Alte Menschen zum Arzt fahren oder in Afghanistan den Terror bekämpfen? Im Interview erklären zwei junge Wehrpflichtige ihre Entscheidung.
Michael von Höfen, 19, und Simon Storcks, 19, gehen seit Jahren gemeinsam auf unsere Schule und machen im Mai ihr Abitur. Danach trennen sich ihre Wege auf drastische Weise: Simon wird daheim in Ramsdorf seinen Zivildienst in einem Altenheim leisten. Michael hat sich als Offizier bei der Bundeswehr verpflichtet. Nach der üblichen Grundausbildung und einem Studium muss er noch mindestens acht Jahre als Soldat arbeiten – auch in Afghanistan.

Momentan sind etwa 3600 deutsche Soldaten in Afghanistan stationiert, vor kurzem wurde noch mal aufgestockt. Was haltet ihr davon?
Simon: Ich finde diesen Krieg überhaupt nicht gerechtfertigt, vor allem, weil er sich so stark auf die Zivilbevölkerung auswirkt. Alles wird zerstört, Menschen verlieren ihre Familien.
Michael: Du musst das so sehen: Als Soldaten sind wir dort ja nicht, um Krieg zu führen, sondern um den Frieden zu verteidigen. Indem wir in Afghanistan den Terror bekämpfen, sorgen wir dafür, dass Deutschland so sicher wie möglich ist.
War die Friedenssicherung auch der Grund, warum du dich freiwillig zum Kriegsdienst gemeldet hast?
Michael: Das war ein Aspekt von vielen. Ich mache es aber nicht nur aus idealistischen Gründen, sondern sehe auch viele Vorteile für mich darin. Ich kriege ein gutes Gehalt und kann nicht einfach gekündigt werden. So kann ich mein Studium ganz in Ruhe absolvieren.
Wie viel verdienst du denn?
Michael: Während des Studiums bekomme ich monatlich etwa 1400 Euro. Die Bundeswehr gibt mir auch noch was für Wohnung und Essen dazu.
Simon, wie viel wirst du verdienen?
Simon: Ich kriege pro Tag ungefähr zehn Euro und ebenfalls Wohn- und Essensgeld. Das läuft im Monat aber gerade mal auf 300 bis 500 Euro hinaus.
Welche Gründe hast du in deiner Kriegsdienstverweigerung angegeben?
Simon: Gewissensgründe natürlich. Als Wehrdienstleistender muss man zwar nicht in den Krieg, aber man wird zum Soldaten ausgebildet. Und ein Soldat zu sein und davon auszugehen, jemanden zu erschießen, das könnte ich mit meinem Gewissen nicht vereinbaren.
Michael: Das ist für mich ganz klar: Wenn es sein muss, dann würde ich auch schießen.
Simon: Aber könntest du es verkraften, wenn ein Kind in Afghanistan vor deinen Augen seine Mutter verliert? Ich könnte das nicht!
Michael: Das kann ich nicht wissen, weil ich es nie erlebt habe, und ich hoffe auch, dass es nie dazu kommt. Mit dem Risiko muss ich aber leben.

