Archiv für November, 2009

Ein Land aus Schnipseln

Wer heute Anfang 20 ist, lag noch im Kinderwagen, als die DDR verschwand – vier Erinnerungsversuche aus dem Westen

Das Coolste, was ich mit der DDR verbinde, ist der Tanz aus dem Film “Sonnenallee”: Bei einer merkwürdigen Diskoveranstaltung in Ost-Berlin stehen Micha und seine Freunde plötzlich alle in einer Reihe, gehen in die Knie und wippen betont lässig von einem Fuß auf den anderen. Dazu läuft “Get It On” von T-Rex. Das Ganze sieht so bescheuert aus, dass es schon wieder cool ist.

Sonnenallee ist 1999 erschienen, zehn Jahre nach dem Mauerfall, neun Jahre nach meiner Geburt. Auf einem Kindergeburtstag versuchte ich damals, allen diesen Tanz beizubringen. Ich hatte keinen Schimmer davon, was die DDR war. Bis heute verbinde ich mit diesem Land vor allem das, was Filme mir erzählt haben: dass man in der Schule Russisch statt Englisch lernte und Klamotten in komischen Farben trug; dass man Spreewaldgurken aß, aber nur selten Bananen; dass man die gute Musik nur heimlich hören durfte und alle Jugendlichen Pfadfinder waren. Oder sowas in der Art.

Ich habe “Goodbye, Lenin!” gesehen, “Der Rote Kakadu” und lauter Fernsehkrimis, in denen jemand von seiner Stasi-Vergangenheit eingeholt wird. Empört bemerkte ich irgendwann, dass deutsche Filme vor allem dann Chancen auf einen Oscar und andere Preise haben, wenn es um Nazis oder die DDR geht. Bald hatte ich genug von diesen Geschichten, sie waren einfach so wenig greifbar, so unwirklich.

Die DDR ist für mich etwa so weit weg wie das Römische Reich: Über beide habe ich ein bisschen etwas in der Schule gelernt. An beiden Orten war ich inzwischen schon mal, aber es sah dort nicht besonders aus. Ich kenne auch niemanden, der dort gelebt hat, außer meinem früheren Mathelehrer, der immer lustige Geschichten aus seiner Armeezeit erzählt hat.

Grundsätzlich hatte ich also ein sehr lustiges Bild von der DDR. Bis ich neulich endlich mal “Das Leben der Anderen” gesehen habe. Ich hatte das vor mir hergeschoben, schon wieder so ein preisgekrönter DDR-Film, das musste nicht sein.

Inzwischen weiß ich, dass nicht alles so lustig war. Dass viele Menschen in ständiger Unsicherheit lebten, ihren Nachbarn nicht vertrauen konnten und unter vielen Einschränkungen und Verboten litten. Trotzdem glaube ich, dass zwischen dieser dunklen und jener hellen, lustigen Facette der DDR ein riesengroßer, verschwommen-grauer Bereich liegt. Die eigentliche DDR sozusagen. Und vielleicht war die einfach nicht spannend, nicht anders genug, um sie zu verfilmen.

Süddeutsche Zeitung, 9. November 2009

Gas ist gruselig

In heller Vorfreude auf die Wohnung, die ich noch finden muss (…), verfolge ich auf einmal Einrichtungsblogs mit so klingenden Namen wie „Desire to Inspire“ und „Decor8“. Ich beneide Christina, die am Wochenende zu Ikea fährt, und die Frau im internationalen Bahnhofskiosk, die all die hübschen Einrichtungsmagazine aus Amerika und Frankreich durchblättern darf, wenn gerade kein Kunde da ist. Ich bin einfach ganz aufgeregt darüber, dass ich bald endlich eine eigene Wohnung gestalten kann. (Sofern ich denn eine habe, wenn es im Januar in Friedrichshafen losgeht.)

Denn im Moment wohne ich ja noch in einer möblierten Übergangswohnung am Münchener Westpark. Das Problem mit den möblierten Wohnungen ist – zumindest in unserem Fall -, dass sie so persönlich aussehen. Man isst, schläft, duscht dort vier Monate lang, aber eigentlich wohnt da jemand anderes. Jemand, der Bücher wie „Die Wolfsfrau“ im Regal stehen lässt und einen versilberten Buddha-Kopf und getrocknete Blumensträuße. Solange man den Auszugstermin im Blick hat, ist das in Ordnung, aber richtig gemütlich, so mit Zuhause-Gefühl, wird es nie.

Meine Sehnsucht nach dem Einrichten ist also wohl eigentlich die Sehnsucht nach Gemütlichkeit. Ich habe Lust, Plätzchen zu backen und Weihnachtskarten zu basteln, doch es gibt nicht mal einen Schreibtisch und nur den fiesen Gasherd, an den ich mich nicht rantraue.

