Archiv für September, 2009

An Awesome Book

Eigentlich hatte er das Buch nur für seinen Sohn geschrieben. Dann verkaufte Dallas Clayton fast 20.000 Stück davon. Jetzt hat er angefangen, es zu verschenken.

Dallas auf Lesetour

“Es gibt zwei Arten von Träumen: Die, die du hast, wenn du schläfst, und die, die du hast, wenn du wach bist.” Mit diesen Worten beginnt ein kurzes Video, das Dallas Clayton ins Netz gestellt hat. Darin beschreibt Dallas Clayton die unglaubliche Geschichte von dem Buch, das eigentlich nur für seinen Sohn gedacht war – und von dem er inzwischen fast 20 000 Stück verkauft hat.

Dallas ist 29 Jahre alt und lebt in Los Angeles. Er verdient sein Geld mit dem Schreiben. Das hätte schon angefangen, als er 13 war, sagt er. “Damals schrieb ich kleine Hefte, voll mit kindischen Ideen, und verkaufte sie für einen Dollar pro Stück an Menschen auf der Straße.” Jetzt macht er die Sachen, die ihm Spaß machen, und dann noch die, die Geld bringen.

Er konnte nicht ahnen, dass er mit seinem Buch “An Awesome Book” beides vereinen würde. Es ist ein dünnes, kunterbuntes Buch, das ohne viele Worte auskommt. Darin beschreibt Dallas, dass die Leute heute von zueinander passenden Silberlöffeln oder einem neuen Hut träumten, anstatt von magischen Wassermelonenbooten oder von Autos, die man mit Bonbons antreiben kann. Manchmal, steht da zwischen lauter flatternden Dollarscheinen, träumten sie sogar Träume, die nicht mal ihre eigenen seien. “Das Buch soll die Leute daran erinnern, dass die fantastischen Träume, die wir im Schlaf haben, nicht enden müssen, nur, weil wir aufwachen.”

Als “An Awesome Book” fertig war, ließ Dallas eine kleine Auflage drucken und bot es für 15 Dollar im Internet an. Er nahm ein Video auf, nicht mal eine Minute lang, in dem er erklärt, dass dieses Buch wirklich das großartigste auf der ganzen Welt sei („nach der Bibel“), und baute es in seine Website ein. Sonst tat er eigentlich nicht viel. Trotzdem war die erste Auflage schon nach einer Woche vergriffen. Auf einmal gingen Bestellungen aus aller Welt ein, in Amerika, in Asien, Europa, überall wollte man sein Buch lesen.
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“Es muss ein bisschen wehtun”

Zum zweiten Mal veranstaltete die freie Künstlerin Alexandra Müller, 27, einen „Intimflohmarkt“ in Berlin. Hier wird nicht mit Geld, sondern mit persönlichen Geschichten bezahlt – über Kindheitserlebnisse, Mordfantasien und das erste Mal.

Alexandra, wie kommt man darauf, die Leute mit Geheimnissen anstatt mit Geld bezahlen zu lassen?
Alexandra Müller: Das Thema Datenschutz beschäftigt mich einfach sehr. Paybackkarten finde ich zum Beispiel ganz schrecklich, und auch im Internet ist das ja ein großes Thema. Man gibt ständig Daten von sich her, ohne darüber nachzudenken. Darauf wollte ich die Leute aufmerksam machen. Die Performance sollte aber auch einfach mal nicht mich, sondern die anderen in den Mittelpunkt stellen und sie so aus ihrem Alltag herausreißen.

Beschreib doch mal, wie so ein Intimflohmarkt aussieht.
Er dauert immer drei oder vier Wochen und findet in einer Galerie oder einem Kulturzentrum statt. Da präsentiere ich dann alle Produkte wie in einem normalen Geschäft. Die meisten wurden von Freunden und Bekannten extra für mein Projekt gespendet. Es sind vor allem Kleider, aber auch Bücher und typischer Trödel. Auf kleinen Schildern stehen die Preise.

Womit bezahlen die Leute wofür?
Ein Schwangerschaftsbadeanzug, Größe 36, kostete zum Beispiel sechs Minuten über ein wirklich fieses Kindheitserlebnis. Ein Pyjama war für sechs Minuten über erotische Träume zu haben und ein Lebkuchenherz für fünf Minuten über Mordfantasien. Ich versuche immer, mich von den Gegenständen inspirieren zu lassen und einen Preis zu finden, der zu ihnen passt.

