Archiv für Oktober, 2009

Voll von der Rolle

Gemeinsam mit Studenten der Uni Karlsruhe entwickelte Hochschulassistent Matthias Michel eine Rolle, in der man wohnen kann. Im Interview erklärt er, wie das funktioniert – und warum darin manchmal alles Kopf steht.

Matthias, wie kommt man darauf, eine „Wohnrolle“ zu bauen?
Die Idee entstand im Rahmen eines Workshops der Fakultät für Architektur. Das Architekturstudium ist meistens sehr virtuell, da wird viel geplant, aber wenig realisiert. Außerdem sind mit diesen Plänen immer unheimlich viele Vorschriften und Regeln verbunden. Wir wollten uns davon mal freimachen. Unter dem Motto „Guerilla Housing“ haben wir die Studenten deshalb vor die Aufgabe gestellt, ein Wohnobjekt zu konzipieren, das ohne Grundstück auskommt. Man sollte damit binnen einer Nacht auf einer Grünfläche oder auch nur einem Parkplatz auftauchen und genauso schnell wieder verschwinden können. Das Besondere an „Rollit“ ist, dass diese liegende Tonne schon durch ihre Form anzeigt, dass sie nicht zum jeweiligen Ort gehört und jederzeit entfernbar ist.

So rum

„In mir kannst du wohnen!“ zeigt sie allerdings weniger an. Die Rolle hat einen Durchmesser von nur 2,5 Metern und ist gerade mal 3 Meter lang.
Stimmt! Das funktioniert nur mit dem richtigen Innenleben. In der äußeren Rolle sind noch einmal drei Räder drin, die gleichzeitig die Möbel sind. Es gibt ein Bett- und Schreibtischmöbel und eins mit Küche und WC, die man sich immer so zurecht drehen kann, wie man sie gerade braucht. Wenn ich die Küche benutzen will, drehe ich das Rad so, dass das Klo über mir hängt. Das dritte Möbel, in der Mitte, ist ganz frei, damit man sich auch mal bewegen kann. Sozusagen ein Laufrad.

Es gibt auch Schränke, zum Beispiel für Geschirr. Aber gehen die Teller nicht alle kaputt, sobald ich an der Küche drehe?
Das haben wir mit Containern gelöst, die auch rund sind und an denen ein Gewicht angebracht ist. So schauen sie immer nach oben, egal, wohin man das Rad dreht. Die eingebaute Toilette funktioniert genauso.

Und was ist, wenn ich mir abends mein Bett zurechtdrehe, einschlafe – und wegrolle?
Es gibt Holzblöcke, mit denen man die Rolle von außen befestigen kann. Wenn die natürlich ein gemeiner Jemand wegnimmt, könnte man schon wegrollen… Aber dadurch, dass das Bettmöbel ja auch drehbar ist, würde man es womöglich gar nicht merken! Im Idealfall zumindest.

Habt ihr denn schon in „Rollit“ geschlafen?

Nein, wir haben sie ja erst letzte Woche vorgestellt. Noch steht sie zur Besichtigung auf dem Campus. Aber demnächst werden Christian Zwick und Konstantin Jerabek, die das Ganze entworfen haben, dort auf jeden Fall mal probewohnen. Danach würden die Studenten gern ein paar Nächte darin versteigern. Wir möchten nämlich auch erforschen, wie man generell in dieser Enge leben kann. Zuerst müssen allerdings noch ein paar Details ausgebessert werden.

Anders rum

Wie lange hat es überhaupt gedauert, den Prototyp zu bauen?
Die zehn beteiligten Studenten haben im August angefangen. Insgesamt waren es wohl um die 1500 Arbeitsstunden.

War euch dabei nicht furchtbar schwindelig?
Oh ja, bei den Bauarbeiten hatten wir schon hin und wieder so eine Weltraumübelkeit, weil alles sich gleich drehte, sobald man sich bewegte. Inzwischen lassen sich aber alle Möbel fest verriegeln.

