“I feel like fucking nothing.” – “Why don’t you try volunteering or something?”
Mit Filmen von Sofia Coppola ist es doch wie mit diesen wirklich, wirklich guten Magazinen, die leider nur jedes halbe Jahr erscheinen und dann immer viel zu schnell durchgelesen und vorbei sind. Zumindest ging es mir so mit „Somewhere“.
Sofia Coppolas neuestes Werk, für das sie in Venedig mit dem goldenen Bären ausgezeichnet wurde (was toll ist, weil sie letztes Mal mit „Marie Antoinette“ in Cannes so viel wegstecken musste; was aber auch merkwürdig ist, weil ihr Ex Quentin Tarantino in Italien den Jury-Vorsitz hatte), handelt von dem sehr berühmten Schauspieler Johnny Marco (Stephen Dorff). Der ist von all seinem Ruhm und den vielen Privilegien völlig betäubt, vegetiert nur noch vor sich hin in seinem Zimmer im VIP-Hotel Chateau Marmont am Sunset Boulevard. Er ist so abgestumpft, dass er sogar einmal zwischen den Beinen einer hübschen, willigen Blondine einschläft. Doch dann kommt Cleo (die viel zu begabte, grandiose Elle Fanning), seine Tochter, die für unbestimmte Zeit bei ihm bleiben soll, und weckt ihn allmählich aus diesem Winterschlaf.
Das alles erinnert wirklich stark an „Lost in Translation“: Wieder ist da ein abgehalfterter Filmstar in einem Hotel, dessen Ex ständig anruft, und der am Ende mit einer irgendwie ebenso verlorenen jungen Frau auf dem Bett liegt und erkennt, dass es so nicht weitergehen kann. Es ist noch krasser, denn ganze Szenen wiederholen sich in „Somewhere“: Da ist die Swimming Pool-Szene, die Szene mit dem anstrengend quirligen ausländischen Reporter, und die Parties, auf denen man sich als Zuschauer genauso fremd fühlt wie der Protagonist.
Aber genau dieser Effekt entschuldigt sämtliche Parallelen und Wiederholungen. Die Gefühle und die Atmosphäre werden nicht nur irgendwie dargestellt, sondern gleich auf das Publikum übertragen, ob man will oder nicht. Das hat es mir schwer gemacht, diesen Film zu beurteilen, denn das vorherrschende Gefühl ist hier luxuriöse Langeweile. „Somewhere“ ist langweilig und trotzdem so gut.
Er hat nicht nur unheimlich starke Hauptdarsteller, sondern auch enorm starke, sehr ästhetische Bilder. Er verzichtet fast gänzlich auf Musik, was neu ist bei Sofia Coppola und ein bisschen schade, aber wenn Musik kommt, dann ist sie wirklich toll.
Ich musste mich erst wieder einfinden in die subtile Sprache dieser Regisseurin. Auf eine gewisse Art bin ich in den letzten Monaten genauso abgestumpft wie Johnny Marco. Von all den großen Hollywood-Blockbustern bin ich es gewohnt, dass Emotionen sehr eindeutig und plakativ dargestellt werden, damit ja nichts am Zuschauer vorbeigeht. In „Somewhere“ hingegen läuft es wie im echten Leben. Auch große Gefühlswallungen sind hier nur an kleinen Details erkennbar, und die zu deuten muss man sich als Zuschauer erstmal wieder (zu)trauen.
Das einzige Manko, das mich bei „Somewhere“ an all die schnöden Hollywood-Produktionen hat denken lassen, war das doch sehr gehäufte Product Placement. Fünf, sechs Marken fallen mir ganz spontan ein, die immer wieder in die Kamera gehalten wurden. Das hat Sofia Coppola mit ihrem finanzstarken Vater als Executive Producer doch eigentlich gar nicht nötig, oder?
Doch die Werbung sollte niemanden davon abhalten, sich diesen Film im Kino anzuschauen. Wer „Lost in Translation“ mochte, wer gute Geschichten ganz generell mag und wer endlich mal wieder seine cineastischen Sinne schärfen will, dem sei „Somewhere“ unbedingt ans Herz gelegt.




Ich hab den Film auch am Wochenende gesehen (OmU) und war, wie nicht anders zu erwarten, fast schon begeistert.
Obwohl der Film die Entschleunigung lebt, trat bei mir nie Ansatzweise so etwas wie Langeweile auf.
Zum Product Placement: Okay, Ferrari war offensichtlich. Aber den Rest habe ich wohl nicht mitbekommen.
Wir haben ihn auch OmU gesehen, obwohl das bei so wenig Dialog ja fast keinen Unterschied macht.. Was die Werbung anbelangt: Guitar Hero natürlich! Und Nintendo Wii, Blackberry, Apple und so weiter und so (Tom) ford.