Welches war denn dein bisher teuerstes Stück?
Ich hatte mal zwei wirklich schöne Winterjacken, die kosteten jeweils 20 Minuten über etwas, mit dem man zu kämpfen hat.

Und wie läuft die Bezahlung dann ab?
Das ist schon ein bisschen wie in einem Beichtstuhl. Ich verschwinde mit dem Käufer hinter einem weißen Vorhang, wo wir ungestört reden können. Meistens stelle ich eine Eingangsfrage und schaue dann, was passiert. Das ist sehr unterschiedlich: Manche Käufer können zehn Minuten am Stück reden, bei anderen muss ich mehrmals nachhaken und ihnen die Sachen regelrecht aus der Nase ziehen.

Die Leute erzählen dir ihre Geschichten nicht nur, sie sind auch damit einverstanden, dass du sie aufzeichnest und anschließend ein Hörspiel daraus machst, das 2010 im Radio gesendet wird. Findest du so viel Offenheit nicht beängstigend?
In diesem Rahmen finde ich es in Ordnung, schließlich werden die Geschichten ja nicht wirtschaftlich genutzt. Aber genau das will ich den Teilnehmern ja klarmachen: dass ihre Informationen einen Wert haben, heutzutage sogar schon eine Art Währung sind. Oft kippen die Gespräche an einer gewissen Stelle um, dann fangen die Leute an, mit sich selbst zu reden und ich bin gar nicht mehr wichtig. Sie machen eine sehr intime Erfahrung – das auszulösen finde ich schön. Und wenn jemand beim nächsten Mal im dm nein zu Paybackkarten sagt, ist das natürlich auch ein Erfolg.

Hast du nicht manchmal das Gefühl, dass jemand sich einfach etwas ausdenkt und dich anlügt?
Darüber habe ich zwar nachgedacht, aber ich habe das Gefühl, dass die Leute wirklich an dem Projekt interessiert sind und deshalb auch ehrlich antworten. Für die meisten ist es ein sehr interessantes Erlebnis. Aber wer so gut lügen kann, dass ich es nicht merke, hat sich sein Kleid oder den russischen Teelöffel auch verdient.

Gibt es eine Schmerzgrenze, ein Thema, über das niemand sprechen will?
Nein, zumindest nicht im Allgemeinen. Ich bin sowieso überrascht, wie viel die Leute von sich preisgeben, vor allem bei denen, die eher schüchtern aussehen. Die lachen dann allerdings viel, sie versuchen, den Ernst der Lage wegzulachen. Wenn ich merke, dass ein Käufer ab einem gewissen Punkt nicht mehr weitererzählen will, ist das für mich auch okay. Und wenn ein Thema überhaupt nicht geht, bin ich offen für Verhandlungen. Aber ein bisschen wehtun soll es schon.

Welcher Preis würde dir persönlich denn wehtun?
Es gab Schmuck, der hat ein paar Minuten über ein kleines schmutziges Geheimnis gekostet. Da hätte ich schon welche von diesen kleinen dunklen Sachen – die, die so lästig im Hinterkopf sitzen… Das wäre mir peinlich gewesen. Aber erzählt hätte ich es trotzdem!

jetzt.de, 28. September 2009

Autoscooter

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Das Leben ist kein Ponyhof

Schon wieder erscheint ein Buch über die Jugend von heute. Schon wieder steht nichts Neues drin.

Angestrichen:
“Dani dankt Jan für seine Liebe, Jan dankt Dani für ihre Liebe, Jana und Rike danken Nanette dafür, dass sie zum selben Mobilfunkanbieter gewechselt ist, um immer stundenlang kostenlos mit ihnen telefonieren zu können, Atina dankt Stephanie für ihre tiefe und enge Freundschaft, und Michael dankt seinen Eltern für deren Unterstützung und Vertrauen in all den Schuljahren.”

Wo steht das denn?
Auf Seite 115 von Lara Fritzsches Buch “Das Leben ist kein Ponyhof” über “die unbekannte Welt der Abiturienten”. Die Autorin, deren Abi selbst erst sechs Jahre zurückliegt, begleitet mehrere Kölner Gymnasiasten durch ihr letztes Schulhalbjahr und das, was danach kommt.

Dabei wird die Jugend von heute einmal ordentlich durchleuchtet und auf alle wichtigen Themen hin untersucht: Was halten die von der Bildungspolitik (nicht viel), wie ist das Verhältnis zu ihren Eltern (viel zu gut), wie stellen sie sich ihre Zukunft vor (zu viele Möglichkeiten). Es gibt typische Elternthemen (Flatrateparties) und typische Schülerthemen (dass man nämlich ständig den 2. Weltkrieg durchnimmt, aber nie das, was danach kam).

