Archiv für Juni, 2009

Ganz klarer Aufwärtstrend

Höhen und Tiefen gibt es nicht nur an der Börse, sondern auch im Leben – jetzt.de-Autoren beschreiben ihre Stimmungskurve von der Geburt bis heute

Mein Leben als Börsenkurs

(1) Als meine Eltern 1990 an die Börse gingen, waren die Zeiten gut. Der Wert meiner Aktie nahm stetig zu, meine Kindheit und Grundschulzeit waren wunderbar. (2) Danach gingen Freundschaften verloren, aber so schleichend, dass es sich nicht auf den Kurs auswirkte. (3) Die Blase platzte erst mit der Pubertät: große Tobsuchtsanfälle, kleine Depressionen und ein schier unüberwindbarer Berg von Problemen. Ob ich nun nicht wusste, wie man sich die Beine rasiert, oder nicht mehr mit meinem Vater reden konnte – alles war gleich groß und gleich schlimm. (4) Dann verliebte ich mich. Mein Freund wurde mein Ausgleich, und irgendwann hatte diese fröhliche Parallelwelt die Pubertät verdrängt. (5) Gleichzeitig kam ich in die Oberstufe und verbrachte zwei herrlich unbeschwerte Sommer. (6) Letzte Woche bekamen wir die Abiturzeugnisse. Ein dritter unbeschwerter Sommer kündigt sich an. Manchmal, für einen kurzen Moment, fürchte ich mich vor so viel Glück.

jetzt.de, 29. Juni 2009

World Press Photos

World Press Photos in der Oude Kerk

Ich hatte immer schonmal eine World Press Photo-Ausstellung sehen wollen. Und dann entdeckten wir völlig zufällig, dass die aktuelle im Moment in Amsterdam gastiert – noch dazu an einem ganz besonderen Ort. Die Oude Kerk ist eine alte, unvollständige Kirche, die auf eine zurückhaltende Weise ganz im Gegensatz zu den Bildern steht.
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State of Play

State of Play

“Machen wir uns gerade strafbar?” – “Nein, das nennt man Spitzenjournalismus.”

In Hamburg habe ich einen Workshop bei Spiegel-Redakteur Jürgen Dahlkamp besucht, der uns erzählt hat, wie investigativer Journalismus geht. Das klang zwar reizvoll, aber nicht gerade spannend. Eher nach ziemlich viel Aktendurchsicht, Telefoniererei und langen Wartezeiten. Ein ganz anderes Bild entwirft da “State of Play”, ein toller Thriller, der zwei Washingtoner Journalisten beim Aufdecken eines politischen Komplotts begleitet.

Alles fängt mit zwei Morden an: Der eine, in einem Hinterhof, weckt das Interesse des Journalisten Cal McAffrey (Russell Crowe). Mit seinem Bauchansatz, den ungepflegten Haaren und seiner cool-dreisten Art entspricht er ganz dem üblichen Klischee des verlotterten Reporters. Der andere Mord geschieht an der jungen Assistentin des Kongressabgeordneten Stephen Collins (wunderbar glatt: Ben Affleck), die gerade mit Ermittlungen gegen einen großen Konzern beschäftigt war. Wie sich bald herausstellt, hatte sie auch noch eine Affäre mit ihrem Chef – genau der richtige Stoff für das Politblog von Della Frye (Rachel McAdams), Cals junger Kollegin aus dem Online-Ressort des “Washington Globe”.

Als klar wird, dass die beiden Morde irgendwie zusammenhängen, treffen Print- und Onlinejournalismus aufeinander. Dieses Thema hat Regisseur Kevin Macdonald ganz bewusst gesetzt. Ihm ging es um die Frage, wie die Zukunft des Journalismus aussieht – und sein Film regt tatsächlich zum Nachdenken an. Doch nicht nur die Kluft zwischen Print und Online wird thematisiert (zum ersten Mal werden hier übrigens Web- statt Titelseiten abgefilmt, um die neuesten Schlagzeilen zu zeigen), sondern auch das Massensterben der amerikanischen Zeitungen. Helen Mirren verkörpert dieses Dilemma ganz wunderbar als toughe Chefredakteurin, die hin- und hergerissen ist zwischen Auflage und Qualität.

Selten schafft es ein Thriller, neben seiner eigentlichen Handlung ein solches Thema anzugehen – noch dazu so ausführlich. Doch damit nicht genug. Weitere Fragen, die bis zum Ende offen bleiben, drehen sich um Krieg: Wer profitiert von den Unruhen in Afrika? Wer finanziert sie? Und wieso stoppt das niemand?

Neben dem Szenenbild, das vor allem die Atmosphäre in der Globe-Redaktion sehr gut vermittelt, sind auch die Schauspieler in “State of Play” durch die Bank toll. Sie schaffen es auffallend schnell, das Beziehungsgeflecht der Charaktere untereinander zu verdeutlichen: Die Skepsis der jungen Bloggerin gegenüber dem alten Hasen, dessen Hassliebe zu seiner Chefin und nicht zuletzt seine vielen Flirts mit Informanten, Kommissaren, Pathologinnen, die dem Zuschauer ein anerkennendes Grinsen entlocken.