Ach jetzt wo du es sagst…empfand ich gar nicht als PP.
Vielleicht ist es mir dieses Mal so doll aufgefallen, weil bei “Lost in Translation” alles auf Chinesisch war :D Und in einem Historienfilm wie “Marie Antoinette” kann man ja einfach kein Product Placement einbringen.
Sah vor kurzem einen Trailer und habe mir den Film schon notiert. Mal schauen ob ich’s ins Kino schaffe.
“luxoriöse Langeweile”, schöner hät ich nichts sagen können-. Nur einen Ferrari will ich jetzt.
Martin, für Kino muss immer Zeit sein. Und Eva, ohne Werbung hätte ich den Film unrealistisch gefunden und übertrieben war es auch nicht. Ich denke, das lag an dem Chinesisch.
Cineastische Sinnesschärfung übrigens auch bei “In Ihren Augen”.
Uh, ich glaub da mag ich reingehen. Klingt nach Qualitätsfilm. Bin sehr wählerisch bei Filmen, habe keinen Fernseher und gehe selten ins Kino, von daher ist Sinnesschärfung nicht unbedingt notwendig – aber der Film scheint ja auch andere Vorzüge zu haben.
Ach, sorry für den Doppelpost, aber was ist denn OmU? Oo
OmU=Originalton mit Untertitel
Und falls es sonst noch Fragen gibt: http://www.ikdb.de/abkuerzungen.html
Eins habe ich noch ganz vergessen! Katharina von present perfect hat das Original-Drehbuch im Netz gefunden: http://tippytoe.twoday.net/stories/8439492/
Die Gemeinsamkeiten mit Lost in Translation sind tatsächlich nicht zu übersehen. Auch wenn ich dieses Lost in Translation-Gefühl, dieses Mitleben mit den Hauptfiguren, bei Somewhere leider nicht hatte. Trotzdem, großartiger Film mit tollen Bildern. Und Product Placement, joa, gehört wohl dazu. Wie die Chucks bei Marie Antoinette. Oder Phoenix. ;)
Ich hielt “Lost in Translation” immer schon für ein zugespitztes Zerrbild über die Wohlfühlprobleme der Bourgeoisie, mit einem Fetisch für Narzissmus. Das dürfte bei “Somewhere” nicht anders sein. Aber, wenns schön macht…
ich hake den ab.
Mikkai
Kann ich eigentlich alles unterschreiben, langweilig aber toll. Das Product Placenment fiel mir auch auf, störte mich aber nicht, weil Coppola eine ganz künstliche Welt zeigen wollte, die sich nicht zuletzt durch ihre Produkte definiert. Und diese Podukte – Ferrari, Apple, Wii – passten ja auch sehr, sehr gut in diese Welt, so gut, dass ich mir vorstellen könnte, dass da gar kein Geld für geflossen ist. Wie dem auch sei: egal.
Nur eines habe ich ganz anders wahrgenommen: den Musikeinsatz. Den fand ich nämlich extrem dominant, manchmal sogar störend, was vielleicht auch daran liegt, dass ich mit Phoenix wenig anfangen kann.
Warum man überall mit “Mit Musik von Phoenix” werben muss, wenn die Band de facto nur zwei Songs zum Soundtrack beigesteuert hat, verstehe ich sowieso nicht.
Man hat halt die Wahl zwischen staatlich geförderter Filmkunst und glattgebügelte Fernsehformate oder Werbekino. Für das eine oder das andere muss man sich wohl entscheiden. Leider.
Gerade geschaut (eng mit UT). Die Geschichte ist mir fast zu nah an Lost In Translation – und meiner Meinung nach durch das Setting (USA statt fremde Welt) und der Konstellation (Absolut fremd ./. nur ein bisschen fremd/immerhin verwandt) und den Hauptdarsteller (erfahren ./. naivdoof) nicht so mitreißend.
Und die Geschichte ‘Star mit Hang zum wilden Leben liebt Tochter’ wird in der Serie Californication (selbes Setting) deutlich spannende, impulsiver, bewegender erzählt.
Wobei Somewhere durch die autobiografischen Teile von Mrs. Coppola authentischer ist. Bleibe dabei: Lost In Translation bleibt unerreichbar ;)
Sorry für Klugscheißen ;):
Lost in Translation spielt doch in Japan, wo seht ihr da chinesische Produkte?
Marie Antoinette hatte durch aus auch Product Placement:
http://wonderland.creative-assets.com/2006/11/13/marie-antoinette-und-ihre-schuhe/
Ist halt einfach ihr Ding :)
Ich glaube immer noch, dass die Chucks bei “Marie Antoinette” kein Product Placement waren. Die waren Kunst!