Archiv für Mai, 2011

Tschüss, Abteil!

Die Bahn schafft die Abteile ab. Das finde ich ziemlich dramatisch. Ich habe überwiegend gute Erinnerungen an Bahnfahrten im Abteil – überhaupt merkt man sich die viel besser als Großraumfahrten. Warum? Weil man im Abteil Leute kennenlernt. Zum Beispiel den Gemüseverkäufer aus der „Fabelhaften Welt der Amelie”. Oder sogar den Bundeskanzler!

Bei meiner letzten Fahrt habe ich Max getroffen. Den kannte ich eigentlich schon, wir sind Kommilitonen, aber mehr als „Hallo“ und „Tschüss“ hatten wir noch nie zueinander gesagt. Und dann standen wir gemeinsam am Gleis in Friedrichshafen und warteten auf den Zug nach Berlin.

Zu Beginn einer so langen Fahrt jemanden zu treffen, den man kennt und der das gleiche Ziel hat, kann richtig gut ausgehen – oder ganz schrecklich. Mit Max ging es gut aus. Nach sieben Stunden lagen wir lang ausgestreckt im Behindertenabteil und erzählten uns von Beziehungen, Berufswünschen und Essgewohnheiten.

Das Behindertenabteil ist ein Geheimtipp. Viele Leute wagen es, aus welchen Gründen auch immer, nicht, sich hineinzusetzen. Also wurde es unser Refugium. Unser Kino, für 90 Actiongeladene Minuten. Unser Internetcafé, bis die Volumengrenze des iPhone-Tarifs erreicht war.

Man muss genau hinschauen, dann wird einem klar, wie viel Potenzial in so einem Abteil steckt. Es ist alles da: Steckdosen, Stauraum, ein Tisch, sogar eine eigene Klimaanlage. Man könnte einen Gaskocher mitbringen und eine Suppenküche oder einen Coffeeshop aufmachen, so als direkte Konkurrenz zum Speisewagen. Man könnte die Vorhänge zuziehen, eine Diskokugel aufhängen (die glitzert auch noch so schön in den Spiegeln unterhalb der Gepäckablage) und das Abteil zum Partyabteil erklären. Es ist – oder war – weit mehr als bloß der Rückzugsort für Eltern mit strapazierten Nerven und kreischenden Kindern. Oh, apropos: Wo sollen die dann jetzt eigentlich bleiben?!

Eva studiert das Leben: Alle mal mitschwimmen!

Nehmen Sie es mir nicht übel, Herr Doktor Kernstock, aber hiermit melde ich mich von Ihrem Marketingkurs ab. Kein Bedarf. Den braucht echt niemand. Meine Kommilitonen und ich wissen längst, wie gute Werbung funktioniert. Wenn wir etwas draufhaben, dann das!

Für jede Kleinigkeit starten wir eine Kampagne: Anna frittiert Fischwürfel und verteilt sie als Kibbeling in der Mensa, auf dass das holländische Nationalgericht die Leute in Scharen zum Holländischkurs treibe. Roman bastelt die ganze Nacht lang an einer Website, um die beste Mitbewohnerin der Welt zu finden. Wir drehen Trailer, um damit auf YouTube für unsere WG-Partys zu werben. Wir programmieren Facebook-Apps, um wirkungsvoller an die Gruppenarbeit erinnern zu können. Wir sind die Meister des Trommelns. Ihre Theorien, Herr Doktor Kenrstock, sind allenfalls hübsche, aber vollkommen nutzlose Hüllen für etwas, das wir längst verinnerlicht haben – im Alltag beweisen wir das ständig. Was soll ich da bitte noch in Ihrer Vorlesung?!

Sie glauben mir nicht? Als kleine Overachieverin, die ich nun mal bin, platziere ich meine neueste Kampagne nun hier, an prominenter Stelle: Anschwimmen im Bodensee, nächsten Freitag! Kommt! Alle! Ja, auch Sie, Herr Doktor Kernstock. Überzeugen Sie sich selbst. Ich freue mich schon auf Ihre Badehose.

ZEIT Campus, Mai / Juni 2011

Geschmacksgeschichten: die Gewinner!

Huj! Fast so spannend wie beim Eurovision Song Contest ging es zu bei der Sitzung der Geschmacksgeschichtenjury. Vielen Dank für eure Einsendungen! Wir freuen uns, dass so viele Videoblogzuschauer das Rezept ausprobiert haben. Meine Kommilitonin Caro hat sich sogar bei mir bedankt, weil ihr Freund so zum allerersten Mal für sie gekocht hat! Vielleicht bekommt sie ja bald wieder eine Tortillapizza – dieses Mal nach dem Rezept von Martin?

Er nennt seine Variation „Hipster-Tortilla-Pizza“ und hat damit selbst den Profi Stevan Paul vom Hocker gehauen: „ein wirklich sensationeller Belag!“ Der Clou ist der in Olivenöl, Honig und – Achtung, Hipster-Alarm! – Club Mate marinierte Ziegenkäse. Damit wird die Tortillapizza sicher bald Schawarma als den Hipster-Snack schlechthin ablösen… Das ausführliche Rezept gibt es in Martins Blog.