Am fragwürdigsten ist aber wohl Cals Freundschaft mit dem Abgeordneten, über den er nun berichten muss. Die beiden haben sich als Studenten ein Zimmer geteilt und auch die Frau des Politikers ist dem Reporter nicht gerade egal. Da wird so manch boulevardeske Schlagzeile unterdrückt, und der Zuschauer fragt sich: Macht er das nun für das Renommee seines Freundes oder für das seiner Zeitung?

Bei alldem könnte man jetzt denken, die Spannung komme hier viel zu kurz, aber das Gegenteil ist der Fall. Das Tempo des Films ist genau richtig, und die Spannung zieht sich durch kluge (auch gut synchronisierte!) Dialoge, drückende Verfolgungsszenen und gut gesetzte Actionsequenzen. Deshalb kann ich “State of Play” auch ganz uneingeschränkt empfehlen – selbst, wenn investigativer Journalismus in Wahrheit womöglich viel weniger abenteuerlich ist.

“Was macht man als Online-Redaktion eigentlich mit zweckgebundenem Preisgeld?”

Lars und ich beim Spiegel-FestLetzte Woche war ich mit Lars und Christoph in Hamburg beim Spiegel. Wir haben ein bisschen Tourismus (Barkassenfahrt) und ein bisschen Journalismus (Workshop) gemacht, wir sind ganz toll geschminkt und lustig fotografiert worden. Ich durfte sogar reiten! Wir haben im lila Salon gegessen und rote Preise bekommen, wir haben gekickert, gefeiert und vor allem ganz viele spannende Leute kennengelernt.

Der Politiker

Er prägt sich allen durch seinen festen Händedruck und seine ausgesprochene Höflichkeit ein. Zur Preisverleihung trägt er mindestens ein Sakko.
Schülerzeitungsmacher, weil: sie ein super Sprachrohr ist.
Typischer Satz: “Und wie wählt ihr den Schulsprecher?”

Der Besserwisser

Ist Vegetarier und weiß dies mit zahlreichen Argumenten zu verteidigen. Außerdem spricht er drei Programmiersprachen fließend, engagiert sich gegen “Zensursula” und findet die Wagneropern – bis auf ein, zwei Arien – allesamt schlecht.
Schülerzeitungsmacher, weil: er sich nirgendwo sonst so lang über seine Lieblingsthemen auslassen kann.
Typischer Satz: “Du frisst gerade quasi den Regenwald!”

Der Chiller

Er braucht immer ordentlich Trubel um sich herum, da kann es schonmal sein, dass er bei der Preisverleihung kurz wegnickt. Besonderen Spaß bereitet es ihm, den Besserwisser zu provozieren.
Schülerzeitungsmacher, weil: man zwei Tage schulfrei bekommt, wenn man beim SPIEGEL gewinnt.
Typischer Satz: “Aber der Regenwald schmeckt verdammt gut!”

Die Streberin

Führt am liebsten Lehrerinterviews und schreibt zudem sehr gute Reportagen – gern auch in Gruppenarbeit.
Schülerzeitungsmacherin, weil: sie so gut in Deutsch ist.
Typischer Satz: “Ich hasse es, wenn ich einen Artikel kürzen muss!”

Der Kreative

Er hat seine Kamera immer griffbereit und kann selbst den langweiligsten Artikel so layouten, dass der Leser ihn geradezu verschlingt.
Schülerzeitungsmacher, weil: er die Adobe Creative Suite dann vom Förderverein bezahlt bekommt.
Typischer Satz: “Warum kriegt mein iPhone hier kein WLAN?”

Achja: Unsere wunderbare und inzwischen mehrfach ausgezeichnete Schülerzeitung ist unter meinemarie.org zu finden.

Über die Krisenkinder

Der Spiegel titelt in dieser Woche “Wir Krisenkinder”. In diesem Artikel stecken bestimmt viele Wahrheiten, aber auch Vorwürfe, die man so nicht stehen lassen kann.

Da wird zum Beispiel gesagt, die Jugend sei unpolitisch, sie würde nicht mehr demonstrieren und das sei schlimm. Das stimmt aber alles nicht. Mehr als 100 000 Schüler und Studenten gingen in diesen Tagen im Rahmen eines bundesweiten Bildungsstreiks auf die Straße. Davor organisierten sich Tausende im Internet, um gegen die bloße Sperrung von Internetseiten zu protestieren. Diese Jugend demonstriert.

Und wenn sie das nicht tun würde, wäre es auch nicht schlimm, denn sie ist trotzdem nicht unpolitisch. Wir führen sehr wohl politische Diskussionen, auch wenn sie uns selbst manchmal nerven – weil unsere Gesprächspartner mitunter zu idealistisch sind und nicht kompromissbereit.