Aber zum Glück bin ich ja in München. Die Münchener kennen sich mit Gemütlichkeit verdammt gut aus. Sie haben plüschige Cafés mit den allerschokoladigsten Muffins und viele kleine Geschäfte, die ausschließlich Lebkuchen oder Holzwaren verkaufen. (Ganz zu schweigen vom Viktualienmarkt.) Ich finde das ja toll, Läden zu entdecken, die es nur einmal gibt und nicht in jeder verdammten Einkaufsstraße in jeder verdammten Stadt.

Meinen Samstag verbringe ich deshalb damit, durch diese Geschäfte zu streifen und am Ende in einem tiefen Cafésessel zu versinken, bei einem Saft und einem guten Buch. (Gute Bücher wie zum Beispiel „Das Bildnis des Dorian Gray“ von Oscar Wilde oder „One Fifth Avenue“ von Candance Bushnell.) Und nein, ich trinke immer noch keinen Kaffee – auch wenn das womöglich noch gemütlicher wäre.

Mitten im Schwarm

Am Mittwoch brachte der “Improv Everywhere”-Meister Charlie Todd den Münchnern bei, wie ein Flashmob funktioniert. Und die Zivilpolizei war auch dabei.

BUBBLEMOB!

Die erste von 34 Kurzmitteilungen kommt um 17 Uhr 22: „Liebe Mitspieler, T minus 80 Minuten. Um 17.41 Uhr wird der geheime Treffpunkt des Schwarms im öffentlichen Raum kommuniziert.“ Da bin ich dann doch ein bisschen aufgeregt.

Eine Stunde später weiß ich: Der geheime Treffpunkt ist das Neue Haus der Münchner Kammerspiele. Mindestens 300 Leute haben sich hier im abgedunkelten Foyer versammelt und beobachten einen Vogelschwarm, der an die Wand projiziert wird. Der Schwarm saust durch die Luft, auf die Erde zu, geht kurz auseinander, um sich dann wieder zu einem großen Pulk zusammenzuschließen. Genau das sollen wir gleich auch machen, einen Schwarm bilden, der durch die Münchner Innenstadt zieht und die Passanten mit kleinen Aktionen überrascht

Organisiert haben diesen Menschenschwarm Benjamin David, 33, und seine Kollegen von den „Urbanauten“. Sie setzen sich in verschiedenen Projekten mit dem öffentlichen Raum in München auseinander. Dabei ist jetzt „Moments of Starlings“ herausgekommen, eine Reihe von vier SMS-Flashmobs, die alle nach dem Schwarmprinzip funktionieren sollen: „Per SMS und Twitter teilen wir den Leuten mit, wohin sie als nächstes schwärmen und was sie dort tun sollen“, erklärt David. Sein Team ist fasziniert von der Ästhetik der Vogelschwärme, vor allem von Staren. „Die schwärmen am schönsten“, sagt er. Um mitzumachen, muss man einem Twitterfeed folgen oder eine 4,99 Euro teure Anmelde-SMS verschicken. Eigentlich ist es nicht üblich, für die Teilnahme an einem Flashmob zu bezahlen. „Aber wir müssen irgendwie die vielen SMS finanzieren“, sagt David. „Noch hat leider nicht jeder ein internetfähiges Handy. In ein, zwei Jahren lässt sich so etwas vielleicht komplett über Twitter organisieren.“

Gestern Abend fand nun der erste Schwarm statt, und das war gleich ein ganz besonderer, denn Charlie Todd war da. Todd ist der Gründer von „Improv Everywhere“, einer New Yorker Bewegung, die verschiedene Flashmobs veranstaltet und anschließend Videos und Bilder davon im Internet verbreitet. Zu seinen bekanntesten Aktionen zählen das „MP3-Experiment“, bei dem hunderte Menschen im Central Park die gleichen Gymnastikübungen machten, oder „Frozen Grand Central“, wo eine ebenso große Menschenmenge in dem New Yorker Bahnhof minutenlang erstarrte.

FREEZEMOB!

Todd hat inzwischen Fans und Nachahmer in aller Welt. Viele, die gerade dem Vogelschwarm an der Wand zuschauen, sind auch wegen ihm hier. Und dann kommt er und gibt uns durch ein Megafon letzte Instruktionen. „Bitte versucht, nicht so viele Fotos zu machen“, sagt er. „Sonst geht die Magie verloren.“

Da klingelt auf einmal mein Handy. Und das meiner Nachbarin. Und das von dem alten Mann neben ihr. Hunderte verschiedene Klingeltöne gleichzeitig, und überall dieselbe Nachricht: „Raus auf die Straße! Die Maximilianstraße entlang SCHWÄRMEN und bis in die Fußgängerzone/Theatinerstraße folgen!“

Die Masse drängt durch die Türen. „Schaut in die Zeitungskästen!“, ruft uns Todd noch hinterher, dann geht es los. Manche schlendern gemütlich, andere laufen in Schlangenlinien oder auch mal in die falsche Richtung. Einige breiten sogar die Arme aus, wie richtige Vögel. Tatsächlich entsteht so etwas wie ein Schwarm.

