
Archiv für August, 2009
Beim Leben meiner Schwester
“Es macht mir nichts, dass meine Krankheit mich zerstört, aber sie zerstört auch meine Familie.”
Manchmal ist das ja so, da braucht man eine bestimmte Sorte Film. Ich habe zum Beispiel hin und wieder ganz plötzlich Lust auf einen typischen Hollywood-Liebesfilm. Dann schaue ich mir “E-Mail für dich” an oder “Während du schliefst” oder “Was das Herz begehrt”. Andere Leute haben das mit traurigen Filmen. Solche, bei denen man die ganzen anderthalb (oder bei dem Genre auch gerne mal zwei oder sogar zweieinhalb) Stunden lang weiß, dass es nicht gut ausgehen kann, und die schon auf dem Weg zu ihrem schrecklichen Ende mit lauter Heulszenen gespickt sind.
Ich sehe sowas ja nicht so gern – aber der Trailer zu “Beim Leben meiner Schwester” war einfach zu gut. Außerdem mag ich Abigail Breslin, die junge Hauptdarstellerin, und wollte wissen, wie Cameron Diaz sich in ihrer ersten Mutterrolle macht.
Wie sich herausstellte, ist “Beim Leben meiner Schwester” ein ziemlich guter trauriger Film, wenn man bedenkt, dass er fürs Mainstreamkino gemacht wurde. Es geht um Familie Fitzgerald, deren ältere Tochter Kate (sehr toll: Sofia Vassilieva) schon als kleines Mädchen an Leukämie erkrankte. Daraufhin entschieden ihre Eltern, künstlich ein drittes Kind zu zeugen, um Kate mit Knochenmark, Blut und Zellen versorgen zu können. Inzwischen ist Anna (genauso toll: Abigail Breslin) ein Teenager, und als sie Kate auch noch eine Niere spenden soll, beschließt sie, ihre Eltern auf das Recht an ihrem Körper zu verklagen.
Hier kommen Alec Baldwin als Staranwalt und Joan Cusack als Richterin ins Spiel, die jedoch Nebenfiguren bleiben sollen. Der Film hält sich nämlich gar nicht lange mit dieser hochkomplizierten moralischen Frage auf (Darf Anna sich einfach weigern, ihrer Schwester zu helfen, und sie so zum Tode verurteilen?), sondern geht dazu über, ein sehr amerikanisches Porträt dieser Familie zu zeichnen.
Was mir so gut gefallen hat, ist, dass dabei nicht das übliche 08/15-Muster verwendet wurde, sondern Regisseur Nick Cassavetes (der den Heulfilmfans seit “Wie ein einziger Tag” ein Begriff sein dürfte) ein paar schöne Ideen eingebracht hat. So wird im Laufe der zahlreichen Rückblenden, die Kates Krankheitsverlauf schildern, jedes Familienmitglied mal zum Erzähler und darf die eigene Sicht der Dinge beschreiben. Zudem beschränkt sich die Story nicht darauf, bloß das Leben der Familie mit dem Krebs zu zeigen. Obwohl das natürlich einen großen Teil ausmacht und an rührseligen Luftblasen-/Strand-/Glatzenszenen nicht gespart wird, werden auch andere Dinge wie die schulischen Schwierigkeiten des Bruders und die Beziehungsprobleme der Eltern beleuchtet.
Das macht “Beim Leben meiner Schwester” zu einem guten Mainstream-Heulfilm, der sich von all den anderen durch seine Vielschichtigkeit, sein überraschendes Ende und vor allem seine wunderbaren Jungschauspieler abhebt, die ihre “Mama” Cameron Diaz locker in den Schatten stellen.
Was die Zukunft bringt (außer noch mehr Schokomüsli)
In diesen Tagen verschicken Deutschlands Unis die Zu- und Absagen und ich finde das sehr spannend. Binnen eineinhalb Wochen entscheidet sich, wo meine ehemaligen Mitschüler ihre nächsten drei, vier, fünf Jahre verbringen werden, wer sich noch oft sehen und wer sich bald aus den Augen verlieren wird. Bei manchen entscheidet sich sogar erst mit der Zusage, welches Fach sie überhaupt studieren. Was für eine aufregende Zeit das sein muss!
Ich habe meine Zusage bekommen, bevor ich mein Abitur hatte, was irgendwie nicht richtig rum ist. Ich überlegte kurz, ob ich jetzt überhaupt noch für die mündliche Prüfung lernen sollte, und entschied mich dann dafür, es könnte schließlich immer noch etwas dazwischen kommen.
Obwohl also die Reihenfolge verkehrt war, war es doch sehr schön und fast wie in Amerika oder zumindest wie in all den amerikanischen Serien. Meine Eltern hatten mich zum Auswahltag begleitet und dabei auch zum ersten Mal den Campus gesehen. Das Tolle war, dass sie gleich genauso überzeugt waren wie ich, dass diese eine Uni am allerbesten zu mir passt.
Deshalb warteten wir alle in den Wochen danach jeden Tag gespannt auf Post, und ich hoffte hoffte hoffte, es würde ein großer Umschlag sein, wie in Amerika. Es waren auch tolle Tage, weil ich das Lernen für die Mündliche vor mir herschob (ich hatte gerade einen anstrengenden Auswahltag hinter mich gebracht!) und stattdessen lieber viel Schokomüsli aß und morgens lange schlief.