Aber jetzt mal ehrlich: Hat „Rollit“ eine ernstzunehmende Zukunft, oder wird der Prototyp ein Einzelstück bleiben?
„Rollit“ richtet sich vor allem an Studenten oder Praktikanten, Leute, die von hier auf gleich den Wohnort wechseln und dort eine Bleibe suchen müssen – aber sie oft nicht sofort finden. Natürlich können die es sich nicht leisten, eine „Rollit“ zu kaufen. Man könnte sie aber zum Beispiel vermieten. Das einzige Problem ist momentan noch, dass sie so schwer ist – die Tonne wiegt auch eine Tonne. Wir brauchen allein sechs Leute, um sie vom Anhänger zu wuchten. Da müsste man noch mal über andere Materialien nachdenken.

Wenn man „Rollit“ mal ausrollen würde, hätte man eine Fläche von 24 Quadratmetern, auf der alles untergebracht ist: Schlaf- und Arbeitsplatz, Kochstelle, Bad. Warum müssen Studentenbuden immer so klein und praktisch sein?
Die Faszination, mit Raum extrem ökonomisch umzugehen, ist etwas, das Bauen und Architektur seit Urzeiten begleitet. Was die Studenten betrifft, wird es gesellschaftlich einfach erwartet, dass sie eine gewisse Verzichtsbereitschaft während ihrer Ausbildung haben – dafür sind sie ja dann nachher mal besser gestellt. Darauf basiert auch das Bild des grundsätzlich armen Studenten. Trotzdem kann man sich in Deutschland eigentlich nicht beklagen. In osteuropäischen Studentenwohnheimen sieht es noch viel schlimmer aus.

Der Entstehungsprozess von “Rollit” haben die Studenten unter rollit-09.de dokumentiert.

jetzt.de, 29. Oktober 2009

Monooooopoly

Bjørn Halvard Knappskog, 19, ist der beste Monopoly-Spieler der Welt. Bei der Weltmeisterschaft in Las Vegas am vergangenen Donnerstag gewann er 20 580 Dollar – genau so viel, wie die Monopoly-Spielbank hergibt.

Bjørn, das WM-Finale, in dem du dich gegen Monopolymeister aus Russland, Neuseeland und den USA durchgesetzt hast, war nur 41 Minuten lang. Dauert Monopoly sonst nicht viel länger?
Das liegt daran, dass wir im Turnier die „Speed Die“-Variante gespielt haben. In dieser neuen Monopoly-Ausgabe kommt zu den beiden regulären Würfeln ein dritter hinzu, der verschiedene Funktionen hat. Alles in allem bekommt das Spiel dadurch mehr Action und Geschwindigkeit – ich spiele es nur noch so!

Wie bist du zur Weltmeisterschaft gekommen? Man plant doch nicht, Monopoly-Profi zu werden, oder?
Na, ich zumindest nicht! Schon als kleiner Junge habe ich das oft gespielt. Als mir ein Freund von der norwegischen Meisterschaft erzählte, dachte ich: warum nicht? Ich hatte dann eine richtige Glückssträhne und wurde Landesmeister. Allerdings hätte ich zu diesem Zeitpunkt nie gedacht, dass ich auch die Weltmeisterschaft gewinnen könnte.

Was gefällt dir so gut an dem Spiel?
Es ist einfach das großartigste Spiel, das es gibt – mit der perfekten Kombination aus Glück und Können. Andere Spiele, „Risiko“ zum Beispiel, sind aber auch nicht schlecht.
Aber sind Gesellschaftsspiele inzwischen nicht total out, wo es all die Konsolen und Computerspiele gibt?
Das finden viele Leute, vor allem die jüngeren. Aber für mich gibt es nichts Schöneres als mit Freunden oder der Familie ein Gesellschaftsspiel zu spielen, am liebsten im Winter, gemütlich vor dem Kamin… Es ist viel kommunikativer, und wenn man es mit gutem Essen kombiniert, kann man wirklich einen super Abend haben.

Du hast 20 580 Dollar gewonnen, genau so viel, wie in der üblichen Monopolybank drin ist. Kannst du mit echtem Geld ebenso gut umgehen wie mit Spielgeld?
Ich wünschte, ich könnte es! Man kann bei Monopoly viel übers Verhandeln und den Umgang mit Geld lernen, das ich sicher irgendwann mal gebrauchen kann. Tatsächlich habe ich mir schon das ein oder andere von dem Preisgeld gekauft, aber das meiste werde ich für später sparen.

jetzt.de, 28. Oktober 2009
Spiegel Online, 30. Oktober 2009

Netbooks in Paderborn

In Paderborn haben die Erstsemester ein ganz besonderes Willkommensgeschenk bekommen: ein Netbook. Der AStA vermutet allerdings, dass die mit Studiengebühren finanziert wurden.

