Effi Briest

Effi Briest

„Ist das jetzt Liebe?“ – „Das ist Freiheit.“ – „Nochmal!“

Was haben wir gestöhnt in den letzten zwei Jahren, über die vielen schrecklichen Verfilmungen, die es zu den Zentralabilektüren gibt. In „Don Carlos“ bewegen sich weder Kamera noch Schauspieler, „Der junge Törless“ ist auch nur schwarz-weiß und Fassbinders „Effi Briest“ hat einfach zu viele Spiegel. Da kommt die Neuverfilmung von Hermine Huntgeburth gerade recht! Schließlich haben wir doch in wenigen Wochen Prüfungen und wollten sowieso gerade mit der Wiederholung anfangen.

In Theodor Fontanes Roman „Effi Briest“ geht es um ein junges Mädchen, das im späten 19. Jahrhundert den deutlich älteren Landrat Geert von Instetten heiratet. Mit ihm zieht es in einen kleines Kaff an der Ostsee. Dort kann Effi sich aber nie so recht einleben: Das Haus ist gruselig, die Leute sind komisch und sowieso ist nie was los. Für ihren Ehemann empfindet sie keine Liebe, wohl aber für den schneidigen Major Crampas, mit dem sie eine Affäre beginnt. Sechs Jahre später – die Affäre ist längst vorbei, Effi und Geert wohnen nun mit ihrer kleinen Tochter in Berlin – fliegt alles auf und löst eine Kette von dramatischen Ereignissen aus.

Während Fontane im Buch ganz nach dem Motto „Reden ist Silber, Schweigen ist Gold“ vorgeht und es dem Leser überlässt, sich die wirklich signifikanten Stellen auszumalen, schreckt der neue Film vor nichts zurück: Es gibt Sexszenen, ein neues Ende und die meisten Charaktere sind mit sehr viel spitzerer Feder gezeichnet.

So trinkt Effis Vater gern mal einen über den Durst, während ihre Mutter den strengen Gegenpart darstellt. Auch lässt der Film keinen Zweifel an deren merkwürdiger Beziehung zu Instetten. Hat sie tatsächlich den eigenen Liebhaber an die Tochter weitergereicht? Der macht indessen mit dem Hausmädchen herum. Und der liebenswerte Apotheker Gieshübler bekommt überraschend homosexuelle Züge. Doch das ist alles nicht so schlimm, sondern eigentlich typisch für Literaturverfilmungen. Da wird nunmal weniger Platz für eigene Interpretationen gelassen.

Blöd ist aber, dass Fontanes Intention dadurch völlig verdreht wird. Nachdem Effi (Julia Jentsch, die toll spielt, aber anfangs einfach zu alt aussieht) zu Beginn ziemlich brutal von ihrem frisch angetrauten Ehemann entjungfert wird, ist der Zuschauer sogleich auf ihrer Seite. Geert (mit Sebastian Koch genau richtig besetzt) wirkt fortan ausschließlich distanziert und kalt, ganz im Gegenteil zum überschwänglichen Crampas (Misel Maticevic).

Im Roman hingegen pendelt man als Leser ständig zwischen beiden Sichtweisen, und das offene Ende trägt noch dazu bei, dass man nicht wirklich entscheiden kann, wer nun gut und wer böse ist. Dieses Kunststück gelingt der neuen Verfilmung nicht. Das völlig andere Ende ist ein klares Statement, für Effi, für die Emanzipation.

Trotzdem sollten auch Deutschgrundkursler nicht vorm Gang ins Kino zurückschrecken. Dann würden sie nämlich mit Roswithas Selbstmordversuch die – ausgerechnet – lustigste Szene verpassen, und diese wirklich guten Schauspieler, und die wunderschönen Ostseedünen. Das Buch mag besser sein, doch der Film ist ganz bestimmt bunter.

9 Kommentare

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  1. lisa sagt:

    Gut und interessant, das zu lesen – heimlich hatte ich ja schon auf eine Kritik von dir gewartet.
    Ich denke dieses Wochenende werde ich es endlich ins Kino schaffen (müssen).

  2. Chris sagt:

    Ich wollte den Film eigentlich meiden. Beim Buch, es war das erste damals im Deutsch-LK, standen zumindest mir die Haare zu Berge. Als wir dann mit einer Vertretungslehrerin im sozialen Brennpunkt unserer Stadt schaukeln gehen mussten, um das gewisse Effi-Gefühl des Buches nachzuempfinden, hatte ich für das Buch wohl jedes Interesse verloren.
    Mal sehen ob ich Zeit für den Film finde. Und dem Realismus eine neue Chance geben kann.

  3. Yannick sagt:

    Ich mag diese neue Interpretation nicht.

  4. jensjetzt sagt:

    hallo eva,

    ich habe das buch geliebt! und für mich gab es nie den zweifel, für welche seite ich mich entscheiden sollte. effi war einfach eine junge frau, die es verdient hatte, jemanden wie crampas zu treffen. endlich gab es für sie leidenschaft und wärme in dieser kalten gesellschaft. fontane hat diese idiotischen zwänge von damals so perfekt vorgeführt.

    ich habe damals in der schule nicht verstanden, warum sehr viele mädchen effi briest so doof fanden. heute, 13 jahre nach dem abi weiß ich es vermutlich: sie haben den wunsch nach emanzipation nicht verstanden. denn die meisten von ihnen hatten diesen wunsch selbst nie verspürt.

    du schreibst “Das völlig andere Ende ist ein klares Statement, für Effi, für die Emanzipation.” ich werde den film deshalb sicherlich mögen. denn ich mag filme, in denen die macher/innen eine klare stellung beziehen. das ist mutig gegenüber den filmkritiker/innen, die gern die deutungshoheit übernehmen wollen.

    frühmorgendliche grüße aus berlin …

  5. Yannick sagt:

    Effi hatte auch im Buch eine klare Stellung bezogen. Nur der Druck der Gesellschaft und deren Zwänge haben sie letztenendes scheitern lassen. Grade dieses Ende fände ich im Film auch viel sinnvoller.

