Mitten im Prüfungsstress sollte Abiturientin Eva Schulz, 18, eigentlich nur eines tun: pauken. Davor rechts und links abzubiegen, fällt ihr aber viel leichter. Im SchulSPIEGEL verrät sie die besten Strategien fürs Aufschieben – von Literaturverfilmung bis zum Lernkeks.
Mein Lerntag beginnt morgens um zehn Uhr mit einem ausgiebigen Frühstück. Schließlich stecke ich mitten im Abitur, es sind nur noch wenige Tage bis zu den Prüfungen. Da muss ich Kräfte sammeln. Dazu gehört auch Zeitunglesen. Während meiner Schulzeit habe ich nie lange Zeitung gelesen. Jetzt lese ich sogar die Börsenkurse. Irgendwann habe ich aber selbst die alle durch.
Dann starte ich meine Lernphase und erstelle erstmal einen Plan. Alle Zentralabiturinhalte gleichmäßig und logisch geordnet auf die nächsten Wochen zu verteilen, ist gar nicht so leicht. Den fertigen Plan hänge ich in der Küche auf, damit künftig die ganze Familie sehen kann, was ich für Fortschritte mache.
Heute ist Deutsch dran. Ich muss mich auf Christa Wolfs “Kassandra” vorbereiten. “Kassandra” ist so ziemlich das schrecklichste Buch, das wir je in der Schule gelesen haben. Um die ganzen mythischen Verworrenheiten auseinander zu klamüsern, brauche ich dringend einen Lektüreschlüssel.
Im Internet gibt es Interpretationen von fast zehn verschiedenen Verlagen. Ich lese sämtliche Rezensionen, aber die klingen alle gleich blöd – kein Wunder, bei so einem Buch. Darauf habe ich auch eigentlich noch gar keine Lust. Am Ende bestelle ich den Schlüssel mit der längsten Lieferzeit und verschiebe “Kassandra” in meinem Plan um vier Tage.
DiCaprio statt Darwin
Dafür muss ich “Romeo and Juliet” vorziehen. Das Stück kann man eigentlich binnen zwei Stunden wiederholen – indem man sich den Film anschaut! Also fahre ich zur Videothek. Auf diese Idee sind aber offenbar schon einige meiner Leidensgenossen gekommen: Alle Versionen der genialen Verfilmung mit Leonardo DiCaprio sind längst ausgeliehen. Na toll.
Also muss ich schon wieder meinen Plan ändern: Bio statt Englisch. Dazu braucht man Nervennahrung, und zwar in Form von Keksen. Im Supermarkt verbringe ich eine kleine Ewigkeit damit, die besten Lernkekse zu finden. Das ist gar nicht so leicht: Billig müssen sie sein, mit nicht allzu vielen Kalorien – schließlich will ich einige davon essen – und trotzdem energiereich, weil ich ja die ganzen Fachbegriffe aus der Evolutionslehre auswendig lernen muss. Und nicht zu viel Schokolade! Das gibt Schmierfinger und verdreckte Schulbücher.
Auf dem Weg zur Kasse komme ich am Schreibwarenregal vorbei. Ich kaufe meinen allerersten Kalender, der nicht von August bis Juli geht, sondern von Januar bis Dezember. Was für ein Triumph! Zuhause trage ich sofort alle Geburtstage ein und probiere dabei die Kekse, die ich wirklich nicht schlecht ausgesucht habe.
Familie lenkt nur ab
Beim Mittagessen bewundern meine Eltern den Lernplan in der Küche und sind ganz erschrocken, wie viel der Jugend von heute abverlangt wird. Ich stimme ihnen zu und jammere ein bisschen über das viele Pauken. Mein Vater und ich verquatschen uns über die glorreiche Zeit nach den Prüfungen. Mir fällt ein, dass ich vor der Englischklausur noch einen Kursbericht für die Abizeitung schreiben muss. “Und was ist jetzt überhaupt mit deinem Studium?”, fragt Papa. Darüber müsse ich mir doch auch langsam mal klar werden.
Nach dem Essen suche ich im Internet nach Studiengängen. Bis man sich da mal zu den Zulassungsvorschriften und Bewerbungsabläufen durchgeklickt hat, ist schon eine ganze Packung Lernkekse leer. Sowieso ist das alles ziemlich anstrengend und der Numerus clausus wirklich schrecklich hoch.
Unter solchem Leistungsdruck kann ich jetzt unmöglich lernen. Ich schiebe Lamarck und Darwin auf den Vorabend und lande vorm Fernseher. Nach einer Stunde kommt meine Schwester aus der Schule zurück. “Seit wann interessierst du dich denn für abgefilmte Zugfahrten?”, fragt sie misstrauisch und erzählt, dass heute ein paar meiner Mitschüler in der Schule waren. Die haben die Termine für ihre mündliche Prüfung nachgesehen. Eigentlich könnte ich das auch mal machen.
