Archiv für Juli, 2011

Beginners

Beginners
“Was hältst du von Vandalismus?” – “Ich weiß nicht… ganz okay!”

„Beginners“ beginnt mit dem Tod von Olivers Vater. Und damit, dass man sich erst mal wieder daran gewöhnen muss, Ewan McGregor nicht in irgendwelchen Parfümwerbungen und Modezeitschriften, sondern tatsächlich auf der Leinwand zu sehen. Er spielt einen Mann Ende 30, dem außer einem in Untertiteln sprechenden Hund niemand geblieben ist. Sein verstorbener Vater (richtig gut: Christopher Plummer) hatte ihm im Alter von 75 Jahren eröffnet, dass er schwul sei – und sie beide damit in ein ganz neues Leben in der homosexuellen Subkultur gestürzt.

Nicht, dass Oliver auch schwul wäre. Er ist nur nicht so gut in Beziehungsdingen – und bedauert das spätestens, als er sich in die französische Schauspielerin Anna (Mélanie Laurent, übrigens schon wieder als Jüdin) verliebt. Die beiden bilden eins dieser Gespanne, die typisch geworden sind für das Indie-Kino der letzten Jahre: Verschrobener Schluffi bekommt tolles, im echten Leben unerreichbares Mädchen.

Das kennt man schon aus „500 Days of Summer“, „Elizabethtown“ oder auch Tom Tykwers „Paris, je t’aime“-Episode „True“. Sowieso ist „Beginners“ ein Mix aus all diesen Filmen: Wie in „500 Days of Summer“ ist der Hauptdarsteller ein depressiver Illustrator, der poetische Dates mit seiner Traumfrau hat (Ikea, Karaokebar und Plattenladen gegen nächtliche Graffitiaktionen, Rollschuhhalle und Antiquariat). Den toten Vater, das leere Hotel und nicht zuletzt die Synchronstimme von Philipp Moog gab es bereits in „Elizabethtown“. Und natürlich dürfen auch die seit „Amelie“ so beliebten Collagenartigen Zwischenschnitte und ein eher sachlicher Off-Kommentar nicht fehlen.

Dadurch wird man als Zuschauer das Gefühl nicht los, das alles schon irgendwo gesehen zu haben. Allerdings ist die Poesie in „Beginners“ nicht ganz so vollkommen und sonnig wie bei den anderen. Sie wird vom Tod des Vaters überschattet, der ganz am Anfang des Films steht und ihm einen dauerhaften, depressiven Beigeschmack verleiht. Deshalb ist diese Erzählstruktur, glaube ich, ein Fehler. Ich weiß allerdings auch nicht, wie man es hätte besser machen können – schließlich werden hier drei verschiedene Zeitebenen zugleich beschrieben.

Sich davon abschrecken zu lassen, wäre aber auch wieder falsch. Wer die oben genannten Indie-Romanzen mochte, wird auch „Beginners“ toll finden, und angesichts des vor Fortsetzungen und platten Hollywoodfilmen strotzenden Kinosommers ist dieser Film nun wirklich die beste Wahl für den nächsten völlig unsommerlich verregneten Abend.

Küchenstolz: Wilde Waldbeerenmuffins

Wilde-Waldbeeren-Muffins

In der Münchner Innenstadt gibt es jede Menge Obststände, an denen ich nicht vorbeigehen kann, ohne eine Schale zu kaufen. Nur: Was tun mit all den Beeren? Küchenstolz-Anhänger kennen ja schon dieses Rezept für Heidelbeer-Vanille-Muffins. Allen, die eher auf rote Beeren stehen, seien nun die wilden Waldbeerenmuffins ans Herz gelegt.

Die funktionieren auch herrlich im Winter, als kleine Sommererinnerung quasi, mit Tiefkühlbeeren (vorausgesetzt, man hat ein Eisfach…). In diesem Fall aber unbedingt die Beeren vor dem Backen auftauen, und zwar am besten auf einem Teller oder Blech, wo sie schön neben- und nicht aufeinander liegen – sonst zerquetschen sie sich gegenseitig. Vielleicht lag es an den von Natur aus sauren Waldbeeren, dass mir die Muffins beim letzten Mal etwas arg sauer vorkamen, vielleicht war es aber auch die Zitronenbuttermilch. In den nächsten Tagen starte ich deshalb noch einen Versuch mit normaler Buttermilch. Beeren habe ich ja genug.
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Prüfungen des Alltags: Körperlicher Ausgleich

An dieser Stelle möchte ich mich bei unserem Facility Manager bedanken: Lieber Herr Storm, vielen Dank, dass Sie die neuen Kondomautomaten auf den Campus-Toiletten installiert haben! Die weißen, schlichten Geräte fügen sich wunderbar in die Inneneinrichtung ein und haben für jeden etwas im Angebot: vom Standardmodell bis zur XXL-Version mit Noppen und Erdbeergeschmack.

