurcht in der Anna Amalia Bibliothek in Weimar. Helle Vorfreude und eine gewisse Überforderung angesichts der vielen reizvollen Bücher im Friedrichshafener Medienhaus. Und ein beeindrucktes „Ahh“ und „Ohh“ in der super-schicken öffentlichen Bibliothek von Amsterdam.
Dort waren die Bücher nach Genres, Themen und Autoren geordnet. Ganz vernünftig eigentlich. Mein Studium lagert derzeit nach Semester, Fach und Kursablauf sortiert in mehreren Ordnern, Heftern und nicht zuletzt auf meiner Festplatte. Ich bezweifle aber, dass eine Ordnung wie in der Bibliothek so viel besser wäre. Allmählich fängt nämlich alles an, sich miteinander zu verknüpfen. Der Jurakurs erinnert mich an ein Thema aus der Medienökonomie, die Soziologie an das Seminar in interpersonaler Kommunikation aus dem letzten Semester.
Eigentlich ist das gut. Es ist ein Zeichen dafür, dass mein Studium innerlich weitgehend kohärent ist. Aber mein Hirn kriegt das noch nicht auf die Reihe. Ich erinnere mich an Artikel, aber nicht mehr daran, in welchem Kurs ich sie gelesen habe. Mir fallen Sätze ein, aber ich weiß nicht mehr, aus welchem Text sie stammen oder von welchem Autor. Das macht mich kirre!
Denn wie mein Dozent schon sagt: Wissen ist nie an Orte, an Regale oder Hefter gebunden, sondern immer bloß an Personen. Alles andere sind bloß inaktive Informationen, Daten. Und zwar viel zu viele.
Kommentiert
anna*: berührend. und das meine ich nicht pathetisch, aber ich weiß mich gerade nicht besser auszudrücken als “das berührt meine seele”.
Auceza: Huhu!!! Habe vor Kurzem Deine Website im Netz entdeckt und finde sie sehr gut. :) Ich hoffe, dass Du noch viele Interviews machst und fleißig...
Nathalie: Ich drücke mich immer vom lernen mit lesen.. I love lesen Und ich liebe einen jungen aus der 6. Klasse
Eva: Aber nur ganz leicht! ;D