Aus Misserfolgen lernt man am besten, finden zwei Doktoranden
Als das Molekül beim dritten Versuch immer noch nicht so aussah, wie es sollte, gab Leonie Mück auf. Wochenlang hatte die Chemie-Doktorandin versucht, eine Naturstoffsynthese durchzuführen, also ein natürliches Molekül im Labor künstlich herzustellen. Am Ende musste sich die 25-jährige eingestehen: Ihr Versuch war gescheitert.
Forscher scheitern ständig – nur reden sie nicht darüber. Wer gibt schon gern zu, dass er sich über Wochen abgerackert hat, ohne am Ende ein Ergebnis vorweisen zu können, das für eine Veröffentlichung taugt? Die Daten und Mitschriften, Beweise für den vermeintlichen Flop, landen in der Schublade oder, noch schlimmer, im Papierkorb. Das ist falsch, findet Leonie Mück: „Für andere Wissenschaftler können diese Informationen sehr wertvoll sein. Sonst verschwenden sie womöglich viel Zeit und Mühe damit, Fehler zu wiederholen, die andere schon vor ihnen gemacht haben.“ Es gebe in der Wissenschaft keine Kultur des Scheiterns. „Wir sind ständig auf der Jagd nach dem nächsten Durchbruch, und nur die Gewinner dürfen publizieren“, sagt Mück. „Das hält uns davon ab, wirklich gute Wissenschaft zu betreiben.“
Deshalb hat sie 2010 gemeinsam mit ihrem Kommilitonen Thomas Jagau das „Journal of Unsolved Questions“ gegründet, eine Zeitschrift der ungelösten Fragen. Darin soll endlich jene Forschung publiziert werden, die ohne Ergebnis geblieben ist. Die Idee dazu entstand im Rahmen eines Thinktanks der Graduiertenschule Materials Science der Uni Mainz. Diese Graduiertenschule hat auch den Druck der ersten Ausgabe bezahlt, die im Januar erschienen ist. Künftig soll der Druck der halbjährlich erscheinenden Printausgabe durch Spenden finanziert werden. Das Journal richtet sich an Studenten und Wissenschaftler aller Fachrichtungen. In der ersten Ausgabe berichtet ein Chemiker, wie er nach einem Weg suchte, Integrale mit einem Minimum an Computerressourcen auszurechnen – und keinen fand. Leonie Mück selbst beschreibt einen weiteren erfolglosen Versuch.
Die Ansprüche der „JUnQ“-Redaktion sind ebenso hoch wie bei konventionellen Journals. Jeder eingereichte Artikel wird einem Peer-Review-Prozess unterzogen. Das heißt: Zwei Wissenschaftler, die auf ähnlichen Gebieten forschen wie der Autor und oft dessen direkte Konkurrenten sind, bewerten die wissenschaftliche Qualität des Beitrags. Ist er plausibel fundiert und reproduzierbar? Wurden die gewonnen Daten richtig interpretiert? Nur kommt hier noch eine besondere Frage dazu: Ist der Forscher wirklich gescheitert?
Gerade das sei eine sehr subjektive Frage, erklärt Thomas Jagau, 25 Jahre alt. Kürzlich wurde in einem Teilchenbeschleuniger in den USA eine fünfte Grundkraft der Physik entdeckt – eine bahnbrechende Erkenntnis, denn bisher waren nur vier Grundkräfte bekannt. „Die fünfte Grundkraft müsste doch auch schon am CERN gemessen worden sein – nur hat man sie da vielleicht als Fehler abgetan“, vermutet Jagau. Dies zeigt für ihn, wie wichtig es ist, auch ungewöhnliche und vermeintlich falsche Ergebnisse zu dokumentieren.
Noch sind es vor allem Freunde und Bekannte der Herausgeber, die im „JUnQ“ veröffentlichen. Langfristig erhoffen sich die beiden aber, dass sie zu einem Mentalitätswechsel in der Wissenschaftsgemeinde beitragen können. „In dieser Branche läuft alles auf die Publikation hinaus, sie ist die Visitenkarte eines Wissenschaftlers: In welchem Journal hat er publiziert, zu welchem Thema, wie oft wurde er zitiert? Das verzerrt die Wissenschaft“, sagt Mück. Eines der wichtigsten Kriterien für die Bewertung eines Journals ist der Impact-Faktor, der misst, wie oft das Journal zitiert wurde. Dieser Impact-Faktor mache anfällig für besonders „hippe“ Wissenschaftsgebiete. „Wer dazu forscht, bekommt zwar eher die Chance, in einem anerkannten Journal zu publizieren, erforscht aber vielleicht gar nicht das, was in der Zukunft gebraucht wird“, sagt Mück.
Für alle, die zukunfts- statt karriereorientiert forschen wollen, gibt es im „JUnQ“ die Rubrik „Open Questions“. Sie soll die Leser dazu anregen, sich mit ungelösten Rätseln zu beschäftigen: Gibt es die perfekte Schachstrategie? Haben männliche Kleinkinder öfter Blähungen als weibliche? Und nicht zuletzt: Können Geisteswissenschaftler überhaupt scheitern? Leonie Mück und Thomas Jagau warten noch auf Einsendungen. Währenddessen arbeiten sie an ihren Dissertationen. Ob die am Ende Ergebnisse haben werden, ist noch nicht sicher – gelingen dürften sie aber so oder so.
ZEIT Campus, Juli/August 2011
Kommentiert
anna*: berührend. und das meine ich nicht pathetisch, aber ich weiß mich gerade nicht besser auszudrücken als “das berührt meine seele”.
Auceza: Huhu!!! Habe vor Kurzem Deine Website im Netz entdeckt und finde sie sehr gut. :) Ich hoffe, dass Du noch viele Interviews machst und fleißig...
Nathalie: Ich drücke mich immer vom lernen mit lesen.. I love lesen Und ich liebe einen jungen aus der 6. Klasse
Eva: Aber nur ganz leicht! ;D