Archiv für Januar, 2010

London

Sloane Square

Wenn es dieser Tage vor meinem Fenster immer so stürmisch und verschneit vorgeht, denke ich an den letzten Sommer in London, als an Schnee gar nicht zu denken war. Wir nahmen dort freiwillig die langsamen Doppeldeckerbusse, weil es in der Tube so stickig war, und Roman überredete mich nach ein paar Tagen, Sandalen zu kaufen.

Wir ließen uns durch die Stadt treiben, bestaunten die Food Hall von Harrods und die kurzen Freiluft-Vorstellungen vorm National Theatre. Wir entdeckten Pubs mit verwunschenen Gärten (“Windsor Castle” in Notting Hill) und standen uns im Globe Theatre – bei einer sehr guten Aufführung übrigens – die Beine in den Bauch. Wir bestaunten die Kunst in der Modern Tate, dem V&A Museum und der Saatchi Gallery und berieten eine Ecke weiter mit den Gürtel-Designern von Elliot Rhodes, wo sie am besten ihren ersten deutschen Shop eröffnen sollten (Hamburg!). Wir shoppten die Oxford Street rauf und runter, denn es war Ausverkauf, überall.

Im Postman’s Park, mitten im Bankenviertel, wurden wir still und andächtig angesichts der Gedenktafeln, die, ganz viktorianisch-morbide, an die Menschen erinnern sollten, die ihr Leben für andere gaben: “Mary Rogers, Stewardess of the Stella, March 30 1899, self sacrificed by giving up her life belt and voluntarily going down in the sinking ship.”

Und früher oder später landeten wir immer wieder in einem der vielen, vielen Londoner Parks. Das waren die besten Momente. Aber dazu bald mehr.
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Von meinem Toaster

Mein Toaster ist unausgeglichen in letzter Zeit. Vielleicht liegt es am Wetter. Jedenfalls toaste ich mir jeden Morgen drei Scheiben Vollkorntoastbrot, und jede spuckt er anders aus. Die erste ist oft genau richtig, schön knusprig und goldig braun von allen Seiten. Doch als würde er es bereuen, etwas so Perfektes geschaffen zu haben, verpasst mein Toaster der zweiten Scheibe dann eine dunkelbraune Ecke. Oder er schafft es, die eine Seite stärker zu rösten als die andere. Das ist sehr komisch und ein bisschen beängstigend.

Ich bin auch manchmal unausgeglichen, aber vorgestern habe ich eine tolle Art und Weise gefunden, diese Unausgeglichenheit zu überwinden. Das geht am leichtesten, indem jemand einem eine Freude macht – zu Not man selbst.

Es hatte wieder so doll geschneit, dass ich die dicken Stiefel anziehen musste. Und weil in denen niemand meine Socken sieht, habe ich das einzige saftig grüne Paar Socken angezogen, das ich besitze. (Normalerweise habe ich nur braune und blaue Socken, weil die am besten zu Schuhen und Jeans passen.) Immer, wenn ich an diesem Tag meine Schuhe aus- oder anzog, habe ich mich über die wunderbare Farbe meiner Socken gefreut. Grüne Socken sind super für unausgeglichene Phasen. Schade nur, dass mein Toaster keine Füße hat.

The September Issue


“Many people said that you’re an Ice Woman.” – “Well this week is pretty cold, that’s all I can say.”

“The September Issue” wollte ich schon lange sehen, aber irgendwie war immer etwas dazwischen gekommen. Jetzt ergab sich ausgerechnet auf der Berlin Fashion Week endlich die Möglichkeit. Eine kleine Bar in Berlin Mitte zeigte vier Tage lang Modefilme von “Frühstück bei Tiffany” über “Brüno” bis hin zu “Der Teufel trägt Prada”. Letzterer war die Steilvorlage für die Dokumentation von R.J. Cutler. Schließlich wollte nach dem Erfolg des Spielfilms alle Welt wissen, ob Anna Wintour wirklich so kalt und biestig ist, wie Meryl Streep sie darstellt.

