Archiv für November, 2009

Wo du mal Zuhause warst

Wenn man nach dem Abi in eine fremde Stadt zieht, denkt man an vieles, nur nicht daran, wie es den eigenen Eltern damit geht

Wo du mal Zuhause warst

„Eigentlich will ich immer nur nach Hause“, sagt Julian. Seit zwei Monaten wohnt der 19-Jährige in Aachen, 200 Kilometer von seinem Geburtsort entfernt. Er studiert Wirtschaftsingenieurwesen, sein Wunschfach. Das Studium ist gut, es fordert ihn, aber es ist gut, und die WG mit den ehemaligen Mitschülern funktioniert auch. Trotzdem setzt er sich jeden Freitag Nachmittag in den Zug und fährt drei Stunden lang nach Südlohn im Münsterland, nach Hause. Zurück nach Aachen geht es frühestens Sonntag Abend, manchmal auch erst montags in der Früh. „Viele Leute freuen sich, wenn sie ausziehen“, sagt er. „Bei mir ist es genau anders rum.“

Seinen Eltern hat das den Abschied nicht erleichtert. „Die ersten Tage waren schrecklich“, erinnern sich Ingrid und Alfons Schmeing. Julian ist ihr einziger Sohn. In der Wohnung, wo sich die drei sonst gern mal gegenseitig auf die Schippe nahmen, wenn einem von ihnen langweilig war, ist es jetzt ruhig und irgendwie nicht mehr so lustig wie noch vor ein paar Wochen. „Ich arbeite im Außendienst für einen Gartenbaubetrieb“, erklärt Alfons Schmeing, „dadurch bin ich viel unterwegs und merke das nicht so stark.“ Doch seine Frau ist Hausfrau und hat auf einmal sehr viel Zeit. „Ich lese jetzt viel mehr als früher, ich besuche meine Schwester häufiger. Und ich hätte gern wieder einen Job“, sagt sie.

Elke Selaskowski arbeitet werktags von acht bis eins bei einem Steuerberater. Seit ihre Tochter Lisa, 20, vor einigen Wochen als letztes von zwei Kindern ausgezogen ist, könnte sie auch locker noch nachmittags ins Büro gehen. „Plötzlich ist da so viel Zeit, die man füllen muss“, sagt sie. Ihr Mann arbeitet als Elektrotechniker und ist oft tagelang unterwegs. Dann ist ihr einziger Gefährte der Hund. „Der bekommt jetzt extra lange Spaziergänge“, sagt Elke Selaskowski. „Aber neuerdings bellt er fremde Hunde an. Wahrscheinlich vermisst er Lisa genauso wie ich.“

Mit dem Vermissen ist das so eine Sache. Wie Julian studiert auch Lisa in Aachen, sie kommt aber längst nicht mehr jedes Wochenende nach Hause. Sie anzurufen, das macht ihre Mutter nicht. „Ich warte lieber, bis sie sich meldet – dann weiß ich, sie hat jetzt Zeit und Lust zu reden.“ Noch greift Lisa fast jeden Tag zum Hörer. „Ich könnte zwar auch nur alle drei oder vier Tage anrufen“, sagt sie, „aber Mama freut sich doch immer so.“

Für Lisa selbst war der Auszug nicht so schmerzvoll. Das Studium, die Stadt, die Leute, alles war neu und aufregend. Jetzt freut sie sich, wenn ihre Mutter sie in Aachen besucht. „Dann gehen wir zusammen Kaffee trinken in der Stadt, das haben wir früher nie gemacht“, erzählt sie. Stattdessen gab es gemeinsame Mittagessen. Sie waren so etwas wie der Fixpunkt der Familie, zu dem man sich traf, den Tag besprach. Jetzt isst Elke Selaskowski mittags manchmal gar nichts. „Es macht einfach keinen Spaß, nur für mich allein zu kochen.“ Für Julians Familie war das Abendbrot das feste Ritual, das jeden Tag um Punkt sechs Uhr stattfand. Seit der Sohn ausgezogen ist, nehmen seine Eltern es damit nicht mehr so genau. „Wir müssen wieder Brötchen kaufen“, sagt Alfons Schmeing. „Sonst machen wir bloß auf die Schnelle was und essen vor dem Fernseher…“