Eine Gemeinsamkeit gibt es bei den Jobs, die ihr bald machen werdet: Ihr habt beide mit Menschen zu tun, die deutlich älter sind als ihr. Freut ihr euch darauf?
Simon: Natürlich halbe ich auch ein mulmiges Gefühl und frage mich: Kriege ich das alles hin, kann ich das überhaupt? Aber so schwer sind meine Aufgaben ja nicht. Ich werde mit den Senioren Halma spielen, sie zum Arzt fahren oder im Rollstuhl durch den Park fahren.
Michael, im Gegensatz zu Simon musst du Leuten, die so alt sind wie manche unserer Lehrer, Befehle geben. Findest du die Vorstellung nicht komisch?
Michael: Doch, schon. Aber wenn ich jemanden befehligen muss, der schon 20 Jahre mehr Erfahrung hat und mir noch etwas beibringen kann, dann höre ich natürlich auf ihn – obwohl ich sein Vorgesetzter bin.
Trotzdem musst du ja eine gewisse Autorität bewahren. Glaubst du, dass du das kannst?
Michael: Ja! Zwar wird einem an der Offiziersschule noch viel beigebracht, aber ein gewisses Potenzial muss man schon mitbringen. Darauf wurde auch bei der Bewerbung geachtet. Wer da nur stumm rumsaß und nichts sagte, flog raus.
Also nimmt die Bundeswehr doch nicht jeden, den sie kriegen kann?
Michael: Auf keinen Fall! Die haben 12000 Bewerber und stellen 2000 ein. Not haben die nicht.
Haben eure Väter eigentlich ihren Wehrdienst geleistet?
Michael: Mein Vater hat sogar solange gewartet, bis der Einberufungsbescheid per Einschreiben kam, und dann verweigert. Das hat er aber nachher bereut, weil es für ihn eine große Chance gewesen wäre. Deshalb unterstützt er mich auch bei meiner Entscheidung.
Simon: Mein Vater war auch Zivi. Ich glaube, meine Eltern finden es besonders gut, dass ich den Zivildienst zuhause in Ramsdorf mache und der Gemeinde so etwas zurückgebe. Als Kind hat man davon ja jahrelang profitiert.
Michael: Genau deswegen finde ich diesen Dienst auch so wichtig: Weil man damit seinem Ort oder, wie ich, dem Staat etwas zurückgibt.
Gibt es dennoch etwas, das ihr am Wehrpflichtgesetz ändern würdet?
Simon: Ich finde, man sollte die Musterung abschaffen. Eine ärztliche Untersuchung ist für meine Gesundheit da und nicht für den Staat, damit der Inventur machen und gucken kann, was er noch so auf Lager hat. Zumal wir schon unter unseren Mitschülern beobachten, wie willkürlich da ausgemustert wird. Man sollte einfach auswählen können, ob man nun Wehr- oder Zivildienst macht.
Michael: Das sehe ich nicht so. Simon, du hast echte Gewissensgründe, und die sind der einzig richtige Grund zu verweigern. Viele haben aber einfach keine Lust auf den Bund und wollen es so einfach wie möglich haben. Die laden sich dann ihre Verweigerung im Internet runter.

Egal ob Wehr- oder Zivildienst – ihr seid vom Staat dazu verpflichtet. Musstest du dich damit erst abfinden, Simon?
Simon: Nein, weil ich auf jeden Fall einen sozialen Dienst absolvieren wollte. Am besten wäre es aber, wenn das alles freiwillig wäre.
Michael: Dann hätte Deutschland doch auch wieder ein Problem, weil ein Großteil der Leute sich vor der Verantwortung drücken würde. Die fangen dann lieber gleich mit Ausbildung oder Studium an, statt ein Jahr zu verschenken.
Simon: Und genau dieses Vorurteil muss man abschaffen! Der Zivildienst ist doch ein gewonnenes Jahr, durch die vielen zwischenmenschlichen Erfahrungen, die man sammelt. Ganz zu schweigen davon, dass man auch noch seinen Lebenslauf aufpäppelt und womöglich zwei Wartesemester hat.
Und wie stehts mit den Mädchen? Sollten die auch ranmüssen?
Michael: Ja! Frauen sind sonst überall gleichgestellt und profitieren vom deutschen Staat. Da sollen sie auch den Dienst für unser Land tun.
Simon: Das wäre geregelt, wenn es keinen Zwangsdienst gäbe. Schon jetzt machen ja viele Mädchen ein Freiwilliges Soziales Jahr. Noch attraktiver könnte man das übrigens machen, indem man FSJler und Zivis genauso gut bezahlt wie Michael.
Michael: Ein normaler Wehrdienstleistender verdient ja auch nicht viel mehr als du. Aber ich bin für 13 Jahre angestellt, mein Gehalt steigt mit jeder Beförderung. Außerdem finde ich, dass Soldaten, die vier Monate in Afghanistan arbeiten, ein größeres Opfer bringen als jemand, der bei der freiwilligen Feuerwehr mitmacht.
Simon: Dafür kommt ein sozialer Dienst aber direkt bei den Menschen an, und das, was du machst, nicht! Trotzdem kriegt die Bundeswehr viel mehr Geld vom Staat.
Michael: Die Bundeswehr ist ja auch eine staatliche Einrichtung. Ich arbeite für Deutschland, du arbeitest für das Altenheim in Ramsdorf. Das kann man nicht vergleichen.
Michael, wie groß ist überhaupt die Wahrscheinlichkeit, dass du im Laufe deiner Karriere nach Afghanistan musst?
Michael: 100 Prozent.
Und wenn du im Fernsehen Bilder von den deutschen Soldaten dort siehst – hast du dann keine Angst?
Michael: Nein, ich sehe eigentlich mehr die positiven Aspekte. In meinem Fall ist die Gefahr auch abgeschwächt, weil ich mich auf den Flugabwehrraketendienst spezialisieren werde und nicht an vorderster Front Patrouille fahren muss. Trotzdem denke ich jeden Tag darüber nach, und natürlich ist das nicht ungefährlich. Aber wer davor Angst hat, sollte auch nicht zur Bundeswehr gehen.
Simon, was hast du gedacht, als du gehört hast, dass Michael sich verpflichtet?
Simon: Ich kann es nicht verstehen. Für mich wären weder das Geld noch der Offizierstitel ein Anreiz, allein schon wegen der Wahrscheinlichkeit, nach Afghanistan zu müssen. Schrecken dich denn solche Zwischenfälle wie die Totenschädelfotos von deutschen Soldaten gar nicht ab?
Michael: Das sind doch wirklich Einzelfälle von Idioten, die das Bild der Bundeswehr schlecht machen.

