Archiv für November, 2010

Easy A

Easy A
“No judgement, but you kind of look like a stripper.” – “A high end stripper. For govenors or athletes.”

Olive ist eigentlich eine Musterschülerin. So eine, die Lektüren auch wirklich liest, anstatt sich nur die Verfilmungen anzuschauen. Aber dann gerät durch einen blöden Zufall das Gerücht in Umlauf, Olive hätte Sex gehabt. Und wie das so ist mit Gerüchten, verbreitet sich die Geschichte rasend schnell und wird immer abstruser. Auf einmal gilt Olive als das Flittchen schlechthin. Und weil sich dagegen zu wehren eh nichts bringen würde, spielt sie das Spiel einfach mit und macht eine Art gemeinnützige Sache daraus: Jungs, die in der Gerüchteküche Etiketten wie „schwul“ oder „Loser“ tragen, dürfen gegen Baumarktgutscheine oder Essenseinladungen behaupten, sie hätten mit Olive geschlafen – und so ihr Image aufpolieren.

„Easy A“ ist eine tolle Highschool-Komödie, eine Mischung aus „Juno“ und „Mein Leben und ich“ – nur, dass ich noch viel mehr lachen musste. Es ist einfach zu lustig, wie Olive mit ihrem schwulen Freund Brandon auf einer Party den Mega-Orgasmus simuliert. Wie sie sich mit ihren „zu locker, um wahr zu sein“-Eltern (Patricia Clarkson! Stanley Tucci!!) über ihre Situation unterhalten will, ohne Worte zu benutzen, die ihr kleiner Bruder noch nicht hören darf. Oder wie sie sich immer wieder mit Marianne anlegt, der frommen Anführerin einer Christentruppe, die die vermeintliche Schulschlampe bekehren will.

Es sind die genialen, mit guten Sprüchen gespickten Dialoge, die diesen Film ausmachen – und natürlich seine grandiosen Hauptdarsteller. Emma Stone hat so eine tolle rauchige Stimme und eine unvergleichliche Mimik. Sie spielt herrlich zynisch und gleichzeitig sehr authentisch. Kaum zu glauben, dass sie beim Dreh schon 22 Jahre alt war!

Aber ihre Gegenspielerin Marianne ist auch nicht schlecht. Der Darstellerin Amanda Bynes mit ihrem runden Puppengesicht traut man auf den ersten Blick nicht viel zu, aber sie gibt das gemeine Girlie verdammt gut – ohne sich selbst dabei zu ernst zu nehmen. Und wie viele Schauspielerinnen sind schließlich schon groß geworden, nachdem sie in einem Highschool-Film die Böse spielten? Reese Witherspoon („Election“), Mandy Moore („Plötzlich Prinzessin“), Rachel McAdams („Mean Girls“)…

Allzu lange geht Olives Schlampentour jedenfalls nicht gut. Als selbst ihre beste Freundin sich den Missionaren anschließt, ihre Eltern beginnen, sich Sorgen zu machen, und ihr die Stripperinnen-Outfits ausgehen, merkt Olive, dass sie dem Ganzen ein Ende setzen muss. Dabei hilft ihr „Gossip Girl“-Star Penn Badgley, dem man den Oberstufenschüler leider nicht mehr abnimmt. Aber hey, es ist Penn Badgley, und es ist lustig, also nehmen wir diese Besetzung ausnahmsweise hin.

Nach dem genretypisch furiosen Ende hat man viel gelacht, aber vielleicht zu wenig nachgedacht. Denn die Geschichte mag noch so lustig sein – sie hat einen ernsten Hintergrund. Es geht um Außenseitertum und Mobbing, um die dunkelsten Seiten des Schulalltags. Vor dem Hintergrund der sich häufenden Selbstmorde von homosexuellen Jugendlichen in den USA, die die Gerüchteküche an ihren Schulen nicht mehr ertragen, wirkt „Easy A“ ein bisschen zu oberflächlich. Aber andererseits: Das gehört eben auch zu einer guten Highschool-Komödie. Deswegen würde ich sagen, guckt euch itgetsbetter.org an – aber verpasst auch bloß nicht diesen wirklich coolen Film!

Küchenstolz: Waldbeeren mit Haferflockenkruste

Waldbeeren mit Haferflockenkruste

Die Versöhnung mit Nigella Lawson brachte dieser simple, aber herrlich leckere Nachtisch, den wir vor ein paar Wochen zubereitet haben. Einfach einen Haufen Beeren mit einem Gemisch aus Haferflocken, Mandeln und Sonnenblumenkernen (naja, und Zucker…) überbacken und zu Quark, Eis oder sonstwas reichen. Unseren Gästen hats geschmeckt! Oder, Lukas?