Besonders wichtig ist scheinbar das Thema Jugend und Internet. So hat jedes Kapitel einen Untertitel, der aus dem Namen einer populären SchülerVZ-Gruppe besteht, es werden die Chatgespräche der Protagonisten wiedergegeben und ihr Netzgebrauch ausführlich geschildert und analysiert. Das Problem ist nur, dass dabei nicht wirklich etwas Neues herauskommt. Das Ganze ist zwar sehr treffend beschrieben, fasst aber im Grunde nur die Diskussionen zusammen, die in den letzten Jahren in diversen Feuilletons und Talkshows geführt wurden.

Ebenso verhält es sich bei der Frage, warum Jugendliche heute nicht mehr rebellieren. Das endet wieder im Porträt einer pragmatischen Jugend, die vom sicheren Job und heiler Familie träumt.

Einzig bei Themen wie Sex, Beziehungen und dem Verhältnis zum eigenen Körper wird der Leser überrascht – weil die Aussagen so extrem sind. Da ist von Gruppen- und ungeschütztem Disko-Sex die Rede, von One Night Stands und Brust-OPs. Das sei eben “wilder Partysex”, nicht zu vergleichen mit “zärtlichem Pärchensex”. Man fragt sich dann, ob die Protagonisten wirklich so repräsentativ sind für ihre Generation.

Mehrfach entsteht der Eindruck, dass es sich bei ihnen bloß um die “Coolen” handelt, diese besondere Clique, die in der Oberstufenhackordnung ganz oben stehen. Wo bleiben die anderen, die Streber, die Nerds, die Normalos? Sie werden nebenbei und viel zu kurz abgehandelt. Wahrscheinlich waren sie einfach nicht spannend genug.

Dieser Eindruck verstärkt sich, wenn man ganz am Ende des Buches den viel zu klein gedruckten Hinweis darauf findet, dass die Autorin an verschiedenen Schulen recherchiert und ihre Charaktere “in ihren persönlichen Merkmalen typisiert” hat. Im Einband wird noch vorgegaukelt, Fritzsche habe lediglich eine Abschlussklasse begleitet. Wie viel Sachbuch kann das dann noch sein?

Letztendlich ist “Das Leben ist kein Ponyhof” eine leicht wegzulesende Generationenstudie, die für all jene, die dieser Generation angehören, zwar keine Neuigkeiten enthält, wohl aber die Gelegenheit, sich noch mal in die eigene Abizeit zurückzuversetzen. Bleibt nur die Frage, ob man das überhaupt will.

Steht im Regal zwischen:

“Generation Internet – die Digital Natives” von John Palfrey und Urs Gasser und dem Spiegel Special “Wir Krisenkinder: Das Selbstporträt einer Generation”.

“Das Leben ist kein Ponyhof – die unbekannte Welt der Abiturienten” von Lara Fritzsche, erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 215 Seiten, 17,95 Euro

jetzt.de, 25. September 2009

Wii die Enkel

Josef und Markus bringen die Kegelbahn ins Altenheim – auf einer Spielkonsole

Zwei Mal lässt Frau Schülgen, 73, die Kugel fallen, aber beim dritten Anlauf schafft sie es: Die Kugel gleitet die Bahn entlang und dann, peng!, krachen die Pins um. „Alle Neune!“, ruft Frau Goller, 95, begeistert, dabei sind es eigentlich sogar zehn. Denn die beiden Damen spielen Bowling.

Zusammen mit weiteren Mitbewohnern des Seniorenwohnheims Nymphenburg haben sie sich im Gemeinschaftsraum versammelt und schieben nun eine ruhige Kugel nach der anderen – auf der Leinwand. Die Spielekonsole „Wii“ macht es möglich. Richtiges Bowling, das ginge nicht, „dafür sind wir zu alt“, sagt Frau Goller. Aber mit der Konsole, die ja eigentlich auch eher für die Jungen gedacht ist, klappts.

Organisiert haben das Josef Kiener, 34, und Markus Deindl, 26. Die beiden studieren Soziale Arbeit an der FH München und wollten in ihrem Praxissemester ein Projekt mit Senioren machen, „weil sonst immer alle nur mit Kindern und Jugendlichen arbeiten“, wie Josef erklärt.