Lina Bartusch freut sich. Die 19jährige studiert seit ein paar Wochen Medienwissenschaft an der Uni Paderborn und hat zur Begrüßung neben den üblichen Goodies noch ein ganz besonderes Geschenk von ihrer neuen Alma Mater bekommen: ein Netbook.

Lina und ihr Netbook

Diese Aktion solle das Leitbild der Uni, die „Universität der Informationsgesellschaft“ zu sein, unterstreichen, sagt Präsident Nikolaus Risch. Er wirbt nicht nur mit dem außergewöhnlichen Willkommensgeschenk, sondern auch mit einem neuen Content-Management-System, das auf dem Campus eingeführt wurde. „Das organisiert das gesamte Prüfungs- und Veranstaltungswesen für die Studierenden“, sagt er. „So gibt es kein Schlangestehen mehr vor den Prüfungsämtern.“

Dafür gibt es jetzt allerdings Schlangen in der einzigen Mensa der Uni. Um 41 Prozent ist die Zahl der Studienanfänger im Vergleich zum vorigen Wintersemester gestiegen. Es könne schon sein, dass der ein oder andere auch wegen der Netbooks da sei, sagt Risch.

Auch Lina kann sich das gut vorstellen. Sie selbst erfuhr von dem außergewöhnlichen Geschenk allerdings erst, als sie schon ihre Zulassung hatte – und einen nigelnagelneuen Laptop. Der steht jetzt Zuhause rum. „Das Netbook ist einfach viel praktischer“, sagt sie. „Weil es so klein ist, kann man es überall mit hinnehmen und hat immer gleich Zugriff aufs Intranet.“ Außerdem hat die Universität extra ein Netbook-Cafè eingerichtet, wo Hilfe bekommt, wer mal ein technisches Problem hat.

Trotzdem war Lina anfangs eher skeptisch. „Als ich es abholte, wurde mir gesagt, ich soll den Karton lieber verstecken, weil mich sonst alle böse angucken“, sagt sie. Die höheren Semester fänden es nämlich gar nicht so toll, dass die Erstis beschenkt werden und sie selbst leer ausgehen.

„Inzwischen nennen wir sie schon liebevoll unsere Dellis“, sagt Sonja Kiekens vom AStA in Anspielung auf den Hersteller der Geräte. Dass die höheren Semester sich ärgern, kann sie gut verstehen. „Natürlich ist das unfair, wenn die Neuen alle Netbooks kriegen und wir nicht“, sagt sie. Die meisten schiefen Blicke und stichelnden Sprüche seien aber eher scherzhaft gemeint.

Viel schlimmer findet sie, dass die Uni nun völlig überfüllt sei. „Die Netbooks sollten nicht nur das Image der Uni verbessern, sondern auch mehr Studenten anlocken“, da ist sie sich sicher. Tatsächlich sind jetzt 13 400 Studenten an der Uni eingeschrieben, fast so viele wie vor Einführung der Studiengebühren in Nordrhein-Westfalen. „Die Uni bekommt 1500 Euro pro Student“, sagt Kiekens. „Und um noch mehr zu kriegen, wurden nicht nur die Netbooks verschenkt, sondern auch NCs gesenkt oder ganz gestrichen.“

Was für die Studenten Überfüllung ist, nennt Unipräsident Risch „strategisch an die Grenzen gehen“. Er legt auch Wert darauf zu betonen, dass die eine Million Euro teure Aktion nicht von Studiengebühren, sondern von Sponsorengeldern bezahlt worden sei. „Eine Finanzierung durch Studiengebühren schließe ich so lange aus, wie unsere Studenten und AStA-Vetreter das nicht wollen“, sagt er.