Er hätte nie gedacht, dass es ihm so schwer fallen würde, Julian sonntags zum Bahnhof zu bringen. „Ich muss dann immer noch jedes Mal schlucken“, gesteht er. „Dabei sehen wir uns doch schon in einer Woche wieder!“ Trotzdem würde er seinem Sohn nie sagen, er solle zurück nach Hause kommen – auch, wenn der das im Moment vielleicht gern hören würde. „Julian hat schon immer lange gebraucht, um sich an ein neues Umfeld zu gewöhnen“, sagt seine Mutter. „Das wird schon.“ Und man weiß nicht genau, wem sie damit nun Mut zuspricht – ihrem Sohn oder sich selbst.
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“Kinder, wir gehen mal schnell ein Haus kaufen”

Zuhause ist da, wo die Eltern wohnen. Was aber passiert, wenn die Eltern genau in dem Moment, in dem man ausziehen möchte, selber umziehen? Bei Stefanie Rudde, 20, war es genauso. Im Interview erzählt sie von neuen und alten Häusern und von einem Bruder, der sich auf ihren Auszug freut.

Stefanie, normalerweise zieht man nach der Schule doch allein um und nimmt nicht gleich die ganze Familie mit.
Stimmt! Aber bei uns ging es dieses Jahr einfach drunter und drüber. Alles fing im Frühjahr an, als uns der Vermieter sagte, dass wir aus der Doppelhaushälfte rausmüssen, in der wir seit 14 Jahren wohnten. Er wollte sie auf einmal für sich selbst haben. Völlig überraschend mussten wir uns ein neues Haus suchen!

Konntest du da überhaupt noch in Ruhe fürs Abi lernen?
Das schon, aber man geht mit einem ganz anderen Blick durchs Haus. Manchmal lief ich an Gegenständen vorbei, die ich vorher nie wirklich wahrgenommen hatte, und dachte: Oh, dafür brauchen wir dann aber einen großen Karton! Ich konnte plötzlich auch viel leichter Dinge wegschmeißen. Und auf einmal fallen einem lauter Sachen am Haus auf, die eigentlich blöd sind. Die Heizung leckte und der Elektroherd ging genau pünktlich kaputt, aber den brauchen wir jetzt sowieso nicht mehr, im neuen Haus haben wir ein Ceranfeld.

Warum bist du eigentlich nicht gleich nach Münster gezogen, wo du jetzt studierst?
Kurz nach meinem Abi kamen meine Eltern schließlich in die Küche und sagten zu mir und meinem kleinen Bruder: “Kinder, wir gehen mal kurz ein Haus kaufen, braucht ihr sonst noch was?” Dann ging alles so schnell, dass ich gar keine Zeit mehr gehabt hätte, mir eine Wohnung in Münster zu suchen. Jetzt pendle ich erstmal zwischen Uni und Zuhause und ziehe vielleicht zum nächsten Semester aus.

Aber wenn du sowieso bald ausziehen wirst, hätten deine Eltern doch auch ein kleineres Haus kaufen können – wäre das nicht praktischer gewesen?
Zum Glück haben meine Eltern von Anfang an gewollt, dass ich auch im neuen Haus ein eigenes Zimmer bekomme. Mein kleiner Bruder ist allerdings scharf auf meine frisch renovierte Dachkammer. Er sagt immer: „Oben wohnt meine Schwester – noch.“

Bist du traurig, dass du jetzt nie mehr in dein Elternhaus zurückkehren kannst?
Es stimmt schon: Wenn ich an Zuhause denke, habe ich immer noch das alte Haus im Kopf. Aber ich glaube, das wäre noch schlimmer, wenn ich direkt nach Münster gezogen wäre. Ich habe beim Umzug viel geholfen. Wenn man da selber Laminat verlegt, Wände streicht und mit einem großen Hammer den alten Kamin raushaut, lernt man so ein Haus doch ziemlich gut kennen. Wenn ich jetzt ausziehe, habe ich wieder ein Elternhaus.