Das Beste aus den 80ern, 90ern und mehr neue Hits… NOT.

Als Bodenseeanwohner hat man bestimmte Privilegien, die ihr da oben im Norden alle nicht habt. Zum Beispiel empfange ich neben deutschen Rundfunkprogrammen auch schweizerische und österreichische. Das heißt, ich kann mir die Filme, die ihr auf RTL anschaut, zeitgleich im ORF ansehen – nur ohne Werbeunterbrechung. Und noch viel besser: Ich komme in den Genuss von FM4.

Die Jugendwelle des ORF-Rundfunks hat mich heute Morgen gerettet, als ich mit dem Auto ganze 20 Minuten lang in einer Baustelle feststeckte. Sicher wäre ich total genervt gewesen, hätten mich nicht die charmanten Moderatoren von FM4 abgelenkt. Das Konzept des Senders ist ziemlich genial: Hinterm Mikro stehen nicht nur Österreicher, sondern auch Amerikaner, gerne zu zweit. Da spricht dann der eine Deutsch, der andere Englisch und niemanden juckts. Genauso wenig wie die Tatsache, dass Moderator Stuart Freeman einen Track von „Very Best“ gleich zweimal hintereinander spielt – einmal mit und einmal ohne Gesang. Und das nächste Lied einer Freundin widmet.

Zu anderen Tageszeiten geht es ernster zu, dann packt die Redaktion zum Teil Themen aus, von denen ich noch nie gehört habe, aus Ländern, über die ich noch nie nachgedacht habe. Apropos: Einen Großteil der Musik, der dort läuft, kenne ich auch nicht. Robert sagt, manchmal sei ihm das alles „zu abgespacet“. Das stimmt schon, ist aber immer noch besser als all diese „McDonalds-Sender“, wie sie sie bei Welle20* nennen.

Es scheint, als sei FM4 eine der letzten großen Spielwiesen der deutschsprachigen Radiolandschaft in einer Zeit, in der alle anderen lieber auf Nummer Sicher gehen und sich der Mainstreammitte annähern, anstatt sich an den Nischenrand zu trauen. Also, hört mal rein!

*Ein weiterer Sender, den man nicht verpassen sollte, ist der, der direkt aus meiner Uni sendet: Welle20! Zu hören nur im Internet, aber wer hat schon noch ein gutes altes Rauscheradio? Ihr etwa?

Somewhere

Somewhere
“I feel like fucking nothing.” – “Why don’t you try volunteering or something?”

Mit Filmen von Sofia Coppola ist es doch wie mit diesen wirklich, wirklich guten Magazinen, die leider nur jedes halbe Jahr erscheinen und dann immer viel zu schnell durchgelesen und vorbei sind. Zumindest ging es mir so mit „Somewhere“.

Sofia Coppolas neuestes Werk, für das sie in Venedig mit dem goldenen Bären ausgezeichnet wurde (was toll ist, weil sie letztes Mal mit „Marie Antoinette“ in Cannes so viel wegstecken musste; was aber auch merkwürdig ist, weil ihr Ex Quentin Tarantino in Italien den Jury-Vorsitz hatte), handelt von dem sehr berühmten Schauspieler Johnny Marco (Stephen Dorff). Der ist von all seinem Ruhm und den vielen Privilegien völlig betäubt, vegetiert nur noch vor sich hin in seinem Zimmer im VIP-Hotel Chateau Marmont am Sunset Boulevard. Er ist so abgestumpft, dass er sogar einmal zwischen den Beinen einer hübschen, willigen Blondine einschläft. Doch dann kommt Cleo (die viel zu begabte, grandiose Elle Fanning), seine Tochter, die für unbestimmte Zeit bei ihm bleiben soll, und weckt ihn allmählich aus diesem Winterschlaf.

Das alles erinnert wirklich stark an „Lost in Translation“: Wieder ist da ein abgehalfterter Filmstar in einem Hotel, dessen Ex ständig anruft, und der am Ende mit einer irgendwie ebenso verlorenen jungen Frau auf dem Bett liegt und erkennt, dass es so nicht weitergehen kann. Es ist noch krasser, denn ganze Szenen wiederholen sich in „Somewhere“: Da ist die Swimming Pool-Szene, die Szene mit dem anstrengend quirligen ausländischen Reporter, und die Parties, auf denen man sich als Zuschauer genauso fremd fühlt wie der Protagonist.

