Archiv für November, 2008

Elegy

„Die größte Überraschung im Leben eines Mannes ist das Alter.“

In einem sehr europäisch wirkenden New York lebt David Kepesh (Ben Kingsley), kahlköpfiger Professor und Teil der städtischen Bildungselite. In Fernsehsendungen spricht er über Literatur, in der Uni wird er von seinen Studentinnen angehimmelt – und nutzt das auch aus. Doch vor einiger Zeit hat man neben seinem Büro ein Schild mit der Notrufnummer für sexuell belästigte Frauen aufgehängt. Seitdem läuft es nicht mehr so gut. Zum Glück hat er noch diese andere regelmäßige Affäre, gespielt von Patricia Clarkson, die weder durch Verpflichtungen noch durch Erwartungen die heiß geliebte Unabhängigkeit des alternden Mannes einschränkt.

Doch dann lernt er die kubanischstämmige Studentin Consuela (Penelope Cruz) kennen und verfällt ihr völlig. Am liebsten würde er sie besitzen, hätte er sie ganz für sich. Aber diese sehr kluge und elegante Frau weiß, was sie will – und auch, was sie nicht will. So liest sie ihm die Leviten, als er sie, von Eifersucht getrieben, verfolgt. Später wendet sich das Blatt: Nun will sie eine ernste Beziehung und gibt ihm schließlich den Laufpass, weil er sich nach über einem Jahr noch immer weigert, ihre Eltern kennenzulernen. Das stürzt Kepesh in eine tiefe Krise.

Besonders interessant ist, dass dieser Film, der auf dem Roman „Das sterbende Tier“ von Philip Roth basiert, von einer Frau realisiert wurde. Regisseurin Isabel Coixet, selbst erst 48, beobachtet den alten Macho aus weiblicher Perspektive – was die Zuschauerinnen neben mir öfters entsetzt schnaufen ließ. Doch dieses Schnaufen wurde mit der Zeit weniger, bis ich nach einer halben Stunde gar nichts mehr hörte. Denn durch die Begegnung mit Consuela zeigen sich neue Charakterzüge Kepeshs, die ihn wenn auch nicht sympathisch, dann doch zumindest menschlicher erscheinen lassen.

So würde man sicher zehnmal lieber mit Dennis Hopper befreundet sein, der den besten Freund der Hauptfigur spielt. Er ist einer von den wenigen Menschen, die den Professor sein Leben lang begleiten. Auch darum geht es in „Elegy“, dessen Handlung sich über mehrere Jahre erstreckt. Der Film beschreibt sehr genau das engere soziale Netz des Professors. Da wäre, neben dem besten Freund und der Daueraffäre, noch sein Sohn (Peter Sarsgaard), mit dem ihn eine Hass-Liebe verbindet. Zum Schluss wird er durch die Gespräche mit ihm zu einer neuen Erkenntnis kommen. Leider ist es dann schon fast zu spät.

In einer Vorlesung am Anfang des Films erklärt Kepesh seinen Studenten, dass ein Buch nicht mehr dasselbe sein wird, wenn man es nach zehn Jahren noch einmal liest. Das trifft bestimmt auch auf diesen Film zu. Da ist so oft die Rede von Ehe, langen Beziehungen (und kurzen), vom Altern und Vergänglichkeit, dass man, wenn man mehr Erfahrungen mit diesen Dingen gemacht hat, sicher noch viel mehr aus dem Stoff herausziehen kann. Vielleicht erkennt man sich dann sogar in der Figur David Kepesh wieder.

Gerade deswegen bin ich so gespannt auf den Tag, an dem ich diesen sehr ruhigen, sehr guten Film noch einmal sehen werde. Ich freue mich jetzt schon auf die erneuten ausführlichen Charakterisierungen, die durchweg guten Schauspieler und die leise Musik – und auf die vielen neuen Dinge, die ich dann an „Elegy“ entdecken werde.

Ich bin im Fernsehen! (Jetzt aber wirklich)

Zusammen mit Timo habe ich ein Team der NDR-Mediensendung ZAPP über die Jugendmedientage geführt. Der Beitrag ist gestern Abend zum ersten Mal gelaufen, die Sendung wird aber noch wiederholt, und zwar hier:

NDR Donnerstag auf Freitag zwischen 00:30 Uhr und 02:00

3sat Freitag, 17:15 Uhr

EinsExtra Mittwoch auf Donnerstag, etwa 0:20 Uhr

Nachtrag: Jetzt gibts das auch bei YouTube!

Der Obama der Antike

Heute habe ich meine letzte Lateinklausur geschrieben. Für immer.

Das klingt nach einem tollen Tag, leider lief es aber nicht so gut. Mir ist die Lust an der Sprache komplett verloren gegangen. Ich habe im siebten Jahr Latein, nach dem fünften hatte ich das Latinum – die letzten zwei muss ich trotzdem machen, wegen der komischen Abibürokratie. Und so geht es auch all meinen Kursgenossen.

Uns macht das keinen großen Spaß. Wir lernen nichts mehr. Nach fünf Jahren ist man mit der Grammatik einfach durch, sogar mit dem blöden fünften Fall. Das heißt, wenn man das alles überhaupt jemals gelernt hat. Denn wer die wichtigen Deklinationstabellen nicht gleich am Anfang paukt, tut es nie. Der hangelt sich so durch.