Sonja Kiekens nimmt ihm das nicht ab. „An der Uni halten sich Gerüchte, dass da eben doch Gebühren im Spiel waren“, sagt sie. „Selbst Dozenten haben das schon angedeutet.“ Anfangs hätte es sogar geheißen, es gäbe einen großzügigen Sponsor, der ungenannt bleiben wolle. „Aber wie kann das sein, wo er doch so eine gute Publicity kriegt?“ Inzwischen werden auf der Uni-Website neben örtlichen Banken auch die Firma, die das neue Intranet entwickelte, und „Professoren und das Präsidium der Universität Paderborn, die aus privater Tasche ebenfalls einen Zuschuss leisten“ als Sponsoren genannt. Die Studenten bleiben trotzdem misstrauisch, vor allem, seit bekannt wurde, dass 24 Prozent der Studiengebühren in Paderborn einfach „verschwunden“ sind. Den schriftlichen Prüfungsbericht sowie die Stellungnahme des zuständigen Gremiums erklärte das Präsidium kurzerhand zur Verschlusssache, wie eine Lokalzeitung schreibt.

Lina Bartusch hat sich unterdessen damit abgefunden, dass sie mit ihrem blau leuchtenden Netbook immer gleich als Ersti zu identifizieren ist. „Das Gute ist ja, dass ich so auch immer gleich alle erkennen kann, denen es genauso geht wie mir.“

jetzt.de, 28. Oktober 2009

“Das Internet ist für euch wie die Luft zum Atmen”

Wer zu den „Digital Natives“ gehört, kann sich ein Leben ohne Web-Zugang nicht mehr vorstellen. Unseren Eltern macht das Angst – dem kanadischen Professor Don Tapscott macht es gute Laune

Der Kanadier Don Tapscott, Jahrgang 1947, ist wahrscheinlich einer dieser Männer, die man Internetguru nennen darf. Der Professor aus Montreal schrieb ein vielbeachtetes Buch darüber, wie das Wissen der Massen die Wirtschaft ändern kann. Dann erschien (bisher nur auf Englisch) “Grown Up Digital – How the Net Generation is Changing Your World”. Für das Buch hat er mehr als 11.000 Jugendliche und ihren Umgang mit neuen Medien beobachtet. Seine Schlüsse kommen all den Pessimisten in die Quere, die glauben, dass Jugendliche vor lauter SMS und Twitter und Sozialen Netzwerken nichts auf die Beine bringen. “Quatsch”, schreibt Tapscott in seinem Buch und sagt im jetzt.de-Gespräch, dass sich die „Digital Natives“ zur besten Generation aller Zeiten formen könnten.

Don Tapscott

Mister Tapscott, wenn ich, seit ich sieben Jahre alt bin, im Internet surfe, ein Weblog habe, twittere und in mehreren sozialen Netzwerken angemeldet bin – macht mich das zu einem Digital Native, also einem Eingeborenen des Web?
Ein Digital Native sind Sie, weil Sie mit dem Internet aufgewachsen sind. Dann ist das Internet für Sie wie die Luft zum Atmen. Digital Natives sitzen vor dem Computer und haben drei Programme geöffnet. Sie lesen drei verschiedene Blogs, telefonieren, hören gleichzeitig Musik und machen ihre Hausaufgaben.

Viele Eltern sind im Multitasking nicht so super und glauben, dass einen dieses Hin- und Herspringen kirre machen muss.
Ich kann es ja auch nicht! Aber die Gehirne der jungen Generation sind ganz anders entwickelt als unsere. Ich bin Teil der Baby Boomer-Generation. Als ich ein Kind war, lief 24 Stunden am Tag der Fernseher. Heute sind die Jugendlichen stattdessen online. Sie sitzen nicht passiv vor dem Bildschirm, sondern lesen, recherchieren, verarbeiten Informationen, erzählen ihre Geschichten. Digital Natives sind auch keine Multitasker, sie können aber schneller zwischen Tätigkeiten hin und her schalten.

