Archiv für Juni, 2009

“Wir wollen keine Helden sein”

Alte Menschen zum Arzt fahren oder in Afghanistan den Terror bekämpfen? Im Interview erklären zwei junge Wehrpflichtige ihre Entscheidung.

Michael von Höfen, 19, und Simon Storcks, 19, gehen seit Jahren gemeinsam auf unsere Schule und machen im Mai ihr Abitur. Danach trennen sich ihre Wege auf drastische Weise: Simon wird daheim in Ramsdorf seinen Zivildienst in einem Altenheim leisten. Michael hat sich als Offizier bei der Bundeswehr verpflichtet. Nach der üblichen Grundausbildung und einem Studium muss er noch mindestens acht Jahre als Soldat arbeiten – auch in Afghanistan.

Michael trägt eine Waffe

Momentan sind etwa 3600 deutsche Soldaten in Afghanistan stationiert, vor kurzem wurde noch mal aufgestockt. Was haltet ihr davon?

Simon: Ich finde diesen Krieg überhaupt nicht gerechtfertigt, vor allem, weil er sich so stark auf die Zivilbevölkerung auswirkt. Alles wird zerstört, Menschen verlieren ihre Familien.

Michael: Du musst das so sehen: Als Soldaten sind wir dort ja nicht, um Krieg zu führen, sondern um den Frieden zu verteidigen. Indem wir in Afghanistan den Terror bekämpfen, sorgen wir dafür, dass Deutschland so sicher wie möglich ist.

War die Friedenssicherung auch der Grund, warum du dich freiwillig zum Kriegsdienst gemeldet hast?

Michael:
Das war ein Aspekt von vielen. Ich mache es aber nicht nur aus idealistischen Gründen, sondern sehe auch viele Vorteile für mich darin. Ich kriege ein gutes Gehalt und kann nicht einfach gekündigt werden. So kann ich mein Studium ganz in Ruhe absolvieren.

Wie viel verdienst du denn?

Michael: Während des Studiums bekomme ich monatlich etwa 1400 Euro. Die Bundeswehr gibt mir auch noch was für Wohnung und Essen dazu.

Simon, wie viel wirst du verdienen?

Simon: Ich kriege pro Tag ungefähr zehn Euro und ebenfalls Wohn- und Essensgeld. Das läuft im Monat aber gerade mal auf 300 bis 500 Euro hinaus.

Welche Gründe hast du in deiner Kriegsdienstverweigerung angegeben?

Simon: Gewissensgründe natürlich. Als Wehrdienstleistender muss man zwar nicht in den Krieg, aber man wird zum Soldaten ausgebildet. Und ein Soldat zu sein und davon auszugehen, jemanden zu erschießen, das könnte ich mit meinem Gewissen nicht vereinbaren.

Michael: Das ist für mich ganz klar: Wenn es sein muss, dann würde ich auch schießen.

Simon: Aber könntest du es verkraften, wenn ein Kind in Afghanistan vor deinen Augen seine Mutter verliert? Ich könnte das nicht!

Michael: Das kann ich nicht wissen, weil ich es nie erlebt habe, und ich hoffe auch, dass es nie dazu kommt. Mit dem Risiko muss ich aber leben.
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Ich habe meine Leidenschaft für Architekturfotografie entdeckt (2)

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Wir suchten das Stedelijk Museum und fanden: die allertollste Bibliothek. Herrlich modern ausgestattet, mit zig Macs und lauter gemütlichen Sitz- und Liegegelegenheiten, lädt sie zum Blättern, Lesen, Herumhängen ein – oder zum Lauschen: Nur, wer genau hinhört, kann die verschiedenen Klangwelten dieses im ersten Moment so ruhig erscheinenden Gebäudes erkennen. Da dringt fröhliches Lachen aus dem untersten Stock, wo sich die kunterbunte Kinderabteilung befindet, und klassische Musik aus einer Ecke im Foyer, wo die Besucher per Schild dazu aufgefordert werden, das schwarz lackierte Klavier zu bespielen.

Über eine Stunde lang schlenderten wir dort herum, machten kleine Entdeckungen – zum Beispiel die Leseecke mit den antiken Holzmöbeln inmitten der weißen Regale – und legten uns immer wieder für einen kurzen Moment zwischen die Bücher, um diese ganz besondere Luft zu atmen.

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“Ich will auch so einen Grachtengürtel!”

Die Reise nach Amsterdam war als kurzer Endlich-ist-alles-vorbei-Shopping-Trip geplant. Aber Shopping im Regen – das funktioniert irgendwie nicht. So strichen wir einen Tag lang ziellos durch die Straßen, erst auf der Suche nach einem Parkplatz (vergeblich), später auf der Suche nach Anziehsachen, Abiballschuhen, schönen Dingen (auch vergeblich).

