Es ist das neue Jahr und ich bin nur noch Gast in meinem Elternhaus. Ein Gast, der zwar auch noch staubsaugen und Tisch decken muss und weiß, wo er benutzte Handtücher hineintun und frische herausnehmen soll. Aber eben auch ein Gast, der seine Lieblingsbücher vermisst und sein großes Bett, weil er das alles Zuhause gelassen hat. Zuhause, was für ein Wort.
Auch meine Anziehsachen sind in Friedrichshafen geblieben, weil Mama mir längst verboten hat, dreckige Wäsche mitzubringen, nach dem Motto “ganz oder gar nicht!”. Jetzt trage ich die wenigen alten Sachen, die noch hier sind. In dem kratzigen Ringelpulli und der grünen Cordhose fühle ich mich in die Mittelstufe zurückversetzt. Ich weiß noch, wie ich in genau diesem Pulli einen schrecklichen Chemietest schrieb und dabei furchtbar schwitzte.
Zum Januar hin auszuziehen ist jedenfalls sehr praktisch, denn man bekommt quasi den gesamten Hausstand zu Weihnachten geschenkt. Meine Eltern spendierten mir ein Topfset, von dem ausgerechnet mein Vater hellauf begeistert ist. “Die Griffe können nicht heiß werden!”, wird er nicht müde zu betonen, und sowieso scheint er gerade eingeholt zu werden von der Angst, mir nicht genug beigebracht zu haben. Manchmal fragt er mich, völlig aus dem Nichts heraus: “Eva, weißt du eigentlich, wie man das Telefon anschließt?” Und als neulich die Straßen glatt und zugeschneit waren, ließ er mich ans Steuer und sagte, ich solle mal ordentlich bremsen, damit ich weiß, wie sich das anfühlt. Ganz elend saß er dann da, “das kann ich dir bald alles nicht mehr zeigen, wenn du weg bist”.
Auch die anderen durchforsten ihre Häuser. Meine Großeltern finden einen Fernseher, den sie angeblich nicht mehr benutzen, und Oma noch einen Dosenöffner, an dem man sich nicht schneiden kann. Meine Tante schenkt mir eine Familienpackung Spaghetti und das Nudelbesteck gleich dazu. Die Küche ist der kleinste Teil meiner Wohnung, kleiner noch als der Flur, aber er wird unter Garantie auch der vollste.
Trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb – freue ich mich schon darauf, Sonntag in diese Wohnung zurückzukehren, die wir über Silvester so herrlich eingerichtet haben. Ich vermisse jetzt schon die große Küche mit den vielen, vielen Vorräten, die in letzter Zeit regelmäßig Heißhungerattacken bei mir auslösen. Und freue mich gleichzeitig auf die kleine Küche mit dem Nudelbesteck und meinem ganz eigenen Dosenöffner – auch in der Hoffnung, dass diese mir die Attacken möglichst bald wieder abgewöhnt. So stehe ich also im Moment zwischen den Küchen, zwischen den Städten und zwischen zwei Orten, die irgendwie beide mein Zuhause sein sollen.


Kommt mir ganz schön bekannt vor… ;)
oh ja das kenn ich auch… aber es ist schön zwei “zuhause” zuhaben. blöd ist nur, dass das was man grade braucht immer in dem anderen zuhause ist. Aber erstmal glückwunsch zur ersten eigenen Wohnung! :)
OH ja.
Wie Alissa schon sagte: Das einzige was ich schlimm daran finde ist, dass man immer alles mitschleppen muss, will man nicht in die Bredouille kommen ständig irgendwas zu vermissen. Ansonsten finde ich es total schön hier in Mainz ein Zuhause zu haben und in Darmstadt erst recht.
Der große Vorteil des doppelten Zuhauses ist die Vorfreude auf das jeweils andere.
Der große Nachteil des doppelten Zuhauses ist der Ärger über Sachen, die man gerade nicht da hat, bevorzugt Uni-Unterlagen oder DVD-Boxen (z.B. an Weihnachten nicht die zweite, sondern die vierte Staffel von “The Wire” eingepackt – argh!).
Diese Erfahrung werde ich im Sommer erst noch machen, aber ich freu mich schon drauf :)
Ich hoffe, Du hats neben einem Dosenöffner auch einen Flaschenöffner und Korkenzieher bekommen. Wein mit Schraubverschluss ist noch nicht Standarf und stets nur Sekt trinken (da kommt der Korken ja von alleine raus) mag man ja auch nicht immer.
Leider wird es irgendwann so weit sein, dass die Eltern das ehemals eigene Zimmer komplett aufgeben. Bei mir war das damals dann blöd, weil mich die Jobsuche nämlich wieder nach Darmstadt zurückbrachte. Das lag einfach mittiger als Stuttgart oder Kiel.
Flaschenöffner und Korkenzieher brauche ich eigentlich nie, weil ich ja keinen Alkohol trinke. Trotzdem (!?) hat meine Mutter mir zwei Rotweingläser mitgegeben, die sie, glaube ich, neulich irgendwo gewonnen oder als Prämie bekommen hat. Vielleicht werde ich daraus bald mal genüsslich einen Schluck Traubensaft trinken. Vielleicht verstauben sie aber auch einfach im Schrank.
Oh, und was das Auflösen meines Zimmers angeht, ist Mama auch schon voll dabei. Als ich jetzt nochmal ein paar Tage zuhause war, hat sie mich schon gedrängt, alle Schubladen nochmal auszumisten, damit sie so viele wie möglich für ihr Büro nutzen kann, das dort bald eingerichtet wird. Mein altes, schmales Bett soll allerdings drin stehen bleiben…
Ich weiß auch noch, dass das ein ganz komisches Gefühl am Anfang war, daheim bei den Eltern eigentlich nicht mehr daheim zu sein. Aber ich glaub, für die Eltern ist es viel schlimmer, weil sie ja eigentlich die “Zurückgebliebenen” sind.