
Das Kunsthaus Bregenz ist ein spannender Ort, vor allem in diesen Wochen. Da wird es nämlich von der Videokünstlerin Candice Breitz bespielt, die sich in verschiedenen Arbeiten mit der Frage auseinandersetzt, wie ein Mensch zu seiner Identität gelangt.
Ich konnte mit Videokunst nie so viel anfangen, bis ich diese Ausstellung betrat. In der großen, dunklen Halle des Kunsthauses sind Teile des Werks “Factum” installiert: Da hängen riesige hochformatige Flachbildschirme paarweise nebeneinander und zeigen – auf den ersten Blick – das jeweils gleiche Bild. Erst bei genauerem Hinsehen fällt auf, dass es Zwillingspaare sind, die da jeder einen Bildschirm für sich haben und von sich und ihrem Geschwister erzählen. Über Kopfhörer kann man zuhören und eintauchen in die Geschichten, die in getrennten, jeweils mehrstündigen Interviews aufgezeichnet und nachher kunstvoll zusammengeschnitten wurden.
Da sind zum Beispiel die zwei koreanischen Schwestern, die als Jugendliche wegen ihrer Herkunft schikaniert wurden und daraufhin beide an Bulimie erkrankten. Oder die beiden alten Damen, die sich einerseits ganz nah, andererseits so fern sind: Die eine ist streng gläubige Mormonin und noch immer gekränkt, weil die andere sich nie zu einem Gott bekannt hat. Da fallen Sätze wie “Ich fand uns eigentlich nie besonders schön”, und kurz darauf wird erzählt, wie sie sich gemeinsam einer Schönheitsoperation unterzogen. Es ist spannend und lustig zu beobachten, wie die beiden jungen Frauen sogar von gleichen Träumen erzählen, die sie haben, und die beiden Omas sich ständig widersprechen. Gleichzeitig machen diese Geschichten nachdenklich, sie gehen einem noch lange nach dem Besuch im Kopf herum.
Eine andere sehr aufwendige Arbeit ist “Him” und “Her”. In zwei Videocollagen hat Breitz kurze Szenen aus den Filmografien von Jack Nicholson und Meryl Streep zusammengeschnitten. Da unterhält sich auf einmal der Jack Nicholson aus “Wenn der Postmann zweimal klingelt” mit dem Jack Nicholson aus “The Departed” und es entstehen Dialoge wie dieser: “Wer bist du?” – “Ich bin ein gottverdammtes Wunder moderner Wissenschaft!” – “Ich bin ein großartiger Kerl.”
Diese Kunst entlarvt nicht nur das Prinzip, nach dem diese Schauspieler ihre Rollen auswählen, sondern auch, wie sie sie spielen: Während Meryl Streep unendlich wandelbar scheint und sich immer wieder in komplizierten Beziehungskisten verfängt, bleibt Nicholson doch immer Nicholson und findet sich selbst wohl ziemlich großartig.
Es gibt noch weitere Werke mit ebenso tollen, überraschenden Ideen, in denen immer wieder Dopplungen, Zwillinge, Synchronitäten auftauchen. Sie alle sind von beeindruckender Bildqualität und ganz wunderbar geschnitten worden. Deshalb kann ich diese Ausstellung, die übrigens den Titel “The Scripted Life” trägt, nur jedem ans Herz legen. Sie läuft noch bis zum 11. April. Bringt genug Zeit mit und, falls ihr habt, auch euren Zwilling – dann gibts vielleicht freien Eintritt.


Das klingt in der Tat sehr spannend. Nun führt kein Weg mehr an der Ausstellung vorbei. Einfach mal dem Unistress trotzen ;)
Ja, hau rein! Ich hab noch ganz vergessen zu erzählen, dass die Videos während der gesamten Ausstellungsdauer, also über Monate, nie abgestellt werden. Jeder Bildschirm wird nämlich von einer separaten Festplatte aus bespielt, die alle miteinander synchronisiert sind. Die Videos laufen also die ganze Nacht durch! Unsere Führerin hat gesagt, das wäre schon ziemlich gruselig, wenn man morgens zur Arbeit kommt…