Macht uns diese Fähigkeit schon zu Menschen, in die man ganz viel Hoffnung stecken kann?
Junge Leute können heute Informationen besser hinterfragen, sie sind gut darin, sie zu überprüfen und die verschiedenen Quellen zu verwalten. Sie sehen viel schneller, wo etwas nicht stimmt – zum Beispiel, wenn ein Foto bearbeitet wurde. Sie gehen ganz anders an Informationen heran. Ein Beispiel: Ich habe einen jungen Studenten kennengelernt, über den ich auch in meinem Buch schreibe. Er ist sehr engagiert und studiert inzwischen in Oxford. Er sagt, dass er niemals Bücher liest. Trotzdem weiß er, was drin steht – durch das Internet. Darüber regen sich viele ältere Leute auf…

Ist doch auch schade, wenn jemand gar keine Bücher mehr liest, oder?
In 50 Jahren wird niemand mehr Bücher lesen. Bücher sind lächerlich.

Sie schreiben selbst Bücher…
… und es ist lächerlich! Dieses Konzept ist völlig veraltet. Es wäre viel besser, wenn sie lauter Links und Multimedia-Inhalte hätten, die ständig aktualisiert würden. Aber: Was ich sage, gilt nur für Sachbücher. Mit Romanen ist das etwas anderes.

Ist unsere Generation Internet-süchtig?
Sie haben sich an die vielen Vorteile, die das Internet bietet, gewöhnt und nutzen sie entsprechend häufig. Ohne das Netz können Sie nicht mit Freunden kommunizieren, nicht produktiv sein, nicht auf Informationen zugreifen. Deshalb ist es auch so gefährlich, wenn man es aus der Schule und vom Arbeitsplatz verbannt. Sie haben die besten Werkzeuge, die jemals existierten. Sie kennen eine ganz neue Kultur der Innovation, der Vernetzung und der Geschwindigkeit. Und wir? Wir haben diesen Abwehrreflex. Wir versuchen, Sie zu kontrollieren und nehmen Ihnen ihre Werkzeuge weg! Es ist heute ganz normal, soziale Netzwerke auf Firmencomputern oder in Schulen zu sperren.

Das ist wohl der „digitale Graben“ zwischen jenen, die das Web natürlich nutzen und denen, die es noch kennenlernen müssen.
Ich nenne das die „Firewall zwischen den Generationen“.

Warum haben zum Beispiel unsere Eltern solche Vorbehalte gegenüber dem Internet?
Wir fürchten uns nun mal vor dem, was wir nicht kennen. Deshalb stellen wir den Computer eines 14jährigen ins Wohnzimmer, wo wir am besten auf ihn aufpassen können. Dabei hat er doch auch noch einen Computer in der Hosentasche! Und in der Schule! In Portugal bekommt jedes 12jährige Kind einen Laptop mit High-Speed-Internetzugang im Klassenraum.

Wir wissen, dass Sie für eine Bildungsreform sind. Aber mal ehrlich: Nur, weil man die Schulen mit modernster Technik ausstattet, lernen die Schüler doch nicht besser?
Es geht dabei nicht bloß um die Technologie. Es geht darum, interaktiv und in Gruppen zu arbeiten, wie es Jugendliche von klein auf gewohnt sind. Frontalunterricht soll angeblich zu jedem Schüler gleichermaßen passen, der Lehrer soll im Fokus stehen. Das mag in meiner Jugend funktioniert haben. Ich war immer nur der Empfänger – als Fernsehzuschauer, in der Schule, Zuhause, in der Kirche. Heute brauchen wir ein Modell, in dem beide Seiten voneinander lernen.

Was müssen wir machen, um die „Firewall“ zu überwinden?
In der kleinsten Institution, der Familie, müssen die Eltern anfangen, sich mit der digitalen Welt zu beschäftigen. Sie sollten sich in sozialen Netzwerken anmelden, Twitter und iPhones nutzen, um die Familie zusammenzubringen. In der Arbeitswelt war es bisher üblich, dass die Jungen von den Älteren lernten. Heute sollte das gleichberechtigt sein, denn die Älteren können auch viel von den Jungen lernen.

Sie wollen das Mentoren-Prinzip umkehren?
Hab’ ich schon. Ich habe drei Mitarbeiter, die alle Mitte 20 sind und mich auf dem neuesten Stand halten. Sie haben mich dazu gedrängt, einen Twitter-Account anzulegen. Ich wollte das erst nicht, weil ich es lächerlich fand . . .

Sie haben sich wahrscheinlich erstmal gefragt, was Ihnen das Twittern bringt, oder?
Genau! Meine Generation will erstmal eine Kosten-Nutzen-Analyse sehen. Die Jungen dagegen sind Digital Natives. Sie benutzen es einfach. Es ist wie Luft für sie.