Schlechtes Gewissen
Aber meine kleine Schwester hält mich davon ab. “Wenn du sowieso nichts zu tun hast, kannst du mir auch bei Photoshop helfen”, sagt sie und überredet mich, mit ihr die letzten Urlaubsbilder zu bearbeiten. Dabei verdrücken wir noch eine Schachtel Lernkekse. Danach habe ich ein so schlechtes Gewissen, dass ich sofort ins Fitnessstudio fahre, um die wieder abzutrainieren.
Zurück vom Sport will ich endlich mit Bio anfangen und versuche, bei Wikipedia den Unterschied zwischen Allopolyploidie und Autopolyploidie herauszufinden. Da kommt eine Nachricht von Steffi, meiner Sitznachbarin im Englisch LK. “Ich habe ‘Romeo and Juliet’ ausgeliehen – willst du mitgucken?”
So verbringe ich den Abend bei Steffi auf dem Sofa. Wir schauen “Romeo and Juliet” mit englischen Untertiteln und hören doch nicht zu, weil wir von Leonardos tiefblauen Augen abgelenkt werden. Als sich nach zwei Stunden die Montagues und die Capulets über dem Tod ihrer Kinder versöhnen, bin ich schrecklich müde, obwohl es eigentlich noch recht früh am Abend ist.
Aber jetzt noch mit Bio anzufangen würde auch nichts bringen. Ich beschließe, einfach schon ins Bett zu gehen um mich von diesem anstrengenden Lerntag zu erholen. Schließlich gilt: Je früher ich schlafen gehe, desto mehr Energie habe ich morgen.
Spiegel Online, 4. Mai 2009
Fotos von Roman Hagenbrock


Bis jetzt 18 Kommentare
Marcel 4. Mai 2009 um 17:37 Uhr
:D wie geil.
tippy 4. Mai 2009 um 17:15 Uhr
Oh je, das kommt mir sehr bekannt vor. Aber Gott sei Dank schafft man die Sprachen ja im Notfall auch ohne lernen *hust*
Und für Geschichte gibts einfach Post-It Spuren vom Bett bis ins Bad :)
Max 4. Mai 2009 um 17:35 Uhr
Haha, ich mache grade mein Abi und bei mir ist das ganz genau so. Ich schreibe Freitag Chemie und kann so 1% vom Stoff. So einen tollen Lernplan habe ich auch. (9 Uhr Aufstehen, 10 Uhr lernen .. jaja)
Aber jetzt muss ich erstmal nach nem günstigen Notebook für meine Südamerikareise im Juli finden..
Christoph 4. Mai 2009 um 18:02 Uhr
Da sprichst du wohl so einigen aus der Seele, Eva. Vor allem der Trick mit dem ewigen Lernpläne erstellen funktioniert bei mir stets wunderbar und ich bin damit immer perfekt nicht für Chemie, Mathe und Physik vorbereitet …
Nina 4. Mai 2009 um 19:20 Uhr
Ich bin auch gerade hier. Und nicht zehn Meter eiter rechts, vor meinem Mathebuch. Analytische Geometrie – ich hasse analytische Geometrie. Wenn ich mit der auf einer einsamen Insel stranden würde, hätte ich keine Hemmungen sie zum Erhalt meines Lebens zu essen.
Freitag ist dann Prüfung. (Siehe Max – auch Bayern? )
Ich neige außerdem dazu zu jammern, dass ich keine Zeit zwischen meinen Prüfungen habe (12. Deutsch, 13. Englisch) insfern hab ich glaub ich gar kein “mitten im Abitur” – nur irgendwie davor und danach. Und erst einen Tag vorher schulfrei ..
Hm, zum Thema Prokrastination. Ich kann mittlerweile alle Länder der Welt auf englisch aufzählen. (sporcle.com)
Chris 4. Mai 2009 um 19:42 Uhr
Wunderbar!
Amüsant!
All das passt super zu vielen Dingen in meinem Alltag. Außer als ich damals fürs Abi gelernt habe. Jedes Prüfungsfach hat von mir knallharte zwei Tage bekommen. Da die Vorbereitung bei Sonnenbaden und Musikhören statt fand sind es zusammengerechnet also insgesamt … vier Tage!?
Also lehn Dich zurück, Du bist doch sicher eh super. ;)
Max 4. Mai 2009 um 20:12 Uhr
Ne ich schreibe in NRW. Meine LKs hab ich zum Glück überstanden auch ohne lernen haha.