Mangelnder Idealismus ist auch so ein Vorwurf. Aber Idealismus ist heute, in Zeiten der Krise, noch unrealistischer als vor zehn Jahren oder vor vierzig, als er die 68er prägte. (Der Vergleich mit denen nervt übrigens.) Wir haben ihn aufgegeben zugunsten von vernünftigerem Engagement.

Kein Wunder also, dass viele heute statt in die Politik lieber in die Lobbys, in die Wirtschaft oder die Medien wollen – weil sie das Gefühl haben, dort mehr bewegen zu können. Zudem steht die Politik nicht mehr für Karriere und erst recht nicht für Selbstverwirklichung.

Letztere ist aber ein wichtiger Bestandteil des neuen Bildes von Arbeit, das diese Generation hat. Uns wird eingetrichtert, dass es keine Jobs mehr gibt, keine Sicherheit und schon gar keine Rente. Wir werden zum “Leben für den Lebenslauf” erzogen: Ein unbezahltes Praktikum folgt aufs andere, und jeder “Auslandsaufenthalt” (früher waren das mal Reisen) muss einhergehen mit der Teilnahme an einem Freiwilligenprojekt oder wenigstens einem Sprachkurs. Bloß keine Lücken in der Vita!

Arbeit bedeutet heute noch viel mehr Zeit und Anstrengung als früher. Und deshalb muss sie uns mehr bieten als nur Geld. Wir müssen darin aufgehen und unsere Persönlichkeit einbringen können, gleichzeitig wollen wir etwas verändern, etwas aufbauen. Eigentlich ist dieses neue Bild von Arbeit positiv, weil es ein so leidenschaftliches ist – fast sogar idealistisch.

Die Politik ist außerdem zu abstrakt geworden: Da gibt es rechts und mittig und links, aber unsere Generation ist viel zu divers, als dass sie sich in solche Schubladen stecken lassen würde.

Dazu trägt ganz besonders das Internet bei. Die “Krisenkinder”-Autoren sagen, wir seien zu ich-bezogen, und einerseits stimmt das: Wir alle unterliegen mehr oder weniger diesem Trieb, uns immerzu zu profilieren – zum Beispiel, indem wir ständig Bilder bei Facebook einstellen, twittern, wo wir gerade sind, oder ewig lange Freundeslisten anlegen.

Das alles hat aber noch einen weiteren Zweck: die Vernetzung. Die Angehörigen dieser Generation sind nicht nur mit sich selbst beschäftigt, sie tun das alles nicht bloß fürs Ego, sondern vor allem, um den Zusammenhalt untereinander zu stärken.

Die Globalisierung und damit die wachsende Entfernung zwischen Bekannten, die ihr Leben trotzdem miteinander teilen wollen, ist nur ein Grund dafür. Das Internet bietet schließlich auch die Möglichkeit, Interessengemeinschaften zu bilden, die sich sonst nie gefunden hätten. Zusätzlich zu rechts, mittig, links gibt es jetzt unzählige weitere Positionen, Meinungen – Interessen eben. Und wieder geht es um Leidenschaften.

Ebenso leidenschaftlich kritisieren ältere Generationen immer wieder die Jugend von heute. Sie wollen uns rebellieren sehen – gegen sich selbst! Dabei könnten sie doch eigentlich stolz sein, auf sich und auf uns. Schließlich waren sie es, die die Vorarbeit dafür geleistet haben, dass es heute mehr Abiturienten und Studenten gibt als je zuvor. Sie haben uns doch so vernünftig, so pragmatisch erzogen!

Ich glaube, wir rebellieren nicht mehr, weil wir nicht daran glauben, dass die Älteren uns das geben können, was wir wollen. Wir sind eine Selbstversorgergeneration. Manchmal habe ich sogar das Gefühl, dass die Kritiker selbst gar nicht wissen, was sie eigentlich wollen – wir dagegen schon. Was das genau ist, steht in der aktuellen Titelgeschichte des Spiegels ganz gut beschrieben.

Die heißt also “Wir Krisenkinder”, und obwohl die Autoren selbst zwischen 31 und 35 Jahren alt sind, bleibt das “wir” auf dem Titelbild das einzige im Zusammenhang mit diesem Artikel. Die Schreiber trauen sich nicht, “wir” zu sagen, sie sagen nur “sie” – und kritisieren gleichzeitig, dass es keine Wortführer gibt, keine Sprecher dieser – ihrer – Generation. So wird auch nicht klar, ob sie diese nun für bemitleidenswert halten oder für unterschätzt, für verloren gar oder eigentlich doch für ziemlich toll. Ein bisschen mehr “wir”, ein bisschen mehr Gefühl hätten diesem Text gut getan.

Update: Mehr zum Thema gibts hier.