Klischeeamsterdam: Fahrräder, Grachten, schöne Giebel

Abends fanden wir aber etwas, das das alles wieder gut machte: das Theater Kuschinski, ein altehrwürdiges Kino, in dem früher die Dietrich, die Piaf, die Garland Konzerte gaben. Es ist herrlich plüschig und hat lauter Türen, die von den oberen Rängen nach draußen auf den Gang führen, wie man es aus den 30er-Jahre-Filmen kennt. Wir schauten uns einen amerikanischen Film mit holländischen Untertiteln an. Immer, wenn die Darsteller “fuck!” riefen, stand da unten “Verdomme!” – es war ein herrlicher Spaß.

Am nächsten Tag regnete es immer noch. So sahen wir die vielen schönen Gassen, die zwischen den Grachten und den Häusern mit den tollen Giebeln herführten, bloß im ungemütlichen Schnelldurchlauf. Dagegen half nur eine ganz touristische Grachtenfahrt. Die war aber gut, denn in dem Kutter war es warm und wir lernten, warum die Häuser in Amsterdam so schmal und schief sind.

Wir waren auch im Anne Frank Huis, wo Annes Aufkleber noch an den Wänden kleben und man sich vor der steilen Treppe erschreckt. Noch mehr überraschten mich aber die Videos, in denen Zeitzeugen von Anne erzählen. Da wird klar, dass es noch eine andere Anne gab als die, die uns immer so lieb von den Buchcovern anlächelt.

Dieses Museum, das Kino und, ja, auch die Grachtenfahrt kann ich also nur empfehlen, falls ihr mal an einem verregneten Wochenende nach Amsterdam kommt. Wir haben noch mehr entdeckt: eine wunderbare Bibliothek und eine außergewöhnliche Ausstellung… Davon dann demnächst.

Vom Glück in vollen Zügen

Heute Nachmittag, im ICE von München nach Essen, habe ich ein kleines bisschen lebendige Poesie erlebt. Ich saß in einem Abteil, so einem abgesonderten Raum mit nur sechs Sitzplätzen, weil ich dieses gemütliche und irgendwie altertümliche Gefühl mag, das sich dann einstellt. Man kann die Menschen besser beobachten, wenn man da sitzt.

Aber heute war ich zu faul zum Beobachten. Es war stickig, weil die Klimaanlage ausgefallen war, und meine Hände klebten, aber ich war sogar zu faul, aufzustehen und sie mir zu waschen. Das Sudoku auf meinem Schoß lag da jetzt seit einer Stunde, ich war zu faul für Zahlen. Ich war zu faul zu lesen und zu schreiben, eigentlich war ich sogar zu faul, Musik zu hören. So hab ich mich in meinem Sitz herumgedrückt und versucht zu dösen, aber in einem Zug bekommt man dabei statt Schlaf höchstens eine Nackenstarre.

Mir gegenüber saß ein junger Mann mit einer Bahncard 100. Er las ein Buch, das “2012″ hieß und ich dachte noch, dieses Buch muss doch sehr alt sein, wer schreibt schon heute, 2009, noch ein Buch, das er dann “2012″ nennt. Jedenfalls, der Leser des Buches erinnerte mich an den einarmigen Gemüseverkäufer aus der fabelhaften Welt der Amelie. Er hatte so ein Gesicht und verhielt sich auch ein wenig so, er hob selten den Blick.

Neben ihm saß eine Frau mit langen dunklen Haaren. Sie schlief die meiste Zeit (oder tat so), und zwischendurch las sie ein Buch, das hieß “Fleißige Frauen arbeiten, schlaue steigen auf”. Über diesen Titel habe ich nicht weiter nachgedacht.

Auf der anderen Seite des Gemüseverkäufers saß auch ein Mann, er sagte nett “Guten Tag” und “Gesundheit!” und “schönes Wochenende” und las den Stern. Der Stern titelt “Macht & Amore”, es geht um Silvio Berlusconi und junge hübsche Frauen. Ich dachte über den Stern nach und dass ich ihn nicht lesen will.

Ich glaube, ich habe diese Menschen doch beobachtet, aber nur oberflächlich. Ich habe mir nicht vorgestellt, welchen Beruf sie haben, oder wie sie wohnen und mit wem. Dazu war ich zu faul, ja, eigentlich war ich gar nicht in der Verfassung, in einem Abteil zu sitzen.

Als wir in den Nürnberger Bahnhof einfuhren und der Gemüseverkäufer aufstand, dachte ich deshalb nur, “das ist gut”, weil ich keine Lust mehr hatte auf das volle Abteil. In dem Moment, er war schon fast aus der Tür, legte er etwas Grünes auf das Sudoku in meinem Schoß.

Ich hab “danke” gesagt und er lächelte, aber da war er eigentlich schon weg. Draußen lief er die Treppe herunter, und auf meinen Knien lag dieses wirklich große, wirklich grüne vierblättrige Kleeblatt. Das erste in meinem Leben übrigens.