Archiv für Juni 2010

Liebe Brillenträger,

ihr müsst mir da was erklären. Ich finde Brillen seit jeher toll. Die allermeisten Menschen sehen mit Brillen klug aus und hübsch und interessant. Sie sind ein wunderbares Accessoire und mehr noch, eine Möglichkeit, die eigene Persönlichkeit oder gar Stimmung auszudrücken. Meine Schwester hat sich vor Jahren mal ein Lineal ins Auge gestochen und musste daraufhin sechs Wochen lang eine Fensterglasbrille tragen. Ich war sehr neidisch. Noch heute sinniere ich manchmal darüber nach, wie es wäre, mir selbst so eine Fensterglasbrille anzuschaffen. Dann würde ich auch klug und hübsch und interessant aussehen. Das wäre mal was anderes.

Aber jedes Mal, wenn ich diesen Wunschtraum laut ausspreche, brandet mir von allen anwesenden Brillenträgern eine Welle der Empörung entgegen. Wie ich bloß auf die Idee käme. Das wäre ein himmelschreiender Unfug, und sowieso, ich könnte ja gern ihre Brillen gegen meine Augen tauschen. Es ist, als wären sie behindert und ich würde mich über sie lustig machen.

Liebe Brillenträger, empfindet ihr eure Sehschwäche und das damit verbundene Brillenprivileg wirklich als eine Behinderung? So habe ich das nämlich noch nie gesehen. Ich wusste zwar, dass manche von euch ungern zum Friseur gehen, weil sie da die Brille abnehmen müssen und dann nicht mehr erkennen können, was der Friseur mit ihnen macht. Oder dass es nervt, wenn jemand auf die Gläser patscht und ihr dann fleckig seht. Aber ich dachte, das wäre für euch in etwa so schlimm wie für mich Knoten in den Haaren – die sind ein blöder Nebeneffekt, aber deshalb bin ich doch nicht gleich beleidigt, wenn sich jemand glattes, dünnes Haar wünscht?

Also: Wie schlimm sind Brillen wirklich? Und warum seid ihr böse, wenn noch jemand in euren Club will? Das müsst ihr mir erklären.

Zehnjähriges

Seine Grundschulklasse nach zehn Jahren wiederzutreffen ist toll. Zu allererst, weil man zu diesem Anlass noch einmal Bravo Hits 25 hören darf. Mit Echt und Tic Tac Two und Britney Spears, als sie noch brav und unschuldig war. Da kommt prompt alles wieder hoch: wie in der dritten Klasse alle Mädchen in Bieti verliebt waren, wie wir zu Weihnachten in der Stadt Tannenbäume schmückten und wie eines Tages der Kanarienvogel tot in seinem Käfig lag. Simon, der damals Vogeldienst hatte, hat heute noch ein schlechtes Gewissen. Und eine Narbe vom Fangspiel in der Lesenacht. Ein anderer zählt inzwischen sieben Punkte in Flensburg. Wieder ein anderer massiert die Spieler des 1. FC Köln.

Während meine Eltern nicht einmal Lina wiedererkennen, erscheint es mir, als hätten wir uns kaum verändert, als wären alle bloß ein bisschen gewachsen und hier ein Bart oder dort ein Piercing dazugekommen. Wir verstehen uns immer noch so gut wie zu Zeiten der Anlauttabelle, vielleicht sogar besser. Im Grunde könnten wir gleich wieder auf den Schulhof springen und Mädchen fangen die Jungs (mit Küssen!) spielen. Tatsächlich würden wir uns aber wohl nie in dieser Konstellation treffen, wäre da nicht dieses ungeahnt starke, zehn Jahre alte Band.

Schuld sind die weiterführenden Schulen. Schon als Viertklässlerin konnte ich nicht richtig verstehen, warum Sabine plötzlich auf die Realschule und ich aufs Gymnasium gehen sollte. Damals sah ich genauso wenig Unterschiede zwischen uns wie heute. Die frühe Trennung bewirkt eine verrückte, weil sinnlose Separation. Es ist erschreckend, aber 95 Prozent der Gleichaltrigen, mit denen ich im Alltag zu tun habe, waren ebenfalls auf dem Gymnasium. Unter meinen ehemaligen Mitschülern hat dieser Fehler in unserem Bildungssystem noch einen weiteren Effekt: Fast alle, die nach der Grundschule eine Realschule besuchten, haben anschließend doch noch ein Fach- oder Vollabitur gemacht. Dass dieser Weg in den meisten Fällen schwieriger ist als der direkte, wurde in der Diskussion an jenem Abend schnell klar.

Vom Klassentreffen bleiben daher nicht nur die Erinnerungen an eine idyllische Grundschulzeit, sondern auch offene Fragen: Welche Freundschaften hätten doch gehalten, welche Stärken und Talente wären entdeckt worden, welche Karrieren hätten begonnen, wenn wir länger zusammen geblieben wären? Und nicht zuletzt: Wie viele Küsse hätte ich wohl noch bekommen, von Simon und Co? In Mädchen fangen die Jungs war ich nämlich meistens ziemlich gut.

Rock am Kloster (2009)

Keep Surfing

Keep Surfing
„Mit Angst hab ichs nicht so.‟

Also ich will ja jetzt Surfen lernen. Aber das will ich eigentlich immer, wenn ich gerade einen Surf-Film gesehen habe, sei es „Blue Crush‟ (Mädchenfilm), „Dogtown Boys‟ (Jungsfilm) oder auch bloß „Surfer Girls‟ (Disneyfilm).

Bei „Keep Surfing‟ ist das allerdings noch etwas anderes, denn das ist zum ersten Mal eine Dokumentation und die zeigt, dass man zum Surfen längst nicht an irgendeiner wellenumspülten Küste wohnen muss. Der Film erzählt Geschichten rund um den Münchner Eisbach, in dem es eine magische stehende Welle gibt, auf der seit Jahrzehnten gesurft wird. Und fast genauso lange hat der Regisseur Björn Richie Lob das gefilmt.

Dieses Thema ins Kino zu bekommen, stelle ich mir nicht leicht vor. Zum Einen, weil es ein absolutes Nischenthema ist, und zum anderen, weil sich dort das übliche Sportfilmproblem einstellt: dass ein und der selbe Sport für den Laien auf Dauer (96 Minuten) langweilig anzuschauen ist. Doch diese Herausforderung meistert „Keep Surfing‟ mit Bravour. Die Bilder sind wunderbar scharf und nah und abwechslungsreich. Es gibt atemberaubende Zeitlupen, in denen jeder Wassertropfen auf der Leinwand glitzert, ästhetische Draufsichten und nostalgische Super 8-Aufnahmen. Das wirkt, kombiniert mit einem ausgefeilten Sounddesign, wie die von den Surfern so gefürchteten Strudel, wie ein „Tornado unter Wasser‟: Ratzfatz saugt der Film einen auf und lässt bis zum Schluss nicht mehr los.

Es geht um dieses ganz bestimmte Lebensgefühl, um persönliche Schicksale, um Abenteuer – und dabei immer, immer um die Suche nach der perfekten Welle. Das führt zu so spektakulären Aufnahmen wie denen vom Jahrhunderthochwasser 2005, als die Surfer von den Münchner Brücken in die offene Isar sprangen, nur für ein paar Minuten Nervenkitzel – bis die Polizei sie wieder raus holte.

„Keep Surfing‟ ist ein Film von Surfern für Surfer. Als Insider konnte Lob ganz nah an seine Protagonisten herankommen und neben surfenden Kameramännern, Informatikern und Ärzten auch Meister des Wassersports aus der ganzen Welt gewinnen, die nur der einen Welle wegen zum berühmten Eisbach reisen. Dieser Insider-Blick hat den Nachteil, dass die Dramaturgie ein wenig durcheinander gerät. So erfährt der unwissende Zuschauer erst recht spät, dass die geheimnisvolle Eisbachwelle bloß dank einer nicht ganz legalen Konstruktion ganzjährig steht (und auch ganzjährig genutzt wird, wie zum Ende hin gezeigt wird).

Aber das tut der Stimmung keinen Abbruch, dieser ganz besonderen Surferstimmung. Entspannt und mit einem fröhlichen Grinsen verlässt man deshalb das Kino und schielt aus den Augenwinkeln schon auf den nächsten Fluss, auf der Suche nach der perfekten Welle.

Küchenstolz: Nusskuchen

Nusskuchen!

Aus der Reihe: Wie rettet man kaputte Kuchen? (Und nein, die Form sollte so…)