“It’s all about brainwash.”
Die folgende Filmkritik ist mit Vorsicht zu genießen. Denn ich bin noch nicht sicher, inwieweit ich die Gehirnwäsche, die mir „Exit Through the Gift Shop“ verpasst hat, schon überwunden habe.
Was ich ziemlich bestimmt sagen kann: Diese Doku hat ihre Oscar-Nominierung verdient. Und das, obwohl sie keine Doku ist, sondern (vermutlich) zu großen Teilen inszeniert. Aber eben wirklich gut inszeniert. Die Bilder sind perfekt in ihrer Amateurhaftigkeit, die Schnitte schnell und präzise und der Off-Erzähler (Rhys Ifans, der Mitbewohner von Hugh Grant!) einzigartig.
Inhaltlich gibt es, nun ja, mehrere Ebenen. Vordergründig geht es um den verrückten Franzosen Thierry Guetta, der nach Los Angeles kommt, um eine Doku über Street Artists zu drehen. Er begleitet verschiedene Künstler bei ihrer Arbeit, um schließlich zum König der Street Art vorzudringen: Banksy. Der Brite ist unglaublich bekannt und zugleich völlig unbekannt. Man weiß nichts über ihn, außer, dass er Mitte 30 sein und aus Bristol stammen muss. Doch seine Kunst kennt man überall auf der Welt, spätestens, seit er sie eigenhändig in der Londoner Tate Modern aufhängte. Und jetzt darf Guetta diesen Meister der Street Art exklusiv filmen – ohne ihn jemals vollständig zu zeigen, versteht sich.
So entsteht ein filmisches Standardwerk über die moderne Street Art, das nicht nur einen Überblick über deren Hauptakteure und –stilrichtungen gibt, sondern auch einen Eindruck davon, wie diese Kunst entsteht und funktioniert. Anhand von Shepard Faireys „Obey“-Motiv wird zum Beispiel deutlich, wie vermutete Aufmerksamkeit zu echter Aufmerksamkeit wird – allein durch die reine Menge der Aufkleber, die plötzlich überall auftauchten. Interessant fand ich auch den Drang der Street Artists, ihre Kunst zu dokumentieren, eben weil sie so schrecklich vergänglich ist.
Wie schnelllebig die Kunstwelt ist – und wie wenig intelligent mitunter -, das ist die eigentliche Aussage des Films. Denn nach zahlreichen nächtlichen Touren mit Banksy kommt der einfältige Guetta auf die Idee, sich selbst einmal als Street Artist zu probieren. Das funktioniert so gut, dass er unter dem Namen „Mr. Brainwash“ binnen weniger Wochen superberühmt wird und seine Werke sechsstellige Dollarbeträge wert sind. Das Ganze gipfelt in einer riesigen Guerilla-Ausstellung. Das Auge des Zuschauers ist inzwischen allerdings so gut geschult, dass er schnell erkennt, dass diese Ausstellung ihre eigene Parodie ist.
Und das ist das Fiese an diesem Film und ach, doch sowieso an der modernen Kunst: Dass man nie weiß, wo der Alltag aufhört und die Performance beginnt. In „Exit Through the Gift Shop“ sind die Linien zwischen Fiktion und Wirklichkeit so künstlerisch-gekonnt verwischt, dass man nie mehr sicher sein kann, ob man den Streich schon durchschaut oder ob man noch an der Nase herumgeführt wird. Immer gibt es noch eine Falltür, noch eine Kulisse hinter der Kulisse.
Letztendlich ist es einfach die immer gleiche Banksy-Masche und damit vor allem eines: eine weitere hervorragende Maßnahme seiner eigenen Marketingmaschinerie. Denn natürlich verliert in Banksys eigenem Film niemand ein schlechtes Wort über ihn, im Gegenteil, der Hype wird auf die Spitze getrieben. Und Banksy selbst ist es, der vorführt, wie leicht so ein Mythos zu inszenieren ist.
Beim Verlassen des Kinos redet man sich deshalb ein, dass man wohl gar nicht anders kann, als darauf reinzufallen. Aber dieser Fall ist schnell und schrill und gut, und deshalb würde ich ihn sofort wiederholen.




Kommentiert
anna*: berührend. und das meine ich nicht pathetisch, aber ich weiß mich gerade nicht besser auszudrücken als “das berührt meine seele”.
Auceza: Huhu!!! Habe vor Kurzem Deine Website im Netz entdeckt und finde sie sehr gut. :) Ich hoffe, dass Du noch viele Interviews machst und fleißig...
Nathalie: Ich drücke mich immer vom lernen mit lesen.. I love lesen Und ich liebe einen jungen aus der 6. Klasse
Eva: Aber nur ganz leicht! ;D