Es ist Chopins 200. Geburtstag und Roman und ich fragen uns, warum eigentlich so viele große Künstler, ja so viele Genies, gleichzeitig gelebt haben: Chopin, Liszt, Schumann, Brahms, Mendelssohn, Wagner… Das Gleiche – und auch noch fast zur gleichen Zeit – in der Literatur, um Goethe und Schiller. Roman sagt, heute fallen die Genies einfach nicht mehr auf, es sind zu viele in einer überinformierten Zeit. Ich bin mir da nicht so sicher. War vielleicht das 19. Jahrhundert einfach eine Zeit für Genies? War das Universium gerade so in Schwung, und hat sie in einem fulminant-funkelnden Schöpfungswahn alle auf einmal auf unseren Kontinent pruzeln lassen? War soviel Gottesgnadetum ansteckend, oder das Talent der ersten so außerordentlich inspirierend, dass es zu weiteren Schöngeistern führte? Vielleicht hat diese Frage längst einen wissenschaftlichen Namen, oder gibt es womöglich sogar schon eine Antwort? Falls ja, wären wir sehr gespannt darauf – eure (ruhig ganz unwissenschaftlichen) Meinungen zum Thema würden wir aber auch gern hören!
Das ist die falsche Zeit, um ein Genie zu sein.
1. März 2010 · 8 Kommentare
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Bis jetzt 8 Kommentare
Kathi 1. März 2010 um 21:36 Uhr
Vielleicht braucht es einfach 200 Jahre zeitlichen Abstand, um zu filtern was wirklich bahnbrechend und wichtig war und das Genie abzugrenzen.
Aber natürlich gibt es auch einfach immer mehr Menschen, die immer mehr machen und nicht mehr so viel Kühe melken und Felder bestellen, sondern kreativ und wissenschaftlich tätig sind. Durch die gestillten Grundbedürfnisse in unserer Gesellschaft gibt es vielleicht einfach zu viele Genies.
Herr W. 1. März 2010 um 23:08 Uhr
Ganz fragmentarisch Dreierlei:
1. “Wir sind die Generation ohne Bindung und ohne Tiefe. Unsere Tiefe ist der Abgrund” (Wolfgang Borchert)
Und in genau diesen haben z.B. auch Mann & Co geblickt. Kunst kommt auch (nicht nur) von Leid.
2. Was Musik angeht, so hatten die alten Herren doch nicht zuletzt den Vorteil weniger Mitstreiter und eines relativ leeren kosmischen Song-Books. Mithin überstrahlt der Nimbus einiger, die heute als Genies betrachtet werden, ihre objektive Leistung. Welche Mozart-Fingerübungen beispielsweise manchmal so als großartige Komposition verehrt werden… ;-)
Das Niveau ist heutzutage jedenfalls um Dimensionen höher.
3. In weiten Bereichen, gerade was Naturwissenschaft und Technik angeht, lässt sich Genialität vom Außenstehenden gar nicht mehr fassen – das geht vielen ja bei Einstein schon so – und ist medialer Mythenbildung daher nur schwerlich zugänglich.
Und so weiter.
jensjetzt 2. März 2010 um 12:51 Uhr
ick habe thesen:
1. genies werden als solche häufig erst im nachhinein erkannt – ergo ist man schnell an dem punkt, keine genies in der “jetztzeit” zu erkennen.
2. schau dir mal all die aufgezählten genies an: die meisten kommen aus dem bildungsbürgertum, also aus kreisen, die damals die finanziellen mittel und die zeit für bildung hatten.
ergo: aus einem meer an bildungsarmen ist es leichter als bildungsreicher hervorzustechen – oder?
3. heute gehört deutlich mehr dazu als genie hervorzustechen. denn die masse ist besser gebildet als vor 200 jahren. und man braucht eine menge öffentlichkeit, um als genie überhaupt erkannt und so bezeichnet zu werden.
gruß aus berlin ;-)
Fabian 2. März 2010 um 14:30 Uhr
ich stimme @jensjetzt zu: genies werden der breiten masse nicht sofort als solche erkannt, eher sogar missachtet. genies sind ihrer zeit vorraus, das passt den mitmenschen nicht so in den kram. vor allem nicht, wenn diese mit ihrem gedankentum noch gleich das eigene weltbild auf den kopf stellen.
mögliche genieanwärter für in 200 jahren: bill gates, steve jobs, michael jackson, quentin tarantino.
und wer weiß, vielleicht bin ich selbst auch ein genie. man weiß es halt bloß noch nicht. ;-)
Steffi 2. März 2010 um 22:19 Uhr
mal was ganz anderes: ich finde das wort “pruzeln” in deinen zeilen sehr herrlich, eva. selbst wenn es durch einen rechtschreibfehler entstand. ändere das bloß nicht! das lässt sich bestimmt für irgendwas verwenden..
Dirk 3. März 2010 um 8:19 Uhr
Die Bezeichnung “Genie” ist doch keine objektive Größe, sondern eine subjektive Zuschreibung. Wenn wir uns also zusammentun und behaupten, dass die Eva ein Genie ist (wofür es zweifelsohne Belege gäbe), dann ist die obige Frage doch beantwortet ;-)
Im Ernst: der Gedanke der Genialität, dass also jemand gottgleich Kunst schafft, allein aus sich heraus, aus genialer Schaffenskraft, hat sich meiner Ansicht nach überholt. Deshalb funktioniert diese Zuschreibung vor allem für “Genies”, die nicht mehr leben bzw. schon lange tot sind.
Eva 3. März 2010 um 9:01 Uhr
Besten Dank für eure vielen Ideen dazu! Ich muss wirklich auch noch einmal länger darüber nachdenken. Spontan finde ich den Gedanken des “leeren kosmischen Songbooks” von Herrn W. besonders interessant, in Kombination mit dem von Dirk, dass es Genies gar nicht wirklich gibt. Muss man also, um von uns Genie genannt zu werden, einfach eine Idee als erster haben? So, wie Einstein als erster auf die Relativitätstheorie kam? Und sind die, die wir heute Genie nennen, also allerhöchstens Wunderkinder?
Christian 6. März 2010 um 0:32 Uhr
Bei der Musik schließe ich mich Herrn W. an.
Bei der Literatur erkläre ich mir die Zeit von Schiller und Goethe so, dass es gewissermaßen das endgültige Entfalten der Aufklärung ist. Spiegelte Shakespeare den Widerspruch zwischen Mystischem, Religiösem und Weltlichem in seinen Stücken noch weitesgehend unbewusst wider, waren Schiller und Goethe schon mit dem Aufklärungsgedanken aufgewachsen: Sie waren nicht mehr an die “selbstverschuldete Unmündigkeit” gebunden, die erste Generation, die von Grund an frei gedacht hat. Analog zu Herrn W. gedacht, trafen sie also auf ein – im Vergleich zu früher – weitestgehend leeres kosmisches Gedankenbuch.
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