Als Markus sich vor zwei Jahren eine „Wii“ kaufte und mit seinem Bruder spielte, wurde die Oma neugierig. „Ich war überrascht, wie schnell sie das System verstand und dann mit uns Bowling, Tennis oder Golf spielte“, sagt Markus. Wenn meine Oma das kann, dachte er, dann können das auch andere. Zusammen mit Josef zog er los. Allein im letzten Jahr besuchten sie 60 Altenheime in elf Städten und veranstalteten dort die deutsche Seniorenmeisterschaft im „Wii“-Bowling. Sie wollen den Gemeinschaftssinn der alten Menschen stärken, ihnen helfen, ihre motorischen Fähigkeiten zu trainieren, und ihnen nicht zuletzt die Angst vor der Technik nehmen.

Im Wohnheim Nymphenburg funktioniert das auf Anhieb. Interessiert schauen die Senioren sich einen Werbefilm an und lassen sich dann bereitwillig die weißen Fernbedienungen ans Handgelenk schnallen. Als Markus erklärt, dass die besten drei am Ende eine Medaille bekommen, wird gelacht. Ein Wettbewerb, das finden sie lustig.

Konkurrenz gibt es normalerweise nicht im Seniorenheim. Deswegen wird auch nicht hämisch gelacht, als Frau Halseband das mit dem Knopfdrücken und wieder Loslassen nicht gleich versteht. Oder als Frau Hahn sich in der ersten Runde lieber mit einer Hand an ihrem Rollator festhält, weil sie noch nicht einschätzen kann, wie das beim Ausholen mit dem Gleichgewicht ist. „Sie können sich auch an uns festhalten“, sagt Markus, „dafür sind wir ja da.“ Auch Rollstuhlfahrern und Demenzkranken haben die Studenten schon Bowling beigebracht. „Aus dem meisten Veranstaltungen werden die herausgehalten, weil sie motorisch oder geistig nicht dazu in der Lage sind“, sagt Josef. „Aber bei uns kann wirklich jeder mitmachen.“ Tatsächlich haben die alten Herrschaften den Dreh schnell raus. Nachdem das mit dem Knopfdrücken geklärt ist, fallen reihenweise Spares und Strikes. Dann wird applaudiert und gelobt, aber es ist doch anders als beim normalen Spieleabend unter Freunden. Langsamer, bedächtiger und auch nicht ganz so spannend.

Den Senioren jedoch macht es auf jeden Fall Spaß. „Das ist doch ganz nett“, sagen viele und Frau Goller freut sich auch: „Es ist mal was anderes, da kann man sich beweisen, dass man noch was drauf hat.“ Sonst macht sie nämlich nur einen Zeichenkurs und die immer gleiche Gymnastik, die das Wohnheim nachmittags anbietet.

Markus und Josef machen den Alltag im Seniorenheim etwas bunter – dazu sind manchmal ihre Überredungskünste gefragt. „In München mussten wir 20 Einrichtungen anrufen, ehe wir fünf hatten, die mitmachen wollten“, sagt Josef. „Das alte Vorurteil, dass Senioren und Technik nicht zusammengehen, gibt es oft selbst bei den Angestellten noch.“ In anderen Städten sei man da aufgeschlossener.

So gründete ein Kölner Heim extra eine Mannschaft. Ein halbes Jahr lang trainierten sie dort zwei Mal die Woche, um den Meisterschaftspokal zu holen. „Die hätten sogar mich abgezockt“, sagt Markus und grinst.

Inzwischen haben die beiden auch Anfragen von Heimen aus kleineren Städten und sogar aus der Schweiz und Österreich, die an der Meisterschaft teilnehmen wollen. Aber dazu fehlen ihnen Zeit und Geld. Erstmal schreiben sie jetzt ihre Bachelorarbeit über die zockenden Senioren. „Danach würden wir die Meisterschaft gern bundesweit etablieren“, sagt Josef.

Die Münchner Senioren sind jedenfalls begeistert. Am Ende schafft Frau Hahn es sogar ganz ohne den Rollator – obwohl es nach zehn Runden dann „doch ein bisschen anstrengend“ wird. „Dass man so viel Kraft braucht, hätte ich nicht gedacht“, sagt Frau Goller, „dabei bin ich doch gar nicht so schwach.“ Trotzdem ist sie fest entschlossen, weiter zu üben. Frau Schülgen will auch mitmachen, schließlich hat sie hat die Medaille für den zweiten Platz gewonnen. „Wie teuer ist das denn? Lasst uns doch zusammenlegen!“

Süddeutsche Zeitung, 22. September 2009