Archiv für Juli, 2008

So ist Paris

“Wir sagen ihnen, dass ich bald sterbe. Dann können sie sich wenigstens freuen, wenn ich es nicht tue.”

Mitten im Sommer läuft ein neuer Film, der mitten im Winter spielt. Da kostet es noch mehr Überwindung, sich trotz des guten Wetters ins dunkle Kino zurückzuziehen – aber für „So ist Paris“ lohnt es sich.

Regisseur Cédric Klapisch, der vorher „L’Auberge Espagnole“ gemacht hat, erzählt in diesem Film zum Beispiel die Geschichte des schwerkranken Pierre (Romain Duris) und seiner Schwester (Juliette Binoche). Die verliebt sich in einen Marktverkäufer, der wiederum eine gute Freundin verliert. Dann wäre da noch die Geschichte des Architekten (François Cluzet), der einen Bruder (Fabrice Luchini) hat, der Professor ist und sich in seine Studentin verliebt (die wunderhübsche Melanie Laurent). Sowieso sind ziemlich viele Männer in diesem Film in Laetitia verliebt. Ach, und da sind noch so viele andere Geschichten!

Das Tolle ist, dass zu keiner Zeit versucht wird, sie alle miteinander zu verbinden. Die Episoden stehen für sich allein, hängen insgeheim aber doch zusammen – nur eben nicht so gezwungen wie in anderen Episodenfilmen à la „Tatsächlich Liebe“.

Überhaupt wirkt hier gar nichts gezwungen. Selbst die überraschendste Wendung wird nicht zu dramatisch hochgepuscht, trotz melancholischer Stellen muss man doch nie weinen. Im Gegenteil: Es gibt wunderbar lustige Szenen und geht mitunter sehr beschwingt zu. Hervorzuheben wäre beispielsweise Juliette Binoches grandioser Strip vor ihrem Marktverkäufer. So wenig gekünstelt, so gemütlich hat man so etwas noch nie gesehen. Zu alledem trägt auch der tolle und äußerst bunte Soundtrack bei.

Alles in allem handelt es sich also keineswegs um einen verfilmten Liebesbrief an Paris, mit den üblichen Bildern vom Eiffelturm, Baguettes und Champs Elysees, wie man es wegen des Titels erwarten könnte. Klapisch hat sich diesen Klischees vielmehr genau von der anderen Seite angenähert. Er blickt nicht durch die Touristen- sondern durch die Einwohnerbrille: Für die echten Pariser ist der Eiffelturm nun mal immer weit weg. Er spielt eine Nebenrolle in ihrem Leben, ist eine Zierde, die sie von ihrem Balkon aus blau blinken sehen. Die Baguettes werden sogar beinahe ironisiert, durