Archiv für März, 2010

Sturmfrei für immer

Vor einem halben Jahr zog Eva Schulz, 19, in eine eigene Wohnung, 500 Kilometer entfernt von ihrer Familie. Beim ersten Heimatbesuch wird klar: Im Elternhaus hat sich von Fernsehprogramm bis Wäsche-Service so ziemlich alles verändert. Eva fragt sich: Ist das noch ihr Zuhause?

Es sind meine ersten Semesterferien, und ich weiß nicht, wo mein Zuhause ist. Ich habe jetzt zwei Wohnsitze: die Adresse, unter der auch meine Eltern wohnen und an die die Bank noch immer meine Post schickt. Und die neue, in der neuen Stadt, deren Postleitzahl ich nicht auswendig kann.

Mein Begriff von Zuhause ist auf einmal verschwommen und doppeldeutig. Er steht gleichzeitig für zusammen und allein wohnen, für eine große und eine kleine, eine ordentliche und eine weniger ordentliche Wohnung. Dass ich damit nicht allein bin, merke ich an meinen Kommilitonen. Wenn einer von ihnen erwähnt, dass er gleich nach Hause fährt, lautet die erste Frage immer: “Nach Hause zu deinen Eltern oder in deine Wohnung?”

Bei meinen Eltern war ich das letzte Mal kurz nach dem Umzug in die neue Stadt. Da hatte meine Mutter im Vorfeld schon leise angedeutet, dass ich dreckige Wäsche in Zukunft bitte selbst waschen könne, schließlich hätte ich ja nun eine eigene Maschine. Plötzlich fühlte ich mich in meinem Elternhaus eher wie ein Gast, nicht mehr wie ein Bewohner.

Natürlich war das auch schön: Mein Vater holte mich bei meiner Ankunft vom Bahnhof ab, obwohl ich auch den Bus hätte nehmen können, meine Mutter kochte mein Lieblingsessen. Wir redeten wieder viel mehr miteinander als früher. Meine kleine Schwester überließ mir sogar freiwillig die Fernbedienung und verzichtete auf “Hannah Montana”. Aber dennoch: So richtig kam ich in diesen Haushalt nicht mehr rein.

Der kratzige Ringelpulli erinnert an den Chemietest

Das fing schon damit an, dass ich mein Zimmer nicht wiedererkannte. Alles, was diesen Raum früher zu meinem gemacht hatte, war verschwunden – das Bett, die Bücher, die Bilder an den Wänden. Schließlich war der ganze Kram mit mir umgezogen. Stattdessen stand da nun ein neuer Schreibtisch mit den Aktenordnern meiner Mutter und daneben das schmale Gästebett. Das sollte mein Zuhause sein?
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Wie alles anfing

Heute sint wier total Schnel Gefaren heist die Überschrift heute wolte Mich Linas Mama apholen im Auto ist ir eingefalen das sie die Deke fergesen hat dan wolte sie noch mal nach Hause faren und die Deke holen Da sint wier bestimt Hundert Fünfzik gefaren dan waren wier bei Lina Linas Mama ist gans Schnel aus dem Auto und hat die Deke geholt und das Kisen natürlich dan ist sie wider ins Auto geflizt und dan ist sie weiter gefaren da sint wier wider Hundert fünfzik gefaren wui und Lina hat auf der rükfart bei der Ampel gesackt Grün Grün Grün und Ich dan auch und dan sint wier gans schnel durch die Kurve gerast bei der Schule ist Linas Mama aus dem Auto Gestigen hat Lina und mir die Tür Auf Gemacht und hat uns die Ransen Raus geworfen Ich habe meinen gesucht und gesucht erst Habe Ich in nicht gefunden dan lach er unter dem Auto Ich zok in raus und gink mit Lina in die Schule

“Alle wollten da hin” – Andreas Bernard über seinen Roman “Vorn”

Andreas Bernard wurde in den 1990er Jahren Redakteur beim Jetzt-Magazin. Nun hat er einen Roman über diese Zeit geschrieben. Im Interview erzählt er, wie viel “Jetzt” in “Vorn” steckt und ob er dieser Zeit nachtrauert.

Dein Roman handelt von Tobias, der neu in die Redaktion von “Vorn” kommt – einem sehr beliebten Münchner Jugendmagazin, Mitte der Neunziger Jahre. Das erinnert doch stark ans “Jetzt”-Magazin, das es damals noch in gedruckter Form gab…
Natürlich hat mein Buch grob etwas mit dem “Jetzt”-Magazin zu tun. Gerade in München hatte das ja viele begeisterte Leser, die “Vorn” nun vielleicht als die Geschichte dieses Hefts lesen. Aber es ist eben kein dokumentarischer Bericht, sondern ein Roman, der auch für diejenigen interessant sein soll, die “Jetzt” nicht kennen. Das “Vorn”-Magazin aus dem Buch entspricht nicht eins zu eins dem alten “Jetzt”.

Du beschreibst sehr genau, wie man sich am Anfang fühlt, wenn man als Praktikant in eine Redaktion oder ein Büro kommt und versucht, zu den Leuten, die dort arbeiten, dazuzugehören.
Das ist ja auch eine ganz neue Welt. Als ich vor 15 Jahren zum “Jetzt”-Magazin kam, haftete dieser Redaktion schon etwas Glamouröses an, viele wollten da hin. Ich glaube, es gibt im Journalismus nur alle zehn bis 15 Jahre einen Ort, der so magnetisch auf junge Schreiber wirkt. Das war in den Sechzigern die Zeitschrift “Twen”, in den Achtzigern “Tempo” und Mitte der Neunziger das “Jetzt”-Magazin. Man konnte sich damit identifizieren.

Um das “Jetzt”-Magazin gab es damals einen richtigen Kult: Die Leser tapezierten damit ihre Zimmer, und als das Heft 2002 eingestellt wurde, demonstrierten sie zu Tausenden auf Münchens Straßen. Die Redakteure wurden fast schon wie Stars verehrt. Heute gibt es so etwas gar nicht mehr. Ist das besser so?
Es war auf jeden Fall eine spannende Zeit. Natürlich war auch viel von diesem Gefühl, das wir hatten, hausgemacht. Von außen betrachtet war die Redaktion wohl gar nicht so besonders, aber es gab damals definitiv eine gewisse Illusionsbereitschaft unsererseits. Wir haben zeitweise wirklich gedacht, wir erfinden den Journalismus neu. Dieser Gedanke ist zwar anmaßend, aber er hat das Ganze auch sehr produktiv gemacht! Dabei sind viele gute Texte herausgekommen.

Bei der “Vorn”-Redaktion ist es genauso. Die Redakteure setzen Trends, indem sie alle die gleiche Musik hören, den gleichen Designer tragen, sogar auf den gleichen Typ Frau stehen und den im Heft zum idealen Mädchen stilisieren. Ist so viel Homogenität überhaupt noch gut?

Bis zu einem gewissen Punkt bestimmt, aber dann kann sie auch etwas Erstickendes bekommen. Das war beim “Jetzt” genauso. Wir hatten interne Witze und Redewendungen, die wir sogar in Artikeln verwendeten. Wenn man sich heute eine Ausgabe von 1997 anschaut, sind manche Texte und Interviews wirklich nur für die sieben Leute zu verstehen, die diese Witze kannten – und sich heute noch dran erinnern.

Im Buch geht es auch um Tobias’ Freundin Emily. Im Gegensatz zu ihm arbeitet sie an einem denkbar unglamourösen Ort. Letztendlich zerbricht die Beziehung daran. Wie ähnlich oder unähnlich müssen sich die zwei Welten sein, aus denen man kommt, damit das nicht passiert?
Ich hoffe, dass es genau solche Fragen sind, die den Roman für die Leser spannend machen – obwohl ich leider auch keine Antwort darauf geben kann. In der Zeit nach dem Studium, mit Mitte 20, passiert das, glaube ich, sehr vielen Menschen. Man kommt in eine neue Umgebung und hat aus der alten noch jemanden mitgenommen, bei dem man sich geborgen fühlt. Aber plötzlich passt das nicht mehr. Bei Tobias kollidiert diese Vertrautheit mit einer bestimmten Vorstellung davon, wie eine Frau sein und aussehen muss. Das ist wahrscheinlich das Drama der Liebe.

Ich finde, manchmal hätte es in Tobias’ Leben ruhig noch dramatischer zugehen können.
Ja? Wie denn? Hätte ich am Ende eine Atombombe auf München fallen lassen sollen? Ich wollte ja kein Hollywood-Drehbuch schreiben, mit vielen aufregenden Plots, sondern möglichst nah an der Wirklichkeit entlang erzählen. Da geht es dann gar nicht so sehr darum, dass ganz viel Ungewöhnliches passiert.

Würde ein Magazin wie “Vorn” heute funktionieren?
Da bin ich mir nicht sicher. Ich glaube vor allem, die jüngeren Journalisten von heute haben sich verändert. Sie sind professioneller und abgebrühter und vielleicht auch weniger begeisterungsfähig. Die würden sich nicht mehr so schnell für den Nabel der Welt halten, sondern eher sagen: “Wir sind ein Magazin, aber da draußen gibt es 30 000 Blogs und alles ist sowieso vollkommen dezentralisiert.” Aber ich hoffe natürlich, dass es wieder einmal einen solchen Ort geben wird. Und wenn meine Theorie mit dem 15-Jahres-Zyklus stimmt, dann wäre es ja bald mal wieder Zeit für etwas Neues.

“Vorn” von Andreas Bernard ist im Aufbau Verlag erschienen und kostet 16,95 Euro.

jetzt.de, 17. März 2009

Studieren, wo andere Urlaub machen

An Education

“Vermutlich bin ich für Sie eine gefallene Frau.” – “Du bist keine Frau.”

Seit Tagen läuft bei mir nichts anderes mehr als der wunderbare Soundtrack zu “An Education”. Er holt die schönen Pastellfarben, den funkelnden Schmuck, all den Glamour zurück, nach dem die Hauptdarstellerin sich im Film so sehnt – und den sie für kurze Zeit auch bekommt.

Es ist Anfang der 60er Jahre. Die 16jährige Jenny (Carey Mulligan) und ihre Eltern leben einzig und allein für das Ziel, dass sie eines Tages ein Studium in Oxford beginnen kann. Jenny spielt Cello, nur um im Bewerbungsgespräch ein Hobby angeben zu können, muss immer pünktlich um zehn ins Bett und bekommt zum Geburtstag – autsch – ein neues Lateinwörterbuch. Wenn sie der strengen Aufsicht ihres Vaters einmal entrinnen kann, raucht sie filterlose Zigaretten und hört französische Musik. Frankreich, das ist ihr großer Traum, er steht für Freiheit, Genuss, Lebensfreude und ist doch viel zu weit weg von den nass-grauen Londoner Vororten. Bis David auftaucht.

Der charmante Mann mit dem schicken Auto (Peter Sarsgaard) ist locker doppelt so alt wie sie, aber er interessiert sich für Kunst, für Musik, für Frankreich! Um Jenny ist es geschehen. Und zu ihrer Überraschung (und der des Publikums) auch um ihre Eltern: Mit seinen übertriebenen Komplimenten (“Du hast mir nicht gesagt, dass du eine Schwester hast, Jenny!”) und wüsten Geschichten überredet er sie immer wieder, Jenny “entführen” zu dürfen – in verruchte Bars, auf eine Hunderennbahn und schließlich nach Paris. Es ist die glitzernde Welt ihrer Träume, und erst spät erkennt Jenny, dass in dieser Welt nicht alles so ist, wie es scheint.

Das Drehbuch zu “An Education” hat “High Fidelity”-Autor Nick Hornby verfasst. Es basiert auf einem autobiografischen Artikel der Journalistin Lynn Barber. Das ist wohl auch der Grund dafür, dass das Ende des Films eher seicht ausfällt. Als Zuschauer fragt man sich da wieder einmal, wie Filmemacher mit real-life-Vorlagen umgehen sollten: Ist es besser, wenn sie nah an der Vorlage bleiben und damit ein allzu erwartbares Ende in Kauf nehmen, oder sollten sie, ganz Quentin-Tarantino-mäßig, ruhig mal die Geschichte verdrehen und sie schön dramatisch machen?

Das ist auch schon alles, was ich an diesem Film kritisieren kann, und längst kein Hindernis, ihn mir bald noch ein zweites und drittes Mal anzuschauen. Die Musik, die Ausstattung und erst recht die Schauspieler sind einfach zu gut! Alfred Molina als strenger, ur-moralischer Vater hat hier eine ganz ähnliche Rolle wie in “Chocolat”. Und dass man die grandiose Rosamund Pike nicht öfter sieht, kann nur an ihrer makellosen Schönheit liegen, mit der sie bereits Keira Knightley in “Stolz und Vorurteil” zumindest streckenweise die Show stahl.

Dann ist da natürlich Carey Mulligan, die absolut zurecht schon jede Menge Preise für ihre Hauptrolle bekommen hat. Und auch, wenn sie den Oscar dieses Jahr vielleicht noch an Gabourey Sidibe (“Precious”) abtreten muss, ist es wohl nur eine Frage der Zeit, bis sie selbst einen bekommt. Schade bloß, dass Peter Sarsgaard bei all dem Rummel um die junge Kollegin in den Schatten gerät – etwas, das ihm irgendwie ständig passiert, obwohl er ein so guter Schauspieler ist.

Jedenfalls: Wer Lust hat auf eine Mischung aus “Mona Lisas Lächeln” und dem “Miss Dior Cherie”-Spot von Sofia Coppola, sollte diesen Film nicht verpassen.