Wenn man nach dem Abi in eine fremde Stadt zieht, denkt man an vieles, nur nicht daran, wie es den eigenen Eltern damit geht

„Eigentlich will ich immer nur nach Hause“, sagt Julian. Seit zwei Monaten wohnt der 19-Jährige in Aachen, 200 Kilometer von seinem Geburtsort entfernt. Er studiert Wirtschaftsingenieurwesen, sein Wunschfach. Das Studium ist gut, es fordert ihn, aber es ist gut, und die WG mit den ehemaligen Mitschülern funktioniert auch. Trotzdem setzt er sich jeden Freitag Nachmittag in den Zug und fährt drei Stunden lang nach Südlohn im Münsterland, nach Hause. Zurück nach Aachen geht es frühestens Sonntag Abend, manchmal auch erst montags in der Früh. „Viele Leute freuen sich, wenn sie ausziehen“, sagt er. „Bei mir ist es genau anders rum.“
Seinen Eltern hat das den Abschied nicht erleichtert. „Die ersten Tage waren schrecklich“, erinnern sich Ingrid und Alfons Schmeing. Julian ist ihr einziger Sohn. In der Wohnung, wo sich die drei sonst gern mal gegenseitig auf die Schippe nahmen, wenn einem von ihnen langweilig war, ist es jetzt ruhig und irgendwie nicht mehr so lustig wie noch vor ein paar Wochen. „Ich arbeite im Außendienst für einen Gartenbaubetrieb“, erklärt Alfons Schmeing, „dadurch bin ich viel unterwegs und merke das nicht so stark.“ Doch seine Frau ist Hausfrau und hat auf einmal sehr viel Zeit. „Ich lese jetzt viel mehr als früher, ich besuche meine Schwester häufiger. Und ich hätte gern wieder einen Job“, sagt sie.
Elke Selaskowski arbeitet werktags von acht bis eins bei einem Steuerberater. Seit ihre Tochter Lisa, 20, vor einigen Wochen als letztes von zwei Kindern ausgezogen ist, könnte sie auch locker noch nachmittags ins Büro gehen. „Plötzlich ist da so viel Zeit, die man füllen muss“, sagt sie. Ihr Mann arbeitet als Elektrotechniker und ist oft tagelang unterwegs. Dann ist ihr einziger Gefährte der Hund. „Der bekommt jetzt extra lange Spaziergänge“, sagt Elke Selaskowski. „Aber neuerdings bellt er fremde Hunde an. Wahrscheinlich vermisst er Lisa genauso wie ich.“
Mit dem Vermissen ist das so eine Sache. Wie Julian studiert auch Lisa in Aachen, sie kommt aber längst nicht mehr jedes Wochenende nach Hause. Sie anzurufen, das macht ihre Mutter nicht. „Ich warte lieber, bis sie sich meldet – dann weiß ich, sie hat jetzt Zeit und Lust zu reden.“ Noch greift Lisa fast jeden Tag zum Hörer. „Ich könnte zwar auch nur alle drei oder vier Tage anrufen“, sagt sie, „aber Mama freut sich doch immer so.“
Für Lisa selbst war der Auszug nicht so schmerzvoll. Das Studium, die Stadt, die Leute, alles war neu und aufregend. Jetzt freut sie sich, wenn ihre Mutter sie in Aachen besucht. „Dann gehen wir zusammen Kaffee trinken in der Stadt, das haben wir früher nie gemacht“, erzählt sie. Stattdessen gab es gemeinsame Mittagessen. Sie waren so etwas wie der Fixpunkt der Familie, zu dem man sich traf, den Tag besprach. Jetzt isst Elke Selaskowski mittags manchmal gar nichts. „Es macht einfach keinen Spaß, nur für mich allein zu kochen.“ Für Julians Familie war das Abendbrot das feste Ritual, das jeden Tag um Punkt sechs Uhr stattfand. Seit der Sohn ausgezogen ist, nehmen seine Eltern es damit nicht mehr so genau. „Wir müssen wieder Brötchen kaufen“, sagt Alfons Schmeing. „Sonst machen wir bloß auf die Schnelle was und essen vor dem Fernseher…“
Er hätte nie gedacht, dass es ihm so schwer fallen würde, Julian sonntags zum Bahnhof zu bringen. „Ich muss dann immer noch jedes Mal schlucken“, gesteht er. „Dabei sehen wir uns doch schon in einer Woche wieder!“ Trotzdem würde er seinem Sohn nie sagen, er solle zurück nach Hause kommen – auch, wenn der das im Moment vielleicht gern hören würde. „Julian hat schon immer lange gebraucht, um sich an ein neues Umfeld zu gewöhnen“, sagt seine Mutter. „Das wird schon.“ Und man weiß nicht genau, wem sie damit nun Mut zuspricht – ihrem Sohn oder sich selbst.
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Kommentiert
anna*: berührend. und das meine ich nicht pathetisch, aber ich weiß mich gerade nicht besser auszudrücken als “das berührt meine seele”.
Auceza: Huhu!!! Habe vor Kurzem Deine Website im Netz entdeckt und finde sie sehr gut. :) Ich hoffe, dass Du noch viele Interviews machst und fleißig...
Nathalie: Ich drücke mich immer vom lernen mit lesen.. I love lesen Und ich liebe einen jungen aus der 6. Klasse
Eva: Aber nur ganz leicht! ;D