Vom Glück in vollen Zügen

Heute Nachmittag, im ICE von München nach Essen, habe ich ein kleines bisschen lebendige Poesie erlebt. Ich saß in einem Abteil, so einem abgesonderten Raum mit nur sechs Sitzplätzen, weil ich dieses gemütliche und irgendwie altertümliche Gefühl mag, das sich dann einstellt. Man kann die Menschen besser beobachten, wenn man da sitzt.

Aber heute war ich zu faul zum Beobachten. Es war stickig, weil die Klimaanlage ausgefallen war, und meine Hände klebten, aber ich war sogar zu faul, aufzustehen und sie mir zu waschen. Das Sudoku auf meinem Schoß lag da jetzt seit einer Stunde, ich war zu faul für Zahlen. Ich war zu faul zu lesen und zu schreiben, eigentlich war ich sogar zu faul, Musik zu hören. So hab ich mich in meinem Sitz herumgedrückt und versucht zu dösen, aber in einem Zug bekommt man dabei statt Schlaf höchstens eine Nackenstarre.

Mir gegenüber saß ein junger Mann mit einer Bahncard 100. Er las ein Buch, das “2012″ hieß und ich dachte noch, dieses Buch muss doch sehr alt sein, wer schreibt schon heute, 2009, noch ein Buch, das er dann “2012″ nennt. Jedenfalls, der Leser des Buches erinnerte mich an den einarmigen Gemüseverkäufer aus der fabelhaften Welt der Amelie. Er hatte so ein Gesicht und verhielt sich auch ein wenig so, er hob selten den Blick.

Neben ihm saß eine Frau mit langen dunklen Haaren. Sie schlief die meiste Zeit (oder tat so), und zwischendurch las sie ein Buch, das hieß “Fleißige Frauen arbeiten, schlaue steigen auf”. Über diesen Titel habe ich nicht weiter nachgedacht.

Auf der anderen Seite des Gemüseverkäufers saß auch ein Mann, er sagte nett “Guten Tag” und “Gesundheit!” und “schönes Wochenende” und las den Stern. Der Stern titelt “Macht & Amore”, es geht um Silvio Berlusconi und junge hübsche Frauen. Ich dachte über den Stern nach und dass ich ihn nicht lesen will.

Ich glaube, ich habe diese Menschen doch beobachtet, aber nur oberflächlich. Ich habe mir nicht vorgestellt, welchen Beruf sie haben, oder wie sie wohnen und mit wem. Dazu war ich zu faul, ja, eigentlich war ich gar nicht in der Verfassung, in einem Abteil zu sitzen.

Als wir in den Nürnberger Bahnhof einfuhren und der Gemüseverkäufer aufstand, dachte ich deshalb nur, “das ist gut”, weil ich keine Lust mehr hatte auf das volle Abteil. In dem Moment, er war schon fast aus der Tür, legte er etwas Grünes auf das Sudoku in meinem Schoß.

Ich hab “danke” gesagt und er lächelte, aber da war er eigentlich schon weg. Draußen lief er die Treppe herunter, und auf meinen Knien lag dieses wirklich große, wirklich grüne vierblättrige Kleeblatt. Das erste in meinem Leben übrigens.

8 Kommentare

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  1. Kathi sagt:

    Aus glücklichen Gründen wie diesen verteile ich hin und wieder gerne heimlich liebevolle Post-Its an fremde Menschen :)

  2. Rebecca sagt:

    Ich habe als Kind oft Stunden damit zugebracht, auf einer großen Kleewiese systematisch nach Vierblättrigen zu suchen . Oft sogar mit ein paar Freunden, jeder hatte ein Quadrat für sich.
    Und weil wir nie Erfolg hatten, wurde mir auch damals schnell klar, dass man das Glück eben so nicht finden kann;-)

    “2012″ ist übrigens bestimmt ein Maya-Kalender-Weltuntergangs-Verschwörungsbuch. Dein Gemüseverkäufer ist wahrscheinlich ein kleiner Esoteriker.

  3. Ah wie schoen. :) Deinen Titel hast du auch ganz passend gewaehlt.

  4. Lena sagt:

    Schön erzählt.
    Dass der Gemüsehändler aus Amélie einarmig war, daran kann ich mich aber gar nicht mehr erinnern. Meinst du den Netten oder den Gemeinen?

  5. Eva sagt:

    Den Netten!

  6. Martin sagt:

    Wunderbare Geschichte :)

  7. frauki sagt:

    Ohhh wie schön :)
    Die kleinen Dinge im Leben…
    Und am Freitag fahr ich auch Zug. Von Berlin nach Darmstadt. Auch Abteil… aber Sprinter, da steigen nicht so viele Leute ein – und die doofen leider auch nicht so schnell wieder aus ;)

  8. Felix sagt:

    Dieser Text wird ausgedruckt und nächste Woche im Zug gelesen. Zwei Mal Berlin in sieben Tagen, jucheih!

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  1. hurra! » Tschüss, Abteil!

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