Aber genau dieser Effekt entschuldigt sämtliche Parallelen und Wiederholungen. Die Gefühle und die Atmosphäre werden nicht nur irgendwie dargestellt, sondern gleich auf das Publikum übertragen, ob man will oder nicht. Das hat es mir schwer gemacht, diesen Film zu beurteilen, denn das vorherrschende Gefühl ist hier luxuriöse Langeweile. „Somewhere“ ist langweilig und trotzdem so gut.

Er hat nicht nur unheimlich starke Hauptdarsteller, sondern auch enorm starke, sehr ästhetische Bilder. Er verzichtet fast gänzlich auf Musik, was neu ist bei Sofia Coppola und ein bisschen schade, aber wenn Musik kommt, dann ist sie wirklich toll.

Ich musste mich erst wieder einfinden in die subtile Sprache dieser Regisseurin. Auf eine gewisse Art bin ich in den letzten Monaten genauso abgestumpft wie Johnny Marco. Von all den großen Hollywood-Blockbustern bin ich es gewohnt, dass Emotionen sehr eindeutig und plakativ dargestellt werden, damit ja nichts am Zuschauer vorbeigeht. In „Somewhere“ hingegen läuft es wie im echten Leben. Auch große Gefühlswallungen sind hier nur an kleinen Details erkennbar, und die zu deuten muss man sich als Zuschauer erstmal wieder (zu)trauen.

Das einzige Manko, das mich bei „Somewhere“ an all die schnöden Hollywood-Produktionen hat denken lassen, war das doch sehr gehäufte Product Placement. Fünf, sechs Marken fallen mir ganz spontan ein, die immer wieder in die Kamera gehalten wurden. Das hat Sofia Coppola mit ihrem finanzstarken Vater als Executive Producer doch eigentlich gar nicht nötig, oder?

Doch die Werbung sollte niemanden davon abhalten, sich diesen Film im Kino anzuschauen. Wer „Lost in Translation“ mochte, wer gute Geschichten ganz generell mag und wer endlich mal wieder seine cineastischen Sinne schärfen will, dem sei „Somewhere“ unbedingt ans Herz gelegt.

Ach du Schreck!

Auch gut: Mitten in der Nacht in der Berliner WG ankommen und vor Schreck erst mal rückwärts wieder raus laufen. Die Bewohner haben es nämlich bisher noch nicht geschafft, alle Überbleibsel ihrer scheinbar legendären Halloween-Party aufzuräumen.

Mein Halloween war dieses Jahr auch recht spektakulär, ich war nämlich in New York. Und habe dort erst richtig begriffen, warum die Amerikaner so ein Tamtam um diesen „Feiertag“ machen. Zum Einen haben sie natürlich keinen Karneval, das ist klar. Aber Halloween ist eigentlich auch noch viel besser als Karneval: Es ist gruseliger, und die ganze Familie macht mit.

Wir kauften Kostüme im größten Halloween-Laden New Yorks, der so ziemlich alles hatte außer eines Pippi Langstrumpf-Outfits (da wollte ich ein Mal Pippi Langstrumpf werden!), und wanderten durch Manhattan. Am schönsten fand ich die Wohngegenden, in denen tatsächlich ganze Häuser gruselig geschmückt waren: Da waberten Spinnweben vom Erdgeschoss bis in den dritten Stock, flackerten Kerzen in ausgehöhlten Kürbissen und dröhnte schauderhafte Musik aus den Büschen. Auf den Bürgersteigen tummelten sich die verkleideten Kinder, die im Gegensatz zum deutschen Karneval gemeinsam mit ihren (ebenfalls verkleideten) Eltern zum trick-or-treating unterwegs waren. In einer Nebenstraße kam mir ein junges Elternpaar mit zwei kleinen Ninjas entgegen, die sich gegenseitig Glückskeksbotschaften vorlasen. “Let’s see how lucky you will be until next Halloween.”

Im Nachhinein frage ich mich, wie wir auf dieser merkwüdigen Party voller deutscher Praktikanten und Aupairs landen konnten und nicht auf der berühmten Halloween Parade, und warum wir eigentlich nicht auch ein paar Süßigkeiten eingesammelt haben, bevor alle Bars Schilder in die Türen klebten: “Sorry, no more candy!”