Wenn Geld und Zeit keine Rolle spielten – welche Geschichte würdest du gern machen wollen? Das hat mich vor kurzem ein Journalist gefragt, und zu meiner eigenen Überraschung wusste ich die Antwort sofort: Ich würde nach Afghanistan reisen, um Michaels Geschichte weiter zu erzählen. Im Interview 2009 blickte mein ehemaliger Mitschüler seinem sehr wahrscheinlichen Afghanistan-Einsatz noch recht gelassen entgegen. Aber wie wird es sein, wenn er auf einmal mitten drin steckt?
Ich kann nicht richtig erklären, warum mich das Thema Militärdienst so fasziniert. Vielleicht ist es die tiefe Überzeugung vieler, die dort arbeiten, dass sie ihr Land auf diese Weise unterstützen und verteidigen können – und das ungeheure Risiko, das sie dafür eingehen.
In diesem Zusammenhang wundere ich mich oft darüber, wie unterschiedlich das Ansehen von Soldaten in den verschiedenen Ländern ist. Als ich vor zwei Jahren auf dem Weg nach Costa Rica (wo es übrigens gar kein Militär gibt) einen Zwischenstopp in Atlanta einlegte, habe ich das zum ersten Mal live gesehen. Am Flughafen tummelten sich uniformierte amerikanische Soldaten, und wildfremde Menschen klopften ihnen im Vorbeigehen auf die Schultern oder riefen ihnen ein „Thank you for your service“ zu.
Darauf würde in Deutschland wohl kaum jemand kommen. Zumal die Soldaten bei uns lange nicht so präsent sind. Mit einer Ausnahme: Neulich fuhr ich mit dem Zug von Friedrichshafen in Richtung Norden, es war ein Freitag Nachmittag, an dem scheinbar sämtliche baden-württembergischen Kompanien Ausgang hatten. Jedenfalls saßen im ICE mehr Soldaten als Zivilisten – viele in Uniform, die anderen erkannte man an ihren tarngemusterten Seesäcken. Hingehen und „Danke, dass ihr das macht“ sagen? Das kam mir ziemlich komisch vor. Vor allem, weil diese Soldaten doch irgendwie das Klischee erfüllten, indem sie Ballerfilme auf ihren Laptops schauten und ansonsten nur mit ihren Partyplänen fürs Wochenende prahlten.
Ein paar Wochen später hatte ich die Möglichkeit einer Betriebsbesichtigung bei Cassidian. Die Tochterfirma von EADS ist nur eines von vielen Rüstungsunternehmen, die sich um den Bodensee scharen wie Pickel um die Nase eines 16jährigen. Cassidian produziert so ziemlich alles, was im Krieg fliegt, zum Beispiel Aufklärungsdrohnen oder den Eurofighter. Der wurde uns zwar nicht gezeigt, dafür stand ich aber plötzlich mitten in einer militärischen Kommandozentrale. Eine weitere Produktsparte sind nämlich sogenannte „mobile Systeme“ – kugelsichere Container, in denen zum Beispiel Operationssäle oder eben Büros für den Einsatz im Krieg untergebracht sind.
Ich stand in diesem Container, und weil der keine Fenster hatte und ziemlich dicke Wände, war es gar nicht so schwer sich vorzustellen, dass hinter diesen Wänden Afghanistan sei und nicht Friedrichshafen. Da schauerte ich ein bisschen und musste wieder an Michael denken, wie er in ein paar Jahren vielleicht von hier aus Kommandos gibt. Ich weiß noch nicht, ob ich das alles richtig oder falsch finde, wann die deutschen Soldaten da raus sollten und wie man alles viel besser machen könnte. Aber ich würde es gerne rausfinden. Vor Ort.





Kommentiert
anna*: berührend. und das meine ich nicht pathetisch, aber ich weiß mich gerade nicht besser auszudrücken als “das berührt meine seele”.
Auceza: Huhu!!! Habe vor Kurzem Deine Website im Netz entdeckt und finde sie sehr gut. :) Ich hoffe, dass Du noch viele Interviews machst und fleißig...
Nathalie: Ich drücke mich immer vom lernen mit lesen.. I love lesen Und ich liebe einen jungen aus der 6. Klasse
Eva: Aber nur ganz leicht! ;D