In Prüfungsphasen vergessen wir Studenten den körperlichen Ausgleich ja oft, verbringen die Nächte in der Bibliothek statt in fremden Betten. Insofern finde ich die indirekte Aufforderung der Uni sehr fürsorglich und würde ihr gern nachkommen. Nur wo? Im Kopierraum ist zu viel los. Eine Alternative wäre das Audimax. Vorne VWL, hinten GV? Ich weiß ja nicht! Was würden Sie sagen, Herr Storm, wenn Sie uns bei Ihrer Kontrollrunde erwischen?

Vielleicht ist der Automat eher als Zeichen gedacht, dass die Uni sich um zwischenmenschliche Beziehungen bemüht, vergleichbar mit jener ehemaligen Abstellkammer auf dem Campus, die ein Künstler mit indirektem Licht und betörender Musik auf Knopfdruck in einen “Raum für Zärtlichkeit” verwandelt hat. Inzwischen wird der vor allem genutzt, um in der Einführungswoche Dutzende Erstis hineinzuquetschen. Aber so merken die wenigstens sofort, wie nah sich an der Uni alle sind!

ZEIT Campus, Juli/August 2011

Geschichtsstunde: Charles Frederick Worth, Erfinder der Modenschau

Charles Frederick Worth

In Berlin ist gerade die Fashion Week zu Ende gegangen und das ist genau der richtige Anlass, um einmal die Geschichte von Charles Frederick Worth zu erzählen. Der Mann hat für die Modeindustrie so viel getan wie Marc Jacobs, Tom Ford und Anna Wintour zusammen – und das vor 150 Jahren.

Geboren wurde er am 13. Oktober 1825 im englischen Bourne. Als junger Mann ging er nach London und absolvierte eine Lehre als Stoffverkäufer, ehe er 1845 nach Paris auswanderte, um in einem feinen Stoffhaus zu arbeiten. Dort schneiderte er seidene Kleider für seine Frau und machte damit Furore.

Marketingtrick: das kostenlose Kleid für die Frau des Botschafters

Worth war ein genialer Selbstvermarkter. Er bot der Frau des österreichischen Botschafters an, sie kostenlos einzukleiden – wohlwissend, dass ihm das die Türen zur High Society öffnen würde. Auf einem Staatsball wurde Kaiserin Eugénie, die Frau Napoleons III., auf das aufwendig verzierte silberne Tüllkleid der Österreicherin aufmerksam. Damit hatte Worth einen neuen, sehr prominenten Fan. Als dann auch noch Kaiserin Sissi seine Kreationen trug, dauerte es nicht mehr lange, bis er einen Investor fand und sein eigenes Modehaus eröffnen konnte: das House of Worth.

Diese Firma wurde so etwas wie das Google unter den Modeunternehmen des 19. Jahrhunderts. Worth schuf ein neues internationales Vertriebssystem für Schnittmuster, er machte den damals üblichen Beruf der “Modistin” überflüssig und bestimmte mit seinen unkonventionellen Entwürfen ein neues Schönheitsideal. Zum Beispiel gefiel es ihm überhaupt nicht, dass die Röcke der Damen mithilfe von Gestellen immer größer und größer wurden. Deshalb entwickelte er einen neuen Unterrock, die Tournüre. Der Rock fiel jetzt vorne flach nach unten und wurde auf der Rückseite umso mehr aufgebauscht. Die neue Form wurde schnell zum Megatrend. Genauso wie der knöchellange Rock. Was damals schockierend kurz war, ist heute als Maxidress wieder in.

Am 12. Februar 1858 landet Worth, das Marketinggenie, seinen vielleicht größten Coup: Er veranstaltet die allererste Modenschau. Bis dahin war Kleidung stets an Puppen aus Holz und Stroh präsentiert worden. Worth wollte aber, dass die Kundinnen sich mit seinen Werken identifizieren konnten, und schickte deshalb lebendige “Doppelgängerinnen” auf einen Laufsteg. Schon bald waren die Schauen im House of Worth gesellschaftliche Top-Events.

Wegbereiter für Gucci, Dior und Yves Saint Laurent

Fortan konnte Worth Kundinnen auch wegschicken, wenn sie ihm nicht gefielen. Sowieso muss er ein ziemlich exzentrischer Mensch gewesen sein. Damals war das für Modemacher noch sehr ungewöhnlich. Sie wurden als normale Handwerker angesehen, die umsetzten, was die Kundinnen ihnen vorgaben. Worth war anders. Er verstand sich als Künstler, kleidete sich auch so und ließ die Kundinnen höchstens noch Farbe und Stoff ihrer Kleider auswählen. Alles andere mussten sie so nehmen, wie er es kreiert hatte. Als Künstler wollte Worth natürlich auch eine Signatur unter jedes Werk setzen. So entstand das Modelabel.

Seinem Erfolg tat diese Exzentrik keinen Abbruch, im Gegenteil: 1870 beschäftigte er 1200 Schneiderinnen, die seine sündhaft teuren Kleider produzierten. Die waren für die normale Pariserin natürlich unerschwinglich. Trotzdem war Charles Frederick Worth auch in deren Welt ein Star, über den regelmäßig in Modemagazinen berichtet wurde. Daran hat sich bis heute ja nicht viel geändert. Und so trägt Worth den Titel “Erfinder der Haute Couture” auch noch nach seinem Tod im Jahr 1895 völlig zu recht.

POM Wonderful Presents: The Greatest Movie Ever Sold

POM Wonderful Presents: The Greatest Movie Ever Sold
“Where should I be able to go where I don’t see one bit of advertising?” – “To sleep.”

Morgan Spurlock hat einen neuen Film gemacht. Der Mann, dessen McDonald’s-Diät 2003 zu Leberschäden, Depressionen, elf Kilo mehr auf den Rippen und nicht zuletzt einer ziemlich tollen Dokumentation („Super Size Me“) führte, widmet sich dieses Mal dem Thema Product Placement. Der Clou: die gesamte Produktion hat er durch eben dieses finanziert.

Product Placement ist aus amerikanischen Kinofilmen kaum mehr wegzudenken. Das zeigt schon ein kurzer Blick in „Iron Man“, „Sex and the City 2“ oder zuletzt „Somewhere“. Aber eine komplett von Werbekunden bezahlte Doku? Spurlock machts möglich. Er gewinnt eine Fluglinie, eine Tiefkühlpizzamarke und eine Tankstellenkette für sich, übernachtet immer im gleichen Hotel und fährt immer das gleiche Auto. Schließlich verkauft er selbst den Titel seines Films an einen Safthersteller.

Seine irren Pitches und die teils abstrusen Verhandlungsgespräche sind der rote Faden des Films, angereichert mit einer unglaublichen Menge von Interviews – die dunkelrote Saftflasche immer im Bild. Apropos: In Sachen Kameraführung hätte man sich sicher noch steigern können, andererseits heben sich so die mitten im Film platzierten Werbespots (!) besser ab. Gerade zu Beginn des Films hätte ich auch gern ein paar Beispiele oder Infografiken mehr gesehen, allein schon, damit klar wird, wie RIESIG dieses Geschäft ist.

Selbst Amerikas Schulen machen inzwischen mit. Doch statt das zu verurteilen, beleuchtet Spurlock den Zwiespalt, in dem die High Schools stecken – zwischen Budgetkürzungen und ungewolltem Einfluss der Wirtschaft. Dabei mangelt es aber zu keiner Zeit an der für Spurlock so typischen Ironie. Natürlich sind es vor allem seine Person und seine sehr sportliche 1,5-Millionen-Dollar-Zielmarke, die diesen Film von der normalen Dokumentation zum höchst amüsanten „Docbuster“ machen.

Zum Ende hin wird es richtig wild, denn der Regisseur, der bisher immer für andere werben wollte, muss plötzlich für sich selbst werben, um die Vertragsbedingungen zu erfüllen. Jetzt wird klar, warum Product Placement längst „Co-Promotion“ genannt wird: Die Fluglinie, die Spurlocks Produktion sponsert, bewirbt das Ergebnis in ihrem On-Board-Programm, auf den Tiefkühlpizzen finden sich Werbeaufkleber und die Tankstellen verkaufen Sammelbecher mit dem Gesicht des Regisseurs. Man weiß gar nicht mehr, wer hier wen bezahlt.

Am Schluss steht daher kein so klarer Appell wie in „Super Size Me“, sondern das Porträt einer völlig abgedrehten Industrie. Als Zuschauer wird man Insider und Opfer zugleich – diesen dunkelroten Granatapfelsaft hätte ich jedenfalls nur zu gerne mal probiert…