Süddeutsche Zeitung, 30. November 2009

Die besten Kochfilme (in alphabetischer Reihenfolge)

Bella Martha

Hier spielt Martina Gedeck Martha, eine wirklich gute, aber manische Köchin, die an gar nichts anderes denken kann als an ihren Beruf – ohne jedoch selbst das Essen mal richtig zu genießen. Sie ist völlig gefangen in ihrem grauen Alltag, bis zwei Dinge passieren: Marthas Schwester stirbt, woraufhin sie ihre kleine Nichte Lina bei sich aufnimmt. Und ihre Chefin stellt einen zweiten Chefkoch ein, einen temperamentvollen Italiener. Die neuen Menschen in ihrem Leben bringen Marthas Leben völlig aus dem Gleichgewicht und zwingen sie, ihre triste Routine aufzugeben.

Falls ihr diesen Film noch nicht kennt, kennt ihr ihn vielleicht doch schon – unter dem Titel “Rezept zum Verlieben”. Das amerikanische Remake mit Catherine Zeta-Jones, Abigail Breslin (!) und Aaron Eckhart ist – mal abgesehen davon, dass Eckhart kein bisschen italienisch aussieht – entsetzlich nah am Original geblieben, nur noch ein gutes Stück blockbustiger und weichspüliger. Kann man sich angucken, aber das Original ist ganz bestimmt besser. Ich meine, Martina Gedeck. Hallo?

Bestes Gericht: Spaghetti mit Tomatensoße
Übers Kochen gelernt: Musik hilft! Und man muss die Küche auch nicht immer sofort sauber machen.

Chocolat

Hach. Ausgerechnet zur Fastenzeit eröffnet Juliette Binoche eine Chocolaterie in einem kleinen, sehr katholischen, sehr misstrauischen, sehr urigen Dorf und hat dort mit zahlreichen Skeptikern, insbesondere dem fiesen Bürgermeister (Alfred Molina) zu kämpfen. Bis Johnny Depp mit seiner Zigeunertreppe kommt und alle von der Schokolade ablenkt. Wie bei “Bella Martha” gibt es auch hier ein kleines, süßes Mädchen, dass zusammen mit einem Känguruh durch den Film hopst, und noch dazu eine mürrische Alte (Judi Dench), die am Ende lieb wird.

Der Film besticht durch seine herrliche Szenerie und die wirklich gute Musik. Die läuft jetzt noch dauernd im Klassikradio, und man weiß immer gleich, woher sie stammt (das ist das große Soundtrackkunststück). Außerdem hat Johnny Depp zwei tolle Gitarrensongs beigesteuert, die auch nicht ohne sind. Vor allem sind es aber die tollen Charaktere und die starke Besetzung, die das alles zu einer wunderbaren Zartbitter-Filmpraline verschmelzen lassen.

Bestes Gericht: Heiße Schokolade mit Chili
Übers Kochen gelernt: Schokolade geht zu allem, sogar zum Huhn.

Eden

In “Eden” geht es um Gregor (Josef Ostendorf), einen berühmten Koch, der sowohl beruflich als auch privat nichts anderes tut als zu kochen – und Kellnerinnen zu beobachten. Dabei lernt er Eden (Charlotte Roche) kennen. Die junge Frau kellnert im Kurcafé ihrer Schwiegereltern, wo ihr Mann Xaver (Devid Striesow) den Animateur gibt. Die Beziehung der beiden läuft nicht mehr so recht, seit sie eine behinderte Tochter bekommen haben. Eden jedenfalls ist in jeder Hinsicht ausgehungert – kein Wunder, dass sie sich eines Abends über Gregors Töpfe hermacht. Seine erotisierende Küche begeistert sie unheimlich. Fortan bewirtet der Meisterkoch sie regelmäßig, und das macht eigentlich alle glücklich. Bis Xaver eifersüchtig wird.