An einem Morgen weckten mich meine Eltern, die gerade frühstückten, als die Post kam. Es war ein Brief von meiner Uni dabei, und es war ein großer Umschlag. Obwohl man dann schon weiß, dass es eine Zusage sein muss – warum sollte eine Absage, ein einzelnes, sehr hässliches Blatt Papier, schließlich in einem DIN A4-Umschlag kommen? -, ist man beim Öffnen noch unheimlich aufgeregt. Es war wirklich wie bei den “Gilmore Girls” und ich hoffe, dass alle meine Mitschüler ihre Zusagen auch in so einem schönen Moment öffnen, morgens um neun, im Schlafanzug, am Frühstückstisch.
Wunderbarerweise sind an meiner Uni nicht nur die Zusagen amerikanisch, sondern auch die Semesterzeiten. So konnte ich, als auf einmal die Redaktion von jetzt.de anrief und fragte, ob ich in München studieren (nein!?) und für sie arbeiten wolle (ja!), meinen Studienbeginn einfach auf Januar verschieben.
Nun hatte ich also eine Unizusage und einen Job. Ich überlegte kurz, ob ich jetzt überhaupt noch für die mündliche Prüfung lernen sollte, und entschied mich dann dafür, es könnte schließlich immer noch etwas dazwischen kommen.
Inzwischen habe ich eine Unizusage, einen Job und mein Abitur. Ich bin immer noch nicht ganz einverstanden mit der Reihenfolge, und ich weiß noch nicht, wo ich wohnen werde – weder in München, noch in Friedrichshafen.
Aber ich habe beschlossen, die letzten zwei Wochen, die ich Zuhause bin, mit viel Schokomüsli und lange Ausschlafen zu verbringen. Achja, und ich versuche, Kochen, Waschen, Bügeln, Schminken, Spanisch und weitere Dinge, die ich mal gebrauchen könnte, zu lernen. Es kann schließlich immer noch etwas dazwischen kommen.
Nach Hause
Heute ist es schon wieder so kalt. Es gibt keine Thermometer, deswegen weiß ich nicht, ob es 22 Grad sind oder 15, die auf einmal kalt für mich bedeuten. Aber seit Tagen ziehe ich schon morgens lange Hosen und meine Regenjacke an, wenn ich aus dem Haus gehe. Mit dem “Weihnachtswetter”, das wir noch vor einer Woche hatten, ist es vorbei.
Meine Sandalen trage ich trotzdem noch. Seit meinem ersten Regenzeitregen hatte ich – außer im Wald oder am Strand – nichts anderes mehr an. Inzwischen haben sich die Lederriemen so gedehnt, dass ich wie ein Pferd im Tölt laufen müsste, damit die dünnen Sohlen nicht bei jeden Schritt über den Boden schleifen. Schlapp, schlapp, schlapp bahne ich mir den Weg zum Bus.
Auf der Fahrt fällt mir indessen immer stärker auf, wie fremd ich hier bin und aussehe, mit meiner hellen Haut und den roten Haaren. Rote Haare sind hier so selten, dass ich drei Sprachlehrer fragen musste, ehe einer das Wort für “rothaarig” (pelirroja) kannte.
Ich glaube, dieses Land ist allmählich bereit, mich wieder auszuspucken. Und ich bin auch bereit. Die Zeit hier war ganz wunderbar, aber wenn ich in zwei Listen aufschreibe, was ich an Costa Rica vermissen werde und was ich an Deutschland vermisse, dann ist letztere deutlich länger.
Wie in fast jedem anderen Land vermisse ich richtiges deutsches Brot. Im Supermarkt von Tamarindo gab es ein Regal mit Brot aus der einzigen deutschen Bäckerei Costa Ricas, aber selbst das war merkwürdig pappig und geschmacklos (wahrscheinlich lag es da schon etwas länger, weil außer mir niemand in Tamarindo deutsches Brot kauft). Und dieses Brot (ganz zu schweigen von Brötchen..) möchte ich dann ein paar Stunden lang offen herumliegen lassen können, ohne dass es gleich von einer Armada winzig kleiner Insekten befallen wird.
Ich vermisse Umlaute auf der Tastatur und die 110 zusätzlichen Volt, die meinem Fön zuhause so viel Power geben. Ich vermisse die starken deutschen Klospülungen, die auch mit Klopapier klarkommen, sodass man es nicht in einem extra Mülleimer entsorgen muss. Ich vermisse mein Fenster, das aus einer einzigen Scheibe besteht und nicht aus zehn breiten, durch die sich morgens um sechs (!) eine dicke Katze in mein Zimmer quetscht.
Das sind Luxusprobleme, ich weiß. Aber die Costaricaner leben hier auch im Luxus: In San José sieht man ganz am Ende immer die Berge, egal, wo man hinsieht. Binnen zwei Stunden kann man an einem der schönsten Postkartenstrände sein und all die Paradiesvögel beobachten. Das Essen ist hier, abgesehen von Reis und Bohnen zum Frühstück, toll, weil es immer neue, exotische Früchte zu probieren gibt. Und sie haben – angeblich – den besten Kaffee der Welt. Das sind die Dinge, die ich an Costa Rica vermissen werde. (Außer dem Kaffee. Der ist mir egal.)
Aber ich habe das alles in den vergangenen vier Wochen zu Genüge genossen, um jetzt meinen Wecker zufrieden auf 5 Uhr 15 (de la manana!) stellen zu können und mich dann morgen endlich auf den langen Weg nach Hause zu machen. Haltet schonmal die Brötchen bereit!



Kommentiert
Amelie: So wahr, das brachte mich gerade zum lachen :)
Claudia: Wie bedeutungslos wären manche Menschen ohne Facebook… (:-/
Roman: Den Nagel auf den Kopf getroffen. Danke dafür, liebe Eva.
Marc vm: Dann schiess mal los :)