Fernsehabend

Um einen Fernseher habe ich mich als letztes gekümmert. Ich hätte es sogar beinahe vergessen, wäre da nicht mein Opa gewesen, der kurz vor dem Umzug fragte, ob ich denn schon einen hätte. Also durfte ich seinen alten mitnehmen, einen großen braunen Röhrenfernseher, der mir sehr gut gefällt, weil er so etwas Kultiges hat.

Erst Tage nach unserer Ankunft in Friedrichshafen kamen wir dazu, ihn anzuschließen, und wurden überrascht: Das Bild war auf einmal schwarz-weiß. Das allein wäre ja noch cool gewesen, noch kultiger: Claus Kleber grau in grau, und die angekündigten neuen Dokumentationen von Loïc Prigent auf Arte, und dann natürlich all meine DVDs. Die hätten eine ganz neue Dimension bekommen, wie ein Digitalfoto, das man am Rechner mal probeweise in Graustufen anzeigen lässt (und das dann immer gleich so viel professioneller aussieht).

Doch nach zwei Minuten faszinierender grauer Bilder fingen eben jene auch noch an, nervös zu wackeln – der Fernseher war hin. Er hatte im Transporter die Kälte abbekommen oder zu viel Vibration, wer weiß. Jedenfalls war ich bis heute fernseherlos. Heute bekam ich einen noch größeren, fast genauso kultigen Fernseher zum Schnäppchenpreis von 30 (!) Euro von einer netten Dame aus Überlingen. (Sowieso sind hier alle sehr nett.) Ihre Kinder hatten ihr zu Weihnachten einen Flachbildschirm geschenkt und nun fand sie es schade um ihren alten Grundig, “der tuts schließlich noch!”

Stimmt, er tuts noch, und jetzt sitze ich schon den ganzen Abend davor und bin selbst erstaunt, wie sehr man Fernsehen genießen kann. Aber das ist wahrscheinlich kein Wunder nach dieser Woche. Die letzten fünf Tage habe ich unter mehr als 100 neuen Leuten verbracht, die jeder für sich irgendwie verrückt sind und voller Geschichten. Da wäre zum Beispiel der Kommilitone, der sich als vermeintlicher Klischee-Ägypter vorstellt, schließlich heiße er Ahmed Ibrahim Mohammed. Oder der echte Cowboy aus Wyoming, die ehemalige Krankenschwester, der Jungunternehmer mit Mitarbeitern in den USA und Indien.

Und das alles an einer Uni, die so wunderbar klein ist und doch so reich, reich an Möglichkeiten und scheinbar ohne Grenzen. Einer Uni, die erstaunlich unbürokratisch ist, was mir sehr willkommen war angesichts der Telefongesellschaft, des Abfallwirtschaftsamtes, der ehemaligen Vermieterin, die alle noch was von mir wollen.

In der letzten Woche habe ich bis in die Nacht gearbeitet, diskutiert, wach gelegen. Ich habe an Speed Datings und einem Running Dinner teilgenommen, bin viel Bahn gefahren und stand bei vier Grad Außentemperatur mit nackten Füßen im Bodensee. (Manch einer war sogar komplett nackt.) Wenn das nur die Einführungswoche war, wie aufregend werden dann die nächsten drei Jahre?

Zumindest wohl deutlich aufregender als der Fernsehkrimi im Zweiten. Aber für heute reicht der mir ausnahmsweise völlig aus.

6 Kommentare

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  1. Marc sagt:

    Bei den Serien “Simon Templar” (mit Roger Moore) und “Mit Schirm, Charme und Melone” aus den Sechzigern, drehe ich gerne die Farbe raus, wenn die in WasweißichColor aufgenommenen Folgen kommen. Schwarz-Weiß finde ich da besser.

    “Manch einer war sogar komplett nackt.” Gab das etwa Bonuspunkte bei der Orientierungswochen-Ralley?

  2. Eva sagt:

    Ja, gab es!

  3. Max sagt:

    Hört sich nach einer tollen Woche an… (Das Bad im Bodensee gab’s bei uns zuletzt im November.)

    Cowboys, Krankenschwestern, Ägypter – da hat die ZU ja ganz ordentlich gecastet… ;-)

  4. Marc sagt:

    Wie ist denn mit dem Ausziehen und dem Gruppendruck? Ich hatte nämlich mal einen kleinen kritischen Artikel über ein Kleiderkettenspiel an der TU Darmstadt geschrieben; das TU-Präsidium war von der Fachschaftsaktion gar nicht begeistert .

    Wie die Studenten das mit Gruppenzwang sehen, beantwortete die Fachschaft leider nicht (ob wohl in einem onlie stehenden Protokoll drinsteht, es gebe eine Antwort) und auch vom Fachbereich kam nach zwei Wochen nichts.

    Ich bin aber auch Realist und weiß, dass die Erstsemester nächstes Jahr sowas im Hochschulstadion spielen und nicht mehr auf einem öffentlichen Platz. :-)

  5. Eva sagt:

    Also ich habe keinen Gruppendruck gespürt, eher eine Gruppendynamik – als auf einmal drei Mädchen in Unterwäsche in den See rannten, sind auch noch ein paar hinterher, die vorher gar nicht wollten. Gleichzeitig bin ich auch nicht schief angeguckt worden, weil ich nur bis zu den Knien reingewatet bin. Manch einer blieb sogar ganz trocken, das hat auch keinen gejuckt.

  6. Nico sagt:

    Kann ich Eva nur zustimmen, Gruppenzwang gabs da glaub ich wenig. Ich war ganz drin, aber nur weil ich auch Lust drauf hatte. Fands auch nicht schlimm, wenn jemand gar nicht drin war. Weil eigentlich ist es ja schon ziiiiiemlich bedeppert im Januar mit Schnee schwimmen zu gehn…

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