Oje ich hab eben 1 Stunde mir ein Thema zusammen gefasst. Jetzt kann ich schon 1 von 4 und hab noch 2 Tage Zeit. Aber scheint ja bei vielen so zu sein :D
ana 4. Mai 2009 um 20:59 Uhr
Bis jetzt hab ich noch keine Lernliste gemacht, sondern ganz themenfremd procrastinated, indem ich meine Bücher und CDs nach Farben sortiert, mein Zimmer mit den übrigen Ostereierkugeln dekoriert und diverse Sonnencremes aufs Ablaufdatum überprüft habe. Achja, nebenbei lese ich übrigens das Buch “Die Dinge geregelt bekommen – ohne einen Funken Selbstdisziplin”. Eignet sich hervorragend um die Zeit zwischen Kaffee-Frühstück, Freunden (zu denen der Kontakt ja eigentlich schon längst abgebrochen ist – aber egal) Wie-gehts-dir-mir-gehts-gut-voll-der-Abi-Stress-grade-Mails schicken, Schulbücher von einer Schreibtischecke in die andere schieben und warten auf Mittagessen bzw. Abendbrot totzuschlagen.
P.S.: Man kann sogar schon Prokrastination als Wissenschaftsbereich studieren. Oder so.
Tina 4. Mai 2009 um 20:49 Uhr
Bei mir sieht’s nicht anders auch, schließe mich den bayrischen Leuten mal an und zittere vor Mathe am Freitag :)
Btw. hat dich SchulSpiegel gleich mal ein Jahr älter gemogelt :P
Aber sehr fein!
qüpra 4. Mai 2009 um 21:47 Uhr
super! :D schön geschrieben!
Felix 4. Mai 2009 um 23:56 Uhr
Wartet mal ab, in was für ein Loch ihr erst nach dem Abi fallt. Wenn dann die CD-Sammlungen sortiert sind und das Bad hochglanzgeputzt ist. Ich hab dann sogar gebügelt.
Roman 5. Mai 2009 um 0:52 Uhr
Ich habe meine Interrailtour geplant, Vorstellungsgespräche fürs FSJK gehabt, und dann war schon August. Also ein Loch habe ich da gar nicht gehabt …
Eva 5. Mai 2009 um 14:01 Uhr
Hej, das freut mich ja, dass euch der Artikel so gut gefällt! Heute habe ich dann auch die letzte schriftliche Prüfung abgelegt und kann erstmal Pause machen – eine Pause, die ich vor allem dazu nutze, neue Listen zu erstellen… Dadrin steht dann, was ich alles machen will, sobald auch die mündliche Prüfung endlich vorbei ist. Ein Loch kommt also ganz bestimmt nicht – eher der nächste Berg!
Nico 8. Mai 2009 um 18:00 Uhr
Und ich drücke mich vorm Biolernen indem ich deinen Blog lese.
Aber jetzt zurück an die Arbeit.
Ach nein, lieber erst noch rausfinden aus welchem Bundesland du kommst um zu wissen ob bei dir die Prüfungen auch heute angefangen haben.
Nico 8. Mai 2009 um 19:27 Uhr
Ach und würde ich vor lauter Hektik des Abistesses auch die Kommentare lesen, wüsste ich schon zuvor, dass die Prüfungen bei dir nicht erst heute begonnen haben.
Nico 8. Mai 2009 um 19:33 Uhr
Oh, und mit deiner Uhr stimmt irgendwas nicht fällt mir gerade auf.
Spamme ich hier eigentlich rum?
innuendo 9. Mai 2009 um 17:59 Uhr
Oh ja, die wunderbare Welt der Prokrastination..
@ana: Naja, man kanns quasi studieren, wird in der Psychologie (schönerweise im Bereich “Motivation”) abgehandelt. Aber davon abgesehen dreht sich im Studium ohnehin alles ums Prokrastinieren – würde euch ja gerne sagen, dass das später alles besser wird mit der Disziplin, aber weit gefehlt! Daran könnt ihr euch schon mal gewöhnen: http://www.spapo.de/s260.html . Und hier noch eine fantastische Darstellung des Phänomens: http://www.youtube.com/watch?v=4P785j15Tzk (wenigstens auf Englisch, das ist ja schon mal ein Super-Alibi für die Abivorbereitung).
@Eva: Hoffe, auch die mündliche Prüfung läuft gut bei dir und auf deinen To-do-Listen stehen schöne Dinge – vermute ja mal, dass du karrieremäßig (sofern du das Schreiben professionell anstrebst) keine Probleme haben wirst!
Lieben Gruß von einem Prokrastinationsopfer (Prokrastination: ein Problem, das ich direkt morgen angehe) – hach, was ist das beruhigend, wenn man einen Fachbegriff für die stinknormale Aufschieberitis kennt.. ;)
ana 10. Mai 2009 um 13:34 Uhr
oh ja da hab ich auch noch ein feines Video zum Thema gefunden:
http://meinfernseherluegt.tumblr.com/post/78076179
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