Tatsächlich ist “The September Issue”, der die “Vogue”-Chefin bei der Produktion der dicksten und wichtigsten Ausgabe des Jahres 2007 begleitet, auch ganz ähnlich aufgebaut wie der “Teufel”. Am Anfang wird zunächst klargestellt, wie mächtig diese Frau ist. Wer glaubt, innerhalb einer Moderedaktion herrsche Anarchie oder zumindest eine kreativ-chaotische Demokratie, der irrt. Die “Vogue” wird absolutistisch regiert, von einer Frau, der alle hörig sind: Ihre Redakteure ducken sich und nicken nur, den Designern sagt sie, welche Stoffe sie verwenden sollen, und den Händlern schreibt sie die Einkaufszettel. “Can we say that Anna is the high priest of all of us?”, fragt der Regisseur einmal eine Redakteurin und bekommt zur Antwort: “I would say pope.”

Nachdem die Machtverhältnisse ein für alle Mal geklärt sind, zeigt der Film, wie es den Untertanen damit geht. Als Musterbeispiel muss Grace Coddington herhalten, die Art Directorin, die sich eigentlich nie hatte filmen lassen wollen. Was für eine Überraschung, dass ausgerechnet diese schrullige Frau, die mit ihrer roten Mähne und dem humpelnden Gang an eine Hexe erinnert, einmal als Model bei der “Vogue” angefangen hat! Nun wird sie einhellig als kreatives Genie beschrieben – und von der Chefin doch immer wieder gepiesakt und überstimmt. Trotzdem ist sie die einzige, die sich auch mal traut zu widersprechen. (Dumm nur, dass die Wintour niemals auf einen Widerspruch eingeht.)

Gerade, als der Zuschauer sich endgültig auf Graces Seite schlagen will, zeigt Anna Wintour doch noch Schwäche, ganz wie in “Der Teufel trägt Prada”. Es ist ein ungewohnt wackliger Moment. Wintour erzählt von ihren Geschwistern, die allesamt so ehrenwerten Berufen nachgehen. Sie berichten über Politik, suchen Wohnungen für Arme oder helfen Bauern in Südamerika. Über das, was Anna mache, seien sie, nun ja, “amused”. Und dann ist da auch noch ihre Tochter Bree, die lieber Anwältin werden will als Redakteurin und die Branche sowieso ziemlich merkwürdig findet. Dass Anna Wintour ihren Beruf ausgerechnet im engsten, privatesten Kreis verteidigen muss, das überrascht.

Was dem Film leider fehlt, sind tiefere Einblicke in den Arbeitsalltag der “Vogue”-Redaktion. Dafür war angesichts der beiden Hauptdarstellerinnen wohl einfach kein Platz mehr. Der Zuschauer bekommt ein ziemlich ausführliches Psychogramm von Anna Wintour und kann sich doch keine rechte Meinung bilden. Das allein ist eigentlich schon ein Kunststück.

„Diesen Text sollte keiner lesen. Vollkommen unnütz.“*

Eigentlich sollte heute ein guter Tag sein. Schließlich bin ich bei Roman, und in Berlin, gleichzeitig! Aber dann habe ich herausgefunden, dass meine neue Waage zuhause eine elende Lügnerin ist. Tagelang hatte ich mir eingeredet, dass man durchaus zwei Kilo abnehmen kann, indem man in der Uni einfach sehr angestrengt mitdenkt. Heute dann hat mir Romans WG-Waage das grausame Gegenteil bewiesen. Das war nicht gerade ein guter Start in den Tag.

Anschließend habe ich den Fehler gemacht in die Stadt zu gehen und mich unter das grandios aufgehübschte Fashion Week-Volk zu mischen. Das sind solche Leute, bei denen würde meine Waage daheim gar nicht erst angehen, wenn die da draufsteigen! Genau diese Leute benutzen bestimmt auch alle Handcremes in der S-Bahn, wie Christoph es in seinem Blog beschreibt.