    Im Film wurde auch Instetten einfach viel zu kalt dargestellt. Er hat Effi ja vergöttert und ihre am Anfang jeden Wunsch von den Lippen abgelesen. Auch die Vergewaltigung war zu dramatisch. Die Liebesszenen mit Crampas viel zu überspitzt. Hätte man hier nur die Andeutung von Fontane im Film umgesetzt. Der Kuss in der Kutsche, wäre es sehr viel stilvoller und spannender gewesen, als diese wilde Popperei in dem Strandhaus.
    “Das ist ein zu weites Feld” – DER Satz in Effi Briest, wurde auch viel zu beiläufig reingebracht. Effis Wandlung am Ende kam viel zu plötzlich und aufgezwungen. Als sie im Film ihre Tochter trifft und die Manipulation merkt, ist sie noch total am Ende. Und innerhalb weniger Sekunden beim Kaffee mit ihren Eltern wandelt sie sich um 180 Grad. Vom Wrack zur selbstbewussten Frau. Auch das angedeutet wird, das Instetten zu ihr zurück will ist unpassend.

    Ich fand den Film und die Neuinterpretation enttäuschend. Und Effi Briest wurde fehlbesetzt.

  6. Eva sagt:

    Von allen Abilektüren gefällt mir “Effi” auch noch immer am besten. Für mich ist Fontane immer ein bisschen sowas wie die deutsche Jane Austen…
    Yannick, in den meisten Punkten stimme ich dir zu! Auf das weite Feld haben wir auch die ganze Zeit gewartet, und die Sexszenen hätten sie wirklich rauslassen können.

  7. Jojo sagt:

    Die Verfassung von 1974 gefiehl mir auch wesentlich besser als die neue Interpretation, schließe mich also Yannick an.. Es wird auf einmal (nach dem heutigen Geschmack) zu sehr auf die Liebeszenen eingegangen, als auf die wirklichen Schlüsselszenen, wo der Geist des Menschen zum Vorschein tritt.

  8. mais oui sagt:

    ich meine- ich bin sicherlich vorbelastet. nicht was fontane und abilektüre angeht…das auch, natürlich, damals war es bei mir auch der fall, aber nunja, ein zu weites feld und so, es geht hier ja um die verfilmung- und bezüglich dieser bin ich vorbelastet, weil: fassbinder! und außerdem mein formfetischismus, und…
    mein studium tut vielleicht sein übriges dazu, aber auf jeden fall… finde ich, dass jede verfilmung nach fassbinders verfilmung verschwendetes produktionsgeld ist, es gibt interessantere stoffe, die noch nicht annährend so perfekt filmisch umgesetzt wurden, und… naja, schauspieler alleine reißen einen eher mittelmäßigen film einfach nicht raus, die alte leier (meinerseits) … will sagen: es gibt zur zeit genug gutes im kino, man muss sich nicht diese aufgesexte effivariation zu gemüte führen…

  9. lisa sagt:

    Hallo,
    ich komme grade zurück aus dem Kino und muss sagen: Mich hat der Film sehr enttäuscht. Die wesentlichen Kritikpunkte sind die die hier bisher schon genannt wurden – warum so viel Sex, warum so ein kalter Innstetten, warum wurden soooo viele Details geändert (und auch so viele große Dinge)… Mit der schnellen Wendung, die du, Yannick, kritisierst kann ich leben, das habe ich schon als Sprung verstanden, aber mit diesem völlig verdrehten Ende… Hätte ich nur den Film gesehen hielte ich Effi jetzt für eine total taffe, emanzipierte Frau die von ihren Eltern so enttäuscht ist dass sie sie endgültig abschreibt. Vom Buch habe ich sie aber als eine letzten Endes gebrochene Frau mit der Sehnsucht nach Wärme in Erinnerung, die sich zwar zwischenzeitlich gegen die Normen und Gesetze ihrer Zeit aufbäumt, damit aber – mehr oder weniger – erfolglos bleibt.
    Zu stark betont wurde für meinen Geschmack Effis Entsetzen über das Duell, wobei ich mir nicht mehr sicher bin ob ich das nur zu schwach in Erinnerung habe oder ob es im Buch wirklich weniger drastisch dargestellt wird.

    “Ein zu weites Feld” und “Effi, komm” sind mir auch etwas zu kurz gekommen, allerdings kann das natürlich auch daran liegen dass einem diese Aussprüche im Deutschunterricht dermaßen eingetrichtert wurden und man sie quasi “aufinterpretiert” bekommen hat… Ich weiß hier nicht ob ich diesen Halbsätzen ohne Lesebegleitung so viel Bedeutung zugemessen hätte.

    Alles in allem bin ich nicht zufrieden mit dem Gesehenen und muss – wider Erwarten – sagen dass mich da die Buddenbrooks-Verfilmung positiver überrascht hat!

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