Es gibt Sachen, die man erst wertschätzt, wenn man sie nicht mehr hat und auch so schnell nicht mehr kriegen kann. Langeweile ist das beste Beispiel. Mein Studium sorgt gerade dafür, dass ich im Kalender ganze vier Wochen vorblättern muss, um die nächsten zwei zusammenhängenden freien Tage zu finden – und bis dahin wird bestimmt noch eine Gruppenarbeit oder ein Abgabetermin auf genau dieses Datum gelegt.
Das ist gefährlich. Man hangelt sich mit Tunnelblick von Projekt zu Projekt, Deadline zu Deadline. Mein Leben besteht aus halbstündigen Einheiten zwischen acht und 23 Uhr, die ich je nach Dringlichkeit und Priorität einzelnen Aufgaben zuteile. Selbst Brainstormings werden inzwischen terminiert und abgearbeitet – Kreativität auf Knopfdruck.
Doch gestern, ganz plötzlich und ungeplant: ein freier Nachmittag. Uj! Ich schmiss die To-Do-Liste in die Ecke, den Laptop auch, und setzte mich aufs Sofa. Das allein war ja schon ungewohnt. Dann legte ich mich hin. Guckte ein bisschen raus in die Sonne. Merkte, dass Schlaf Nachholen gerade irgendwie nicht das richtige war, und schaltete den Fernseher ein. Er flimmerte erst misstrauisch, so als hätte er schon gedacht, es gäbe mich gar nicht mehr. Aber dann zeigte er mir bereitwillig eine Doku, die ich vor Ewigkeiten einmal aufgenommen hatte.
Ich bin bei „Lagerfeld Confidential“ doch noch weggedöst, aber das hat nicht dieser Film zu verschulden (der locker Platz 3 in der Liste der besten Modedokumentationen verdient hat). Es lag wohl eher daran, dass ich gestern Morgen schon vor acht Uhr zwei Zeiteinheiten für eine ärztliche Vorsorgeuntersuchung aufgewandt hatte. Im Wartezimmer las ich Magazincover: „Schlaf ist der neue Sex: Jeder will ihn, jeder braucht ihn und keiner bekommt genug“. (Es war ein zweitklassiges Frauenmagazin.) Zum Glück muss man Schlaf nicht planen. Der überkommt einen am Ende einfach, wenn man ihn braucht – ob man will oder nicht.
Viel wichtiger, das wurde mir jetzt klar, ist Rumlungern. Rumlungern ist nicht das gleiche wie Langeweile, denn die kann man nicht planen. Langeweile bedeutet, etwas machen zu wollen, aber nicht zu wissen, was. Rumlungern dagegen bedeutet: ganz bewusst gar nichts zu machen. Oder zumindest so gut wie nichts: lange Plappertelefonate mit Freunden zu führen, an deren Ende man kopfüber vom Sofa hängt. In Kochbüchern zu blättern, als wären es Illustrierte, und Muffinförmchen nach Farben zu ordnen. Durch die dritten Programme zu zappen und für ein paar Minuten bei „Eisbär, Affe & Co.“ hängen zu bleiben. Rumlungern ist die geplante Pause von allen Plänen.
Und die verbringt man am besten alleine. Warum, erklärte mir ausgerechnet Karl Lagerfeld, als ich nach zwanzig Minuten wieder aufwachte: „Für Menschen wie mich ist die Einsamkeit ein Sieg, ein Kampf. Menschen, die wie ich einen Beruf mit kreativem Anspruch ausüben, müssen oft allein sein, um die Batterien aufzuladen. Man kann nicht 24 Stunden in der Öffentlichkeit leben und dabei kreativ bleiben. (…) Also bin ich dafür, dass jeder ein unabhängiges Leben führt.“
Man kann nicht auf Knopfdruck kreativ sein, zumindest nicht über eine gewisse kreative Routine hinaus. Um die zu überwinden, muss man rumlungern. Rumlungern verspricht nichts und hält viel: Im Gespräch mit der Grundschulfreundin kommt einem völlig unerwartet die Idee für das verzweifelt gesuchte Hausarbeitsthema. In der folgenden Nacht träumt man von einem Muffinrezept, das so vorher noch niemand gebacken hat. Und wozu die Tiersendung im SWR führt, weiß Gott allein. Kreativität kann man nicht planen. Man sollte sie nur auch nicht verplanen.









Kommentiert
anna*: berührend. und das meine ich nicht pathetisch, aber ich weiß mich gerade nicht besser auszudrücken als “das berührt meine seele”.
Auceza: Huhu!!! Habe vor Kurzem Deine Website im Netz entdeckt und finde sie sehr gut. :) Ich hoffe, dass Du noch viele Interviews machst und fleißig...
Nathalie: Ich drücke mich immer vom lernen mit lesen.. I love lesen Und ich liebe einen jungen aus der 6. Klasse
Eva: Aber nur ganz leicht! ;D