Charlotte Roche hat in diesem Film ihr durchaus beachtliches Schauspieldebüt gegeben. Trotzdem verstehe ich nicht, warum sie allein das Plakat schmückt – denn Josef Ostendorf ist eindeutig der schauspielerische Held des Films. Es ist großartig, wie er diese erst abweisende, unsichere Figur sich allmäglich öffnen und doch immer wieder zurückschrecken lässt. Dazu kommen eine Geschichte, wie man sie nie zuvor gehört oder gesehen hat, und eine Filmmusik, die sich im Laufe der 100 Minuten zu einer wunderbaren Wehmutsmelodie auflädt. Diesen Film muss man unbedingt sehen, auch, wenn man danach – wie Eden – womöglich ein paar Tage überhaupt keinen Hunger mehr hat. Denn an Gregors “Cucina Erotica” kommt einfach nichts heran.

Bestes Gericht: Die Orgasmus-Pralinen von Leonies Geburtstagstorte
Übers Kochen gelernt: Genuss entsteht durch Mangel.

Julie & Julia

Hier werden gleich zwei Kochgeschichten parallel erzählt: Julia Child (Meryl Streep), eine unausgeglichene amerikanische Diplomatengattin, entdeckt im Paris der 50er Jahre das Kochen für sich. Sie wird ein richtiger Profi und schreibt schließlich ein Buch, “Mastering The Art Of French Cooking”, das Amerikanerinnen die französische Küche nahebringen soll. Genau das klappt auch 50 Jahre später noch, als die ebenfalls unausgeglichene junge New Yorkerin Julie Powell (Amy Adams) beschließt, Julia Childs 524 Rezepte binnen 356 Tagen nachzukochen. Ihre Erlebnisse dokumentiert sie in einem Weblog, das bald ebenso erfolgreich wird wie das Kochbuch selbst.

Beide Geschichten sind übrigens wahr, und man kann sich kaum entscheiden, welche man lieber mag. (Ich tendiere zu der mit dem Blog. Wegen dem Blog.) Die beiden Hauptdarstellerinnen sind große Klasse: Nie habe ich Meryl Streep so schrullig gesehen, sie ist quasi eine immerzu angesäuselte Mrs. Doubtfire, die noch lustiger wirkt, wenn ihr Filmehemann Stanley Tucci – einen Kopf kleiner – neben ihr steht. Und Amy Adams spielt (wie schon in “Sunshine Cleaning”) einfach so schrecklich gut die völlig normale junge Amerikanerin, sie ist so uneitel und echt, dass es einen Heidenspaß macht, ihr beim Bezwingen eines Hummers zuzuschauen oder beim Versauen einer Pastete. So anspruchsvoll wie “Eden” ist “Julie & Julia” freilich nicht, aber er macht mindestens genauso hungrig. Oder, wie die New York Times schreibt: “The film is food porn.”

Bestes Gericht: Boeuf Bourguignon
Übers Kochen gelernt: Man kann gar nicht genug Butter haben.

Zeitreisenwollen

Bei Vimeo zeigen junge Amerikaner die alten Urlaubsvideos ihrer Eltern. Das sind Filme aus den 50er und 60er Jahren, als es noch kein HD und keine Festplattencamcorder gab, dafür aber 16mm-Kameras. Sie zeigen eine heile, bunte Welt, in die man zu gern für ein paar Tage hineinschlüpfen würde. Jared Foster zum Beispiel ist auf Videomaterial eines Roadtrips gestoßen, den seine Eltern als frisch verheiratetes Paar unternahmen:


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Meine wunderbaren Jobaussichten

Prima Aussicht aus dem Büro

Der Herbst ist hier so bunt wie der Central Park und so kalt, dass meine sonst auf so magische Weise immerweichen Hände zum ersten Mal in ihrem Leben nach einer Handcreme verlangten.