An einem der Zeitungskästen treffe ich Andreas, 25. Er drückt mir eine Flasche Seifenblasen in die Hand, die in dem Kasten versteckt war. Was das soll, weiß er nicht. „Ich bin mit einer Freundin hier, die habe ich schon verloren“, sagt er, „aber das gehört wohl dazu.“ Wie die meisten hier hat er vorher noch nie bei einem Flashmob mitgemacht. „Mich fasziniert die Idee dahinter, das Ungewöhnliche im Gewöhnlichen.“ Er hofft auf ein paar magische Momente und lustige Situationen.

Die erste gibt es an der Haltestelle Theatinerstraße, wo sich ein Auto im Schwarm festfährt. Als es laut hupt, lacht die Menge bloß und schwärmt noch wilder. Das Auto stellt den Motor ab. Dann kommt eine Trambahn, und ihre schrille Glocke mischt sich mit dem Handyklingeln, das wieder aufbrandet: „Einzeln und unauffällig die Fünf Höfe betreten! Unauffällig unter den Hängepflanzen in der Mitte umher flanieren!“

Zugegeben, ganz so unauffällig sind wir nicht, als wir uns alle unter den hängenden Gärten in dem Münchner Einkaufszentrum versammelt haben. Neben mir macht ein Mann erste Seifenblasen. „Noch nicht pusten!“, ruft eine junge Frau empört. „Dann ist doch die Überraschung weg!“ Das ist Jana, 27. Sie erfüllt sich heute einen lang gehegten Traum. „Ich wollte immer schon bei einem Flashmob mitmachen“, sagt sie. „Aber in München findet sowas ja sonst nie statt!“ Da piepst ihr Handy: „BUBBLEMOB!“
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(500) Days of Summer

(500) Days of Summer
„Du bist immer noch mein bester Freund!“

Alle sind gerade im „(500) Days of Summer“-Fieber. Ich war das auch – bis ich den Film gesehen habe. Er handelt von Tom, der sich in Summer verliebt. Eine Zeit lang läuft alles ganz toll. Doch Summer glaubt nicht an die Liebe und hat deshalb auch kein Problem damit, Tom nach ein paar hundert Tagen eiskalt abzuservieren.

Warum ich euch das hier genauso eiskalt auftische, ohne Vorwarnung, obwohl ihr den Film noch gar nicht gesehen habt? Weil man es sowieso schon nach zehn Minuten erfährt. Und ich glaube, das ist das Problem. Die ungewöhnliche Struktur des Films besteht aus 500 Tagen, 500 kurzen Kapiteln, die völlig durcheinander erzählt werden. Gerade noch liegt das Paar glücklich im Bett, und einen Schnitt später wird Tom, der als Grußkartentexter arbeitet, in die Trauerfall-Abteilung versetzt, weil er seit Monaten schlecht drauf ist.

Dabei hätte es eigentlich ein richtig guter Film werden können, haben die Macher doch alle Indieregeln befolgt: Es gibt einen gut gemischten Soundtrack, Klamotten, wie man sie sonst nur im Second-Hand-Laden findet, und diese ganz typische Bildsprache. Mit Joseph Gordon-Levitt und Zooey Deschanel wurden außerdem genau die richtigen Schauspieler besetzt. Solche, die eben nur Insider kennen und diejenigen, die die entsprechenden Blogs und Magazine lesen. Sie ist so, wie Amerikaner sich Nora Tschirner auf Französisch vorstellen, und er ja sowieso der neue Heath Ledger.

Die ganze Handlung ist ebenfalls indieindie, bis ins Detail: Summers Lieblings-Beatle ist ausgerechnet Ringo (!?), und es gibt diese romantischen Szenen, von denen man sich auch vorstellen kann, nein, will, dass sie einem selbst passieren, im echten Leben. Man will auch mal bei Ikea mit dem Liebsten heile Welt spielen oder eine ganze Skyline von ihm auf den Arm gemalt bekommen.

Und obwohl das alles so toll klingt und ist, will der Funke nicht recht überspringen. Durch das vorweggenommene Ende und das ständige Springen zwischen den Gefühlen stellen sich einfach keine richtigen Emotionen beim Zuschauer ein. Anders als bei Mainstream-Romanzen wie „Message in a Bottle“ oder „Wie ein einziger Tag“ – wo man ja auch von Anfang an weiß, dass sie einfach nicht gut ausgehen können – bleibt einem hier nicht mal dieser kleine Hoffnungsstängel, an den man sich die 95 Minuten lang klammern könnte.