Das Ansehen der Bundeswehr ist in den letzten Jahren stark gesunken. Bundespräsident Horst Köhler spricht vom „freundlichen Desinteresse“ der Bevölkerung.
Michael: Ja, in Deutschland sind Soldaten teilweise schon verpönt. Dabei tut man ja was für die Menschen hier, das machen die sich gar nicht klar. Das ist sehr schade.
Simon: Ich finde es gut, dass das nicht so angesehen ist. Krankenschwestern und Feuerwehrmänner tun ja auch viel für die Menschen und sind nicht höher angesehen.
In den USA sind – vor allem seit dem 11. September – sowohl Soldaten als auch Feuerwehrmänner geradezu Helden. Sollten die Deutschen sich daran ein Beispiel nehmen?
Simon: Lieber nicht. Soldaten werden dazu ausgebildet, im Krieg Menschen zu töten. Das können doch keine Helden sein.
Michael: Für mich sind Helden Leute, die sich sozial besonders engagieren. Das kann ein Arzt sein, der viele Leben gerettet hat, aber genauso gut ein Soldat, der zum zivilen Wiederaufbau in Afghanistan beigetragen hat.
Simon: Stimmt, ein Held ist jemand, der sich sozial einsetzt. Aber du könntest für mich kein Held sein, schließlich bist du nicht nur aus ideellen Gründen Soldat, sonders auch wegen des Geldes.
Michael: Ich habe auch nie daran gedacht, ein Held zu werden. Ich will einfach meinen Beruf so gut wie möglich machen.
Simon: Ich mache das auch nicht für mich oder um heldenhaft zu sein, sondern für die Menschen.
Vielleicht gehört es auch zur Definition eines Helden, dass er sich selbst gar nicht so nennt. Findet ihr es denn naiv, an eine „heldenhafte Welt“ zu glauben, in der es keinen Krieg mehr gibt?
Simon: Nein! Das klingt vielleicht ein bisschen idealistisch, aber wo kämen wir denn hin, wenn wir gar keine Ideale mehr hätten? Ich finde, wir sollten so eine Welt anstreben, aber eben nicht mit Krieg. Damit schafft man keinen Frieden.
Michael: Ich wünsche mir eine friedliche Welt und arbeite in der Bundeswehr ja auch dafür. Trotzdem glaube ich nicht, dass es irgendwann eine Welt ohne Krieg geben wird – dafür sind die Menschen einfach zu schlecht.
Marie, 9. März 2009
Illustrationen: Christoph Rauscher
1. Preis “Interview” SPIEGEL Schülerzeitungswettbewerb
2. Preis “Foto” SPIEGEL Schülerzeitungswettbewerb



Ein sehr schönes Interview, gespickt mit guten Fotos/Illus. Hab ich gerne gelesen – v. a. weil ich im Moment Zivi bin.