Sie haben einmal gesagt, mit Barack Obama hätten die Digital Natives ihren ersten Präsidenten gewählt. Haben demnach die Digital Natives nun auch den Friedensnobelpreis bekommen? Seine „Graswurzelkampagne“ wäre ohne diese Generation ja nicht denkbar gewesen.
Barack Obama ist das erste Staatsoberhaupt weltweit, das verstanden hat, wie mächtig diese junge Generation ist. Also gab er ihnen das, was sie wollten: eine Plattform, auf der sie sich vernetzen konnten. Noch immer bekomme ich regelmäßig E-Mails von ihm, in denen er mich auffordert: „Spende! Beteilige dich! Veranstalte ein Treffen!“ Er verändert die Beziehung zwischen Volk und Regierung.

mit Peter Wagner
Süddeutsche Zeitung, 26. Oktober 2009

Wie es ist, als Eva Schulz im Netz unterwegs zu sein

Im Internet ergeben sich für Leute mit Nachnamen wie Müller, Schneider oder Schulz ganz neue Probleme. Für die, die einzigartig heißen, aber auch.

Früher war das noch nicht so schlimm. Da musste ich zwar manchmal beim Arzt etwas länger warten, bis sie mich aus all den Schulzens in ihrer Kartei herausgefischt hatten. Und am Telefon durfte ich der Versandhausfrau regelmäßig erklären, ob man das nun mit t oder ohne schreibt. (Ohne!) Aber sonst war mein Nachname kein großes Hindernis für mich.

Im Internet ist das anders. Wenn jemand mich bei Facebook finden will, muss er 42 Eva Schulz durchklicken, bei StudiVZ sogar 64. Und wer mich googlet, findet unter den 28 800 Ergebnissen auch noch eine freiberufliche Hebamme, eine Versicherungsmaklerin und eine NTV-Wetterfee, die inzwischen längst geheiratet und einen weniger Verwechslungsträchtigen Namen angenommen hat, deren unverheiratete Vergangenheit aber immer noch in Form von kurzen Bild.de-Nachrichten und YouTube-Videos durchs Netz schwirrt.

Das wahre Problem sind jedoch die E-Mailadressen. Eine kostenlose eva.schulz@irgendwas-Adresse zu finden, die noch frei ist, ist praktisch unmöglich. Web.de, GMX, Yahoo? Kann man vergessen. Ganz zu schweigen von Googlemail. Es gibt viel zu viele Eva Schulz, die schon vor mir wussten, dass man heutzutage eine seriöse vorname.nachname-E-Mailadresse braucht. Deshalb bin ich gezwungen, auf unseriöse Nicknames auszuweichen – und mal ehrlich, heute ist doch schon die schlichte Zahl hinter dem richtigen Namen, die einem Skype mitunter vorschlägt, unseriös, oder? Ganz zu schweigen von so geistreichen Einfällen wie „strawberry27“ oder „k.lauer“.

Wenn ich mich jetzt bei Skype, Ebay oder Amazon anmelde, probiere ich immer noch ganz naiv acht verschiedene Versionen meines richtigen Namens aus (Vorname und Nachname zusammen, mit Punkt, mit Unter- oder Bindestrich, und alles noch mal andersrum), um dann irgendwann genervt einen x-beliebigen Nickname einzutragen. Wenn ich mich allerdings Monate später mal wieder einloggen will, habe ich den längst vergessen und muss deshalb das viel zu umständliche Sicherheitsfragen-Verfahren starten. Das ist bei vergessenen Passwörtern kein Problem, bei vergessenen Namen und nicht vorhandenen E-Mailadressen wird es aber zur Tortur.

Dafür kann ich, nachdem diese einmal überwunden ist, dann aber endlich den Stempel versteigern, den ich neulich geschenkt bekommen habe. „Dieses Buch gehört: Eva Schultz“ steht da drauf. Irgendeine Eva Schultz wird’s in der großen weiten Webwelt schon geben, die den gern haben will.

(Sebastian Mraczny hat darauf auf jetzt.de geantwortet.)

jetzt.de, 22. Oktober 2009