Das Siegerfoto von Markus

In der Kategorie Foodstyling gewinnt Markus. Er hat vor allem, was die Farben angeht, ganze Arbeit geleistet mit knallroten Tomaten, satt grüner Avocado und einem raffiniert gebräunten Tortillarand. Videoblog-Kameramann Roman sagt: “Durch die Perspektive stechen die Farben super hervor, und der zweifarbige Untergrund macht dieses Bild zu einem echten Hingucker!”

Herzlichen Glückwunsch und viel Spaß bei der Lektüre von „Monsieur, der Hummer und ich“!

Durch die Blume

Blümchen

Gerade lerne ich für meine Sozialpsychologie-Klausur und ärgere mich ein bisschen über die Definitionen von Stereotyp („Verbindung / Assoziation von bestimmten Eigenschaften mit einer bestimmten Gruppe von Menschen“) und Vorurteil („Negative Bewertung von Personen basierend auf ihrer Zugehörigkeit zu bestimmten Gruppen“). Die sind zu eng gefasst! Vor kurzem habe ich nämlich festgestellt, dass diese Begriffe längst nicht auf Menschen beschränkt sind.

Ich habe neue Blumen für meinen Balkon gekauft. Dieses Jahr erstrahlt nun alles in einer Mischung aus weiß und violett, und der erste Kommentar dazu lautete: „Oh Gott, wie kitschig!“ Stiefmütterchen, hieß es, seien peinliche Omablümchen. Ich war geschockt! Nie im Leben hätte ich gedacht, dass man Vorurteile gegenüber Blumen haben kann – die sind doch das friedlichste, was es gibt auf der Welt! Ziemlich schnell war aber klar, dass nicht nur Stiefmütterchen in Schubladen stecken. Chrysanthemen sind angeblich Friedhofsblumen, Orchideen was für Styler und Möchtegerns und Tulpen gehen erst recht nicht, schließlich kommen die aus Holland.

Meine Professorin würde sagen: böse! Das ist Diskriminierung („Negatives Verhalten gegenüber Personen aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe.“) aufgrund von Abstammung und körperlichem Erscheinungsbild. Sie hat uns auch beigebracht, dass man sich gegen Stereotype durchaus wehren kann – man muss nur wollen!

Dann erkennt man vielleicht, dass Chrysanthemen ganz wunderbare Pflanzen sind, weil sie sich im Winter wacker halten und selbst im späten November noch prächtig blühen. Oder dass Orchideen nicht von Möchtegerns, sondern nur von wahren Experten am Leben gehalten werden können. Und Omablümchen sind für mich nicht Stiefmütterchen, sondern wenn überhaupt, dann Löwenmäulchen. Als Kind habe ich es geliebt, in Omas Garten damit zu spielen. Aber Kinder sind ja sowieso die besten, die haben nämlich gar keine Vorurteile.

Barbekanntschaften

Am Wochenende bin ich ausgegangen, mit meinen Großeltern. Wir waren in einer von diesen Bars, in denen es tiefe Sessel gibt und traditionelle Drinks und einen Menschen am Klavier. Für einen Samstag Abend war es ziemlich leer. Umso überraschter war ich, als nach einiger Zeit ein Paar, das garantiert nicht jünger war als meine Großeltern, begann zu tanzen.

Als ich an ihnen vorbei ging, ließ der kleine Mann mit den tiefen Lachfalten kurz die Hand seiner Frau los und sagte zu mir: „You should dance with your daddy, too!“ Ich flüsterte ihm, dass das sogar mein Großvater ist, und er rief nur, „even better!“ Es sei sein 50. Hochzeitstag, da sollten alle tanzen.

50 Jahre! Ob wir später auch so lange verheiratet sein werden? Ob wir überhaupt verheiratet sein werden? Ich dachte darüber nach, wie man das hinbekommt. Muss man das Glück haben, den richtigen zu finden, mit dem es einfach für immer passt? Oder gleicht man sich einander an und kann dann irgendwann nicht mehr ohne, stellt die Beziehung einfach nicht mehr in Frage? Was ist das Geheimnis?

Später kamen wir mit den beiden ins Gespräch. Es stellte sich heraus, dass er aus Zürich stammt und sie aus Alabama. Sie hatte erst im Januar einen mehrfachen Hüftbruch und kann jetzt beim Tanzen schon wieder in die Knie gehen. Er hat in den 50er Jahren in den USA gearbeitet. Mit technischen Teilen, von denen damals noch gar nicht klar war, wofür sie einmal gut sein würden. „Wir haben uns Fernseher, Computer, Tablets und viele andere Geräte vorgestellt – und jetzt gibt es die tatsächlich!“, erzählt er.

Irgendwann ist es spät genug für uns alle, der 50. Hochzeitstag in wenigen Minuten vorbei. Der Züricher macht noch ein Foto von uns mit seiner alten Minox. Und kurz, bevor sie gehen, beugt sich die alte amerikanische Dame zu mir herunter, als wollte sie mir ein Geheimnis verraten. „Marry a man who dances“, zwinkert sie und schlendert am Arm ihres Mannes davon.