Archiv für Juni, 2011

Pro Picknicken

Pro Picknicken

Ich bin eine Spießerin, sagen meine Freunde. Warum? Weil ich Picknicken so sehr mag.

Ich habe mich durch Londons Parks und Frankreichs Bauernschaften gepicknickt, Geburtstagspicknicks veranstaltet (und an welchen teilgenommen), ohne auch nur einen Schimmer davon zu haben, dass man Essen im Freien, auf einer gemütlichen Decke und mit einem guten Buch oder Brettspiel im Gepäck, spießig finden könnte. Aber Lukas und Anna verbinden mit meiner karierten Picknickdecke eher Campingplätze als den englischen Garten.

Tatsächlich ist es genau andersrum: Picknicks waren früher den feinen Leuten vorbehalten. Es fing an mit Adeligen, die während ihrer Jagdausflüge Hunger bekamen. Dann kam Queen Victoria, die scheinbar ebenso gern picknickte wie ich, und es auf diese Weise populär machte. Infolgedessen entwickelte sich auch der klassische Picknickkorb, der heute mit Decke, Geschirr und Besteck in den entsprechenden Geschäften gern mal ein paar hundert Euro kostet. Ganz so out kann Picknicken also nicht sein.

Nun besitze ich selbst statt des hippen Manufactum-Korbs nur eine billige Tchibo-Decke, die noch dazu einseitig beschichtet ist – was zugegebenermaßen ziemlich praktisch ist und daher ein bisschen spießig anmuten könnte. Aber alles andere am Picknicken ist doch sowas von unpraktisch! Man muss das viele Essen und Besteck und Spielzeug zusammenklauben, transportieren und hat anschließend oft nicht mal einen Mülleimer, geschweige denn ein Spülbecken in der Nähe. So gesehen ist Picknicken ziemlich aufwendig und überhaupt nicht spießig.

Um Lukas und Anna davon zu überzeugen, müsste ich mit ihnen wohl nach New York fahren. Dort fand letztes Wochenende ein Picknick statt, so, wie es sein sollte: im Stil der 20er Jahre, mit Tanz und guter Musik und bei bestem Wetter. Berauschende Fotos davon gibt es in diesem Blog. Und falls ihr jetzt Lust bekommen habt: Ich bin natürlich immer auf der Suche nach Picknickbegeisterten Menschen in München oder der Bodenseeregion, die mit mir Heidelbeermuffins gegen Frischkäsebagel oder selbstgemachte Limonade tauschen. Vielleicht ja schon nächstes Wochenende?

Eva, was machst du da eigentlich in München?

Wired!

Wired!

Lizenz zum Scheitern

Aus Misserfolgen lernt man am besten, finden zwei Doktoranden

Als das Molekül beim dritten Versuch immer noch nicht so aussah, wie es sollte, gab Leonie Mück auf. Wochenlang hatte die Chemie-Doktorandin versucht, eine Naturstoffsynthese durchzuführen, also ein natürliches Molekül im Labor künstlich herzustellen. Am Ende musste sich die 25-jährige eingestehen: Ihr Versuch war gescheitert.

Forscher scheitern ständig – nur reden sie nicht darüber. Wer gibt schon gern zu, dass er sich über Wochen abgerackert hat, ohne am Ende ein Ergebnis vorweisen zu können, das für eine Veröffentlichung taugt? Die Daten und Mitschriften, Beweise für den vermeintlichen Flop, landen in der Schublade oder, noch schlimmer, im Papierkorb. Das ist falsch, findet Leonie Mück: „Für andere Wissenschaftler können diese Informationen sehr wertvoll sein. Sonst verschwenden sie womöglich viel Zeit und Mühe damit, Fehler zu wiederholen, die andere schon vor ihnen gemacht haben.“ Es gebe in der Wissenschaft keine Kultur des Scheiterns. „Wir sind ständig auf der Jagd nach dem nächsten Durchbruch, und nur die Gewinner dürfen publizieren“, sagt Mück. „Das hält uns davon ab, wirklich gute Wissenschaft zu betreiben.“

Deshalb hat sie 2010 gemeinsam mit ihrem Kommilitonen Thomas Jagau das „Journal of Unsolved Questions“ gegründet, eine Zeitschrift der ungelösten Fragen. Darin soll endlich jene Forschung publiziert werden, die ohne Ergebnis geblieben ist. Die Idee dazu entstand im Rahmen eines Thinktanks der Graduiertenschule Materials Science der Uni Mainz. Diese Graduiertenschule hat auch den Druck der ersten Ausgabe bezahlt, die im Januar erschienen ist. Künftig soll der Druck der halbjährlich erscheinenden Printausgabe durch Spenden finanziert werden. Das Journal richtet sich an Studenten und Wissenschaftler aller Fachrichtungen. In der ersten Ausgabe berichtet ein Chemiker, wie er nach einem Weg suchte, Integrale mit einem Minimum an Computerressourcen auszurechnen – und keinen fand. Leonie Mück selbst beschreibt einen weiteren erfolglosen Versuch.