Vielleicht bin ich auch einfach zu romantisch veranlagt, wer weiß? Mir blieb jedenfalls der Geschmack eines streng nach Rezept gekochten Indiegerichts auf der Zunge, dem das gewisse Etwas fehlte. Gleichzeitig werde ich wohl auch weiterhin vom frischverliebten Joseph Gordon-Levitt träumen und davon, wie für ihn das Leben zum Musical wird. Er ist halt der neue Heath Ledger. Oder vielleicht sogar noch schnuckeliger.

“Injektive Abbildung ist, wenn kein Kind zwei Geschenke bekommt”

Der Mathestudent Florian Modler, 22, hat gemeinsam mit seinem Kommilitonen Martin Kreh, 23, ein neues Lehrbuch geschrieben. Damit sollen wir Analysis und Lineare Algebra endlich verstehen.

Florian und Martin

Florian, könnte man nicht mal ein Mathebuch ohne die ganzen nervigen Zahlen schreiben?
Na, so viele Zahlen kommen bei uns ja gar nicht vor. Schließlich geht es in der Mathematik nicht so sehr ums Rechnen, sondern darum, Probleme mit logischem, abstraktem Denken zu lösen. Trotzdem werden wir die vielen Formeln wohl auf Dauer nicht los.

Gibt es nicht schon genug Mathebücher? Vor allem zu den Themen, die ihr behandelt – Lineare Algebra und Analysis -, kann man doch eigentlich nichts Neues mehr schreiben.

Natürlich ist der Stoff nicht neu, aber unser Buch ist anders als die übrigen Fachbücher. Ein Buch, das von Studenten für Studenten geschrieben ist, gibt es auf dem Markt überhaupt noch nicht. Außerdem ist unser Buch ist zweigeteilt: Im ersten Abschnitt findet man all die Definitionen, die man zum Beispiel für eine mündliche Prüfung auswendig lernen muss. Im zweiten Teil wird alles ausführlich erklärt, mit vielen Beispielen und in Umgangssprache – und Schritt für Schritt! In anderen Büchern werden manche Beweisschritte nämlich einfach ausgelassen und der Leser ist dann auf sich gestellt.

Wie lange habt ihr fürs Schreiben gebraucht?
Das Schreiben selbst hat gar nicht so lang gedauert – obwohl ich anfangs überrascht war, dass etwas, das man so leicht mündlich erklären kann, doch sehr schwer aufzuschreiben ist! Allerdings war auch das Drumrum viel aufwendiger, als wir gedacht hätten. Wir hatten uns das so vorgestellt, dass wir alles aufschreiben, abgeben und der Verlag druckt es dann. Aber da sind noch so viele Dinge, um die man sich kümmern muss! Zum Beispiel Cover, Vorwort, Literaturverzeichnis… Auch das Korrekturlesen hat überraschend viel Zeit in Anspruch genommen. Insgesamt haben wir etwa ein Jahr gebraucht.

Wird das fertige Werk jetzt euer einziges bleiben, oder plant ihr eine Fortsetzung?
Der Verkauf läuft sehr gut – so gut, dass das Buch bei Amazon zeitweise nicht lieferbar war. Wenn das so weitergeht, werden wir auf jeden Fall einen zweiten Teil schreiben. Der Verlag hat auch schon angedeutet, dass er wieder mitmacht.

Was sagen denn überhaupt eure Professoren zu dem Projekt? Schließlich schreiben die auch selbst Bücher.
Am Anfang waren sie schon skeptisch, aber nachher haben sogar zwei von ihnen Korrektur gelesen. Wir haben das Buch auch einigen Erstsemestern zum Probelesen gegeben, für die ist es schließlich gedacht. Die Reaktionen waren durchweg positiv.

Diesen Mittwoch veranstaltet ihr sogar eine Lesung in Hannover. Lest ihr da dann Formeln vor?

Ehrlich gesagt wissen wir selbst noch nicht so genau, wie das aussehen wird. Erstmal wollen wir ein bisschen erzählen, wie es dazu kam und wie das Konzept des Buchs aussieht. Und dann gibt es ja schon die ein oder andere Stelle, die man gut vorlesen kann. Zum Beispiel unser Beispiel für injektive Abbildungen. Da muss man sich nur den Weihnachtsmann und die Kinder vorstellen. Der Weihnachtsmann ist die Funktion, die die Geschenke auf die Kinder verteilt. Und wenn kein Kind zwei Geschenke bekommt – dann ist das injektiv.

“Tutorium Analysis 1 und Lineare Algebra 1″ von Florian Modler und Martin Kreh, erschienen im Spektrum-Verlag, 363 Seiten, 19,95 Euro, mathestudium-tutor.de

jetzt.de, 2. November 2009