“Machen wir uns gerade strafbar?” – “Nein, das nennt man Spitzenjournalismus.”
In Hamburg habe ich einen Workshop bei Spiegel-Redakteur Jürgen Dahlkamp besucht, der uns erzählt hat, wie investigativer Journalismus geht. Das klang zwar reizvoll, aber nicht gerade spannend. Eher nach ziemlich viel Aktendurchsicht, Telefoniererei und langen Wartezeiten. Ein ganz anderes Bild entwirft da “State of Play”, ein toller Thriller, der zwei Washingtoner Journalisten beim Aufdecken eines politischen Komplotts begleitet.
Alles fängt mit zwei Morden an: Der eine, in einem Hinterhof, weckt das Interesse des Journalisten Cal McAffrey (Russell Crowe). Mit seinem Bauchansatz, den ungepflegten Haaren und seiner cool-dreisten Art entspricht er ganz dem üblichen Klischee des verlotterten Reporters. Der andere Mord geschieht an der jungen Assistentin des Kongressabgeordneten Stephen Collins (wunderbar glatt: Ben Affleck), die gerade mit Ermittlungen gegen einen großen Konzern beschäftigt war. Wie sich bald herausstellt, hatte sie auch noch eine Affäre mit ihrem Chef – genau der richtige Stoff für das Politblog von Della Frye (Rachel McAdams), Cals junger Kollegin aus dem Online-Ressort des “Washington Globe”.
Als klar wird, dass die beiden Morde irgendwie zusammenhängen, treffen Print- und Onlinejournalismus aufeinander. Dieses Thema hat Regisseur Kevin Macdonald ganz bewusst gesetzt. Ihm ging es um die Frage, wie die Zukunft des Journalismus aussieht – und sein Film regt tatsächlich zum Nachdenken an. Doch nicht nur die Kluft zwischen Print und Online wird thematisiert (zum ersten Mal werden hier übrigens Web- statt Titelseiten abgefilmt, um die neuesten Schlagzeilen zu zeigen), sondern auch das Massensterben der amerikanischen Zeitungen. Helen Mirren verkörpert dieses Dilemma ganz wunderbar als toughe Chefredakteurin, die hin- und hergerissen ist zwischen Auflage und Qualität.
Selten schafft es ein Thriller, neben seiner eigentlichen Handlung ein solches Thema anzugehen – noch dazu so ausführlich. Doch damit nicht genug. Weitere Fragen, die bis zum Ende offen bleiben, drehen sich um Krieg: Wer profitiert von den Unruhen in Afrika? Wer finanziert sie? Und wieso stoppt das niemand?
Neben dem Szenenbild, das vor allem die Atmosphäre in der Globe-Redaktion sehr gut vermittelt, sind auch ie Schauspieler in “State of Play” durch die Bank toll. Sie schaffen es auffallend schnell, das Beziehungsgeflecht der Charaktere untereinander zu verdeutlichen: Die Skepsis der jungen Bloggerin gegenüber dem alten Hasen, dessen Hassliebe zu seiner Chefin und nicht zuletzt seine vielen Flirts mit Informanten, Kommissaren, Pathologinnen, die dem Zuschauer ein anerkennendes Grinsen entlocken.
Am fragwürdigsten ist aber wohl Cals Freundschaft mit dem Abgeordneten, über den er nun berichten muss. Die beiden haben sich als Studenten ein Zimmer geteilt und auch die Frau des Politikers ist dem Reporter nicht gerade egal. Da wird so manch boulevardeske Schlagzeile unterdrückt, und der Zuschauer fragt sich: Macht er das nun für das Renommee seines Freundes oder für das seiner Zeitung?
Bei alldem könnte man jetzt denken, die Spannung komme hier viel zu kurz, aber das Gegenteil ist der Fall. Das Tempo des Films ist genau richtig, und die Spannung zieht sich durch kluge (auch gut synchronisierte!) Dialoge, drückende Verfolgungsszenen und gut gesetzte Actionsequenzen. Deshalb kann ich “State of Play” auch ganz uneingeschränkt empfehlen – selbst, wenn investigativer Journalismus in Wahrheit womöglich viel weniger abenteuerlich ist.



Bis jetzt 3 Kommentare
ph 28. Juni 2009 um 16:25 Uhr
Waren gestern Abend auch noch spontan in der Spätvorstellung »State of Play« und kann mich dem Lob hier nur anschließen: Der Film ist auf vielerlei Ebene sehr gelungen!
Alex 30. Juni 2009 um 10:22 Uhr
Ich habe den Film noch nicht gesehen, aber nach so viel Lob, ist er in jedem Fall eine Versuchung wert.
Gerade die Frage was genau veröffentlicht wird finde ich extrem spannend, denn Details können eine Geschichte stark verändern. Die Thematisierung des Online-Journalismus ist aufgrund der aktuellen Situation im Iran und der “Twitter” Journalisten extrem spannend.
dacabo 8. Februar 2010 um 13:47 Uhr
ein geheimtipp im letzen kinojahr.sehenswert.schön altmodisch!
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