Nach sieben Jahren sind unsere Arme davon ausgeleiert und schwer. Wir kriegen sie nichtmal mehr in die Luft, um uns zum Übersetzen zu melden. Es ist schrecklich, eine tote Sprache zu lernen. Meistens fragen wir uns, wofür wir das überhaupt machen.

Das fällt einem dann ausgerechnet im Urlaub ein: Egal ob in Spanien, Italien oder Frankreich, plötzlich kann man Straßenschilder übersetzen, Werbeslogans erahnen, Speisekarten ableiten. Praktisch, ja – aber ein Grund, sich alldem so lange auszusetzen?

Vor die Wahl zwischen Französisch und Latein gestellt, wählten an meiner Schule im letzten Jahr immer noch zwei Drittel der Fünftklässler die tote Variante. Ich glaube, dass ihre Eltern dem Irrglauben unterliegen, dass man es ohne Latinum an der Uni zu nichts bringen kann. Viele von ihnen wissen ja noch nicht einmal, dass es keinen Unterschied mehr gibt zwischen großem und kleinem Latinum.

Sie schicken ihre Kinder in einen Unterricht, der ihnen nach ein paar Wochen mit dem römischen Liebesgeplänkel von Markus und Cornelia (dessen erste Sätze sie noch nach Jahren auswendig sprechen werden und über das sie die Tabellen völlig vergessen..) auf einmal die Kriegsstrategien von Cäsar vorsetzt. Das macht keinen Spaß.

Irgendwann merkt man dann nicht einmal mehr, wenn einem zwischendurch richtig guter Stoff geboten wird. Senecas Briefe über die Stoa wären wahrscheinlich an mir vorbeigegangen wie die letzten Kommunalwahlen – bei denen ich nicht wählen durfte -, wenn ich nicht ein Referat darüber hätte halten müssen.

Ich habe erkannt, dass Mark Aurel das war, was wir uns 2000 Jahre später von Barack Obama erhoffen: Ein Philantrop, der weder auf Ruhm noch auf Prunk oder Macht aus war, sondern einzig und allein auf das Wohl seines Staates. Der andere Länder nie erobern wollte, weil alles zusammen, vor dem großen Ganzen betrachtet, doch sowieso so klein und unbedeutend ist.

Man kann viel lernen im Lateinunterricht. Über Politik, Philosophie, das Leben. Doch leider steht das in Deutschlands Lehrplänen nicht im Vordergrund. Solange sich daran nichts ändert, appelliere ich deshalb an alle Fünfer: WÄHLT FRANZÖSISCH!

Wie siehts aus in Hamburg

Und dann waren wir ja auch noch in Hamburg. Wie lang ist das jetzt schon wieder her? Zwei Wochen? Drei?

Ursprünglich war es als eine Pilgerreise geplant, zum dort gerade neueröffneten Urban Outfitters – der lang erwarteten ersten deutschen Filiale! Ich hatte die Kette in New York für mich entdeckt, und die Sachen, die ich damals gekauft habe, trage ich nocht immer. Andere Erfahrungen habe ich, zumindest teilweise, mit den UO-Klamotten aus Stockholm und Antwerpen gemacht. Die deutsche Filiale war dann auch eher enttäuschend. Oskar, den wir am nächsten Morgen trafen, hat schon recht, wenn er sagt, dass sie irgendwann alle gleich aussehen. Außerdem muss man bei den Euro-Preisen dann doch manchmal schlucken.

Das ganze Shopping wollten wir abends mit ein bisschen Kultur ausgleichen. Als Nicht-Hamburger war für uns sofort klar, dass man da ins Thalia Theater muss. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich das halbe Stück verpasst habe – ich war einfach viel zu müde. Und das, obwohl sich die Schauspieler alle Mühe gaben, mich wach zu halten: Sie machten Lärm, zogen sich komplett aus und beschmierten sich noch dazu mit Blut! Hat alles nichts geholfen.

Dafür war ich dann aber am nächsten Morgen hellwach. Da hat Insider Oskar uns ein herrliches Luxus-Frühstück beschert, in einem Cafe, dessen Namen ich vergessen habe. Es gab Schokoküsse, Fisch, Salat und fettiges amerikanisches Zeug (warm!) in gemütlicher Atmosphäre und für 6 Euro 90, und deshalb empfehle ich euch das Ganze auch trotz der wirklich miesen Kellnerinnen. Also, sobald mir der Name wieder einfällt.

Zu guter letzt haben wir eine wunderbar touristische Barkassenfahrt unternommen, mit einem jungen Kapitän, der zwar noch nicht richtig einparken, dafür aber sehr gut jede Menge Hafen-Gossip erzählen konnte. Und dann kamen wir raus, und das Wetter wurde intensiv, es war wirklich schön.

Alte Kommentarlisten sind großartig

Vor langer Zeit kam Max mal zu mir und fragte: “Eva, was ist eigentlich der Unterschied zwischen unsozial und asozial. Unsozial ist doch, wenn man den Müll neben den Eimer schmeißt, und asozial, wenn man den Eimer dann auch noch umtritt, oder?” – “Ja.” – “Dann bin ich unsozial und Segge ist asozial!”