Durch die Blume

Blümchen

Gerade lerne ich für meine Sozialpsychologie-Klausur und ärgere mich ein bisschen über die Definitionen von Stereotyp („Verbindung / Assoziation von bestimmten Eigenschaften mit einer bestimmten Gruppe von Menschen“) und Vorurteil („Negative Bewertung von Personen basierend auf ihrer Zugehörigkeit zu bestimmten Gruppen“). Die sind zu eng gefasst! Vor kurzem habe ich nämlich festgestellt, dass diese Begriffe längst nicht auf Menschen beschränkt sind.

Ich habe neue Blumen für meinen Balkon gekauft. Dieses Jahr erstrahlt nun alles in einer Mischung aus weiß und violett, und der erste Kommentar dazu lautete: „Oh Gott, wie kitschig!“ Stiefmütterchen, hieß es, seien peinliche Omablümchen. Ich war geschockt! Nie im Leben hätte ich gedacht, dass man Vorurteile gegenüber Blumen haben kann – die sind doch das friedlichste, was es gibt auf der Welt! Ziemlich schnell war aber klar, dass nicht nur Stiefmütterchen in Schubladen stecken. Chrysanthemen sind angeblich Friedhofsblumen, Orchideen was für Styler und Möchtegerns und Tulpen gehen erst recht nicht, schließlich kommen die aus Holland.

Meine Professorin würde sagen: böse! Das ist Diskriminierung („Negatives Verhalten gegenüber Personen aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe.“) aufgrund von Abstammung und körperlichem Erscheinungsbild. Sie hat uns auch beigebracht, dass man sich gegen Stereotype durchaus wehren kann – man muss nur wollen!

Dann erkennt man vielleicht, dass Chrysanthemen ganz wunderbare Pflanzen sind, weil sie sich im Winter wacker halten und selbst im späten November noch prächtig blühen. Oder dass Orchideen nicht von Möchtegerns, sondern nur von wahren Experten am Leben gehalten werden können. Und Omablümchen sind für mich nicht Stiefmütterchen, sondern wenn überhaupt, dann Löwenmäulchen. Als Kind habe ich es geliebt, in Omas Garten damit zu spielen. Aber Kinder sind ja sowieso die besten, die haben nämlich gar keine Vorurteile.

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