Mit seinem Eintrag hat er mir ein ganz schlechtes Gewissen gemacht, weil ich doch seit diesem Winter auch zu den Eincremerinnen gehöre. (Allerdings nicht in der Bahn! (Und grundsätzlich nicht in der Öffentlichkeit, Christoph, versprochen!)) Ich hab mir damals eine ganz kleine Tube Handcreme „mit Sheabutter“ gekauft, nicht ahnend, dass Sheabutter sozusagen das Aloe Vera der Nullerjahre ist. Nun habe ich die Befürchtung, dass Handcremes den gleichen Effekt haben wie Lippenpflegestifte: Sie sorgen dafür, dass die Hände (oder Lippen) nach einer gewissen Glättezeit wieder rau werden und man die Produkte so immer und immer wieder benutzen muss. Meine früher so wunderbar weichen Hände haben auf einmal eine konstante leichte Rauheit, die einfach nicht mehr verschwindet. Ich bin in den Handcreme-Teufelskreis geraten! Was soll ich tun?

*sagt Roman. Er findet, ich sei kein Digital Native, sondern ein Digital Naive**, zu meinen, sowas bloggen zu müssen.
** Sein Buch „Digital Naives – wie unsere Generation den Planeten virtuell vor die Wand fährt“ erscheint in Kürze.

Fernsehabend

Um einen Fernseher habe ich mich als letztes gekümmert. Ich hätte es sogar beinahe vergessen, wäre da nicht mein Opa gewesen, der kurz vor dem Umzug fragte, ob ich denn schon einen hätte. Also durfte ich seinen alten mitnehmen, einen großen braunen Röhrenfernseher, der mir sehr gut gefällt, weil er so etwas Kultiges hat.

Erst Tage nach unserer Ankunft in Friedrichshafen kamen wir dazu, ihn anzuschließen, und wurden überrascht: Das Bild war auf einmal schwarz-weiß. Das allein wäre ja noch cool gewesen, noch kultiger: Claus Kleber grau in grau, und die angekündigten neuen Dokumentationen von Loïc Prigent auf Arte, und dann natürlich all meine DVDs. Die hätten eine ganz neue Dimension bekommen, wie ein Digitalfoto, das man am Rechner mal probeweise in Graustufen anzeigen lässt (und das dann immer gleich so viel professioneller aussieht).

Doch nach zwei Minuten faszinierender grauer Bilder fingen eben jene auch noch an, nervös zu wackeln – der Fernseher war hin. Er hatte im Transporter die Kälte abbekommen oder zu viel Vibration, wer weiß. Jedenfalls war ich bis heute fernseherlos. Heute bekam ich einen noch größeren, fast genauso kultigen Fernseher zum Schnäppchenpreis von 30 (!) Euro von einer netten Dame aus Überlingen. (Sowieso sind hier alle sehr nett.) Ihre Kinder hatten ihr zu Weihnachten einen Flachbildschirm geschenkt und nun fand sie es schade um ihren alten Grundig, “der tuts schließlich noch!”

Stimmt, er tuts noch, und jetzt sitze ich schon den ganzen Abend davor und bin selbst erstaunt, wie sehr man Fernsehen genießen kann. Aber das ist wahrscheinlich kein Wunder nach dieser Woche. Die letzten fünf Tage habe ich unter mehr als 100 neuen Leuten verbracht, die jeder für sich irgendwie verrückt sind und voller Geschichten. Da wäre zum Beispiel der Kommilitone, der sich als vermeintlicher Klischee-Ägypter vorstellt, schließlich heiße er Ahmed Ibrahim Mohammed. Oder der echte Cowboy aus Wyoming, die ehemalige Krankenschwester, der Jungunternehmer mit Mitarbeitern in den USA und Indien.

Und das alles an einer Uni, die so wunderbar klein ist und doch so reich, reich an Möglichkeiten und scheinbar ohne Grenzen. Einer Uni, die erstaunlich unbürokratisch ist, was mir sehr willkommen war angesichts der Telefongesellschaft, des Abfallwirtschaftsamtes, der ehemaligen Vermieterin, die alle noch was von mir wollen.

In der letzten Woche habe ich bis in die Nacht gearbeitet, diskutiert, wach gelegen. Ich habe an Speed Datings und einem Running Dinner teilgenommen, bin viel Bahn gefahren und stand bei vier Grad Außentemperatur mit nackten Füßen im Bodensee. (Manch einer war sogar komplett nackt.) Wenn das nur die Einführungswoche war, wie aufregend werden dann die nächsten drei Jahre?

Zumindest wohl deutlich aufregender als der Fernsehkrimi im Zweiten. Aber für heute reicht der mir ausnahmsweise völlig aus.