Die Ansprüche der „JUnQ“-Redaktion sind ebenso hoch wie bei konventionellen Journals. Jeder eingereichte Artikel wird einem Peer-Review-Prozess unterzogen. Das heißt: Zwei Wissenschaftler, die auf ähnlichen Gebieten forschen wie der Autor und oft dessen direkte Konkurrenten sind, bewerten die wissenschaftliche Qualität des Beitrags. Ist er plausibel fundiert und reproduzierbar? Wurden die gewonnen Daten richtig interpretiert? Nur kommt hier noch eine besondere Frage dazu: Ist der Forscher wirklich gescheitert?

Gerade das sei eine sehr subjektive Frage, erklärt Thomas Jagau, 25 Jahre alt. Kürzlich wurde in einem Teilchenbeschleuniger in den USA eine fünfte Grundkraft der Physik entdeckt – eine bahnbrechende Erkenntnis, denn bisher waren nur vier Grundkräfte bekannt. „Die fünfte Grundkraft müsste doch auch schon am CERN gemessen worden sein – nur hat man sie da vielleicht als Fehler abgetan“, vermutet Jagau. Dies zeigt für ihn, wie wichtig es ist, auch ungewöhnliche und vermeintlich falsche Ergebnisse zu dokumentieren.

Noch sind es vor allem Freunde und Bekannte der Herausgeber, die im „JUnQ“ veröffentlichen. Langfristig erhoffen sich die beiden aber, dass sie zu einem Mentalitätswechsel in der Wissenschaftsgemeinde beitragen können. „In dieser Branche läuft alles auf die Publikation hinaus, sie ist die Visitenkarte eines Wissenschaftlers: In welchem Journal hat er publiziert, zu welchem Thema, wie oft wurde er zitiert? Das verzerrt die Wissenschaft“, sagt Mück. Eines der wichtigsten Kriterien für die Bewertung eines Journals ist der Impact-Faktor, der misst, wie oft das Journal zitiert wurde. Dieser Impact-Faktor mache anfällig für besonders „hippe“ Wissenschaftsgebiete. „Wer dazu forscht, bekommt zwar eher die Chance, in einem anerkannten Journal zu publizieren, erforscht aber vielleicht gar nicht das, was in der Zukunft gebraucht wird“, sagt Mück.

Für alle, die zukunfts- statt karriereorientiert forschen wollen, gibt es im „JUnQ“ die Rubrik „Open Questions“. Sie soll die Leser dazu anregen, sich mit ungelösten Rätseln zu beschäftigen: Gibt es die perfekte Schachstrategie? Haben männliche Kleinkinder öfter Blähungen als weibliche? Und nicht zuletzt: Können Geisteswissenschaftler überhaupt scheitern? Leonie Mück und Thomas Jagau warten noch auf Einsendungen. Währenddessen arbeiten sie an ihren Dissertationen. Ob die am Ende Ergebnisse haben werden, ist noch nicht sicher – gelingen dürften sie aber so oder so.

ZEIT Campus, Juli/August 2011

Kolumnenkolumne (2)

Darum gings: Marketing gehört heute zu den Soft Skills, für die wir keine extra Kurse mehr brauchen.

Die Befürchtung: Herr Doktor Kernstock versteht alles falsch, macht mich bei der Abschlusspräsentation zur Schnecke und gibt dann der ganzen Gruppe eine 4,0. Und mein anderer Marketing-Dozent, Professor Kenning, ruft mich in sein Büro und lässt mich 100 Mal “Marketing ist marktorientierte Unternehmensführung” an die Tafel schreiben.

Das kam von Herrn Doktor Kernstock: eine 1,0.

Lieblingsleserbrief (von meinem Kommilitonen): “treffend, frech, markant – angenehm anders!” – da haben sich die fünf (!) Versionen, die es von dieser Kolumne gibt, ja gelohnt!

Das versprochene Foto vom Anschwimmen:
Anschwimmen im See

Und dann? Dann kam ein kleiner Skandal. Meine Uni wächst und wächst und plant deshalb schon seit Jahren einen Neubau. Eigentlich war das auch alles abgesprochen, aber dann blockten die Verantwortlichen im Gemeinderat plötzlich ab. Als das rauskam, ließ die passende Kampagne natürlich nicht lange auf sich warten: Im Vorfeld einer Gemeinderatssitzung organisierten die Studenvertreter eine “Freiluftuniversität”, bei der unsere Dozenten Open-Air-Vorlesungen hielten. Um schon mal deutlich zu machen, wie Studieren so ist, ohne Dach über dem Kopf. Inzwischen hat das Präsidium einen Termin beim Gemeinderat.

Frage, die bleibt: Liegt die ganze Kampagnenmacherei vielleicht nur daran, dass es im (bösen, bösen Bachelor-)Studium keinen anderen Weg mehr gibt, seine Kreativität auszuleben?