Archiv für März, 2011

Und jetzt: Nichtstun.

Es gibt Sachen, die man erst wertschätzt, wenn man sie nicht mehr hat und auch so schnell nicht mehr kriegen kann. Langeweile ist das beste Beispiel. Mein Studium sorgt gerade dafür, dass ich im Kalender ganze vier Wochen vorblättern muss, um die nächsten zwei zusammenhängenden freien Tage zu finden – und bis dahin wird bestimmt noch eine Gruppenarbeit oder ein Abgabetermin auf genau dieses Datum gelegt.

Das ist gefährlich. Man hangelt sich mit Tunnelblick von Projekt zu Projekt, Deadline zu Deadline. Mein Leben besteht aus halbstündigen Einheiten zwischen acht und 23 Uhr, die ich je nach Dringlichkeit und Priorität einzelnen Aufgaben zuteile. Selbst Brainstormings werden inzwischen terminiert und abgearbeitet – Kreativität auf Knopfdruck.

Doch gestern, ganz plötzlich und ungeplant: ein freier Nachmittag. Uj! Ich schmiss die To-Do-Liste in die Ecke, den Laptop auch, und setzte mich aufs Sofa. Das allein war ja schon ungewohnt. Dann legte ich mich hin. Guckte ein bisschen raus in die Sonne. Merkte, dass Schlaf Nachholen gerade irgendwie nicht das richtige war, und schaltete den Fernseher ein. Er flimmerte erst misstrauisch, so als hätte er schon gedacht, es gäbe mich gar nicht mehr. Aber dann zeigte er mir bereitwillig eine Doku, die ich vor Ewigkeiten einmal aufgenommen hatte.

Ich bin bei „Lagerfeld Confidential“ doch noch weggedöst, aber das hat nicht dieser Film zu verschulden (der locker Platz 3 in der Liste der besten Modedokumentationen verdient hat). Es lag wohl eher daran, dass ich gestern Morgen schon vor acht Uhr zwei Zeiteinheiten für eine ärztliche Vorsorgeuntersuchung aufgewandt hatte. Im Wartezimmer las ich Magazincover: „Schlaf ist der neue Sex: Jeder will ihn, jeder braucht ihn und keiner bekommt genug“. (Es war ein zweitklassiges Frauenmagazin.) Zum Glück muss man Schlaf nicht planen. Der überkommt einen am Ende einfach, wenn man ihn braucht – ob man will oder nicht.

Viel wichtiger, das wurde mir jetzt klar, ist Rumlungern. Rumlungern ist nicht das gleiche wie Langeweile, denn die kann man nicht planen. Langeweile bedeutet, etwas machen zu wollen, aber nicht zu wissen, was. Rumlungern dagegen bedeutet: ganz bewusst gar nichts zu machen. Oder zumindest so gut wie nichts: lange Plappertelefonate mit Freunden zu führen, an deren Ende man kopfüber vom Sofa hängt. In Kochbüchern zu blättern, als wären es Illustrierte, und Muffinförmchen nach Farben zu ordnen. Durch die dritten Programme zu zappen und für ein paar Minuten bei „Eisbär, Affe & Co.“ hängen zu bleiben. Rumlungern ist die geplante Pause von allen Plänen.

Und die verbringt man am besten alleine. Warum, erklärte mir ausgerechnet Karl Lagerfeld, als ich nach zwanzig Minuten wieder aufwachte: „Für Menschen wie mich ist die Einsamkeit ein Sieg, ein Kampf. Menschen, die wie ich einen Beruf mit kreativem Anspruch ausüben, müssen oft allein sein, um die Batterien aufzuladen. Man kann nicht 24 Stunden in der Öffentlichkeit leben und dabei kreativ bleiben. (…) Also bin ich dafür, dass jeder ein unabhängiges Leben führt.“

Man kann nicht auf Knopfdruck kreativ sein, zumindest nicht über eine gewisse kreative Routine hinaus. Um die zu überwinden, muss man rumlungern. Rumlungern verspricht nichts und hält viel: Im Gespräch mit der Grundschulfreundin kommt einem völlig unerwartet die Idee für das verzweifelt gesuchte Hausarbeitsthema. In der folgenden Nacht träumt man von einem Muffinrezept, das so vorher noch niemand gebacken hat. Und wozu die Tiersendung im SWR führt, weiß Gott allein. Kreativität kann man nicht planen. Man sollte sie nur auch nicht verplanen.

Prüfungen des Alltags: Eva fordert Credit Points fürs Durchhalten

Ich habe die Frischfleischparty verpasst. Ausgerechnet! Die traditionelle Sause, bei der Erstis ausgecheckt und alte Affären ein für alle Mal beendet werden. Bei der ich endlich Vera wiedergesehen hätte, die aus Manchester zurück ist, und Tim, womöglich noch mit schwarzen Ringen unter den Augen von seinem Praktikum als Unternehmensberater.

Das Problem ist, dass wir mit dem Feiern viel zu spät beginnen. Vor Mitternacht braucht man gar nicht da zu se in – die anderen sie es ja auch nicht.

Ich hatte einen guten Plan: Samstagskrimi schauen, Mails abarbeiten, essen, hübsch machen und los. Die Abende, die ich allein im letzten Semester so verbracht habe, sind locker einen Credit Point wert! Doch diesmal war der Samstagskrimi langweiliger und das Sofa gemütlicher als gedacht.

Am nächsten Morgen wachte ich ohne Kater auf, aber mit Rückenschmerzen. Und ich fragte mich: Warum fangen Partys nicht früher an? Es ist Friedrichshafen, wir haben nichts Besseres zu tun, und in den Clubs ist es auch um neun schon dunkel. Besser noch: Wer früher anfängt, ist früher fertig – und morgens um acht fit für den Spanischkurs. Deshalb plädiere ich für spießigere Partyzeiten. Bei den Briten hat sich das längst durchgesetzt, sagt Vera.

ZEIT Campus, März/April 2011

Küchenstolz: Zitronen-Mandel-Muffins

Zitronen-Mandel-Muffins

Diese Muffins habe ich für Opa gebacken, als wir ihn für das Jagd-Videoblog besucht haben. Sie sind ungefähr doppelt so groß geworden wie auf dem Bild in meinem Muffinbackbuch, und weil die Zeit knapp und die Garnierung fürchterlich klebrig war, habe ich sie einfach in der Form transportiert. Nach meiner Ankunft mussten wir sie dann regelrecht aus den Vertiefungen ausgraben, was den einen oder anderen Schaden zur Folge hatte. Aber egal, den Jägern hats geschmeckt und hier kommt das Rezept!
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Völlig verzettelt: Umberto Eco macht mich fertig

Dieses Listen-Thema lässt mich nicht los, und vielleicht liegt das schlicht daran, dass es ein UNENDLICHES Thema ist. Zumindest, wenn es nach Umberto Eco geht. In seinem Band „Die unendliche Liste“ hat er jede Menge Listen gesammelt: visuelle Listen in Form von Gemälden, praktische Listen wie Einkaufszettel oder Inventare und poetische Listen, vornehmlich aus der Literatur. Doch das Buch ist mehr als eine reine Listenliste. Es beschreibt auch, woher der Drang, alles aufzulisten, überhaupt kommt.

Es geht darum, in einer unendlichen Welt, deren Orte, Menschen und Dinge wir nie vollständig überblicken können, kleine Endlichkeiten zu schaffen. Zu ordnen, was nicht zu ordnen ist – „denn gerne glaubt man, dass man auch versteht, was man gezählt und mit einem Etikett versehen hat.“

Bei der Lektüre fühle ich mich ertappt: Dieser Drang zur Vollständigkeit kommt mir sehr bekannt vor. Jeder ist irgendwann Sammler. Sei es im Supermarkt, wo man nichts vergessen will, im Urlaub, wo man alles fotografieren will, oder bei Facebook, wo man nichts verpassen will. Wie gut tut da eine Liste, die man einfach so abarbeiten kann, völlig frei von der Sorge, doch noch etwas zu übersehen!

Es gibt aber auch Leute, denen gefällt diese Unruhe. Sie sammeln Dinge, von denen sie genau wissen, dass sie sie nie in ihrer Gesamtheit besitzen können. Eco spricht von der „pure[n] Lust an der Anhäufung und Mehrung ad infinitum“ – mich würde das ja verrückt machen. Auch wenn ich ganz lange und fest nachdenke, fällt mir nichts ein, von dem ich ALLES haben wollte. (Außer vielleicht die vollständigen J. Crew-Kollektionen der vergangen drei Jahre. (Aber selbst da gibt es ein, zwei Farben, die mir einfach nicht stehen.))

Der kurze Streifzug durch die Uni-Bibliothek (schon eine monströse Liste an sich) zeigt: Listen sind überall.

Ganz im Gegensatz zu diesen praktischen Listen stehen die poetischen. Hier geht es weniger darum, einen Inhalt zu vermitteln als einen übergeordneten Eindruck. Wenn Patrick Süskind in „Das Parfum“ seitenlang die üblen Gerüche der Pariser Innenstadt aufzählt, Homer in der Ilias 300 Verse lang griechische Schiffe auflistet und Andy Warhol zig identische Suppendosen nebeneinander platziert, geht es immer um „einen Eindruck von Überfluss, von unendlicher Menge und Vielfalt“ – und damit auch von Unendlichkeit.

Diese fiese Unendlichkeit! Damit hat Umberto Eco mich ziemlich fertig gemacht. Denn man kann sie noch so stark bekämpfen mit lauter Listen, Sammlungen, Anhäufungen – und entkommt ihr doch nie. So bleibt auch Ecos Buch eine unbefriedigende, weil unvollständige Listenliste, deren letztes Wort nur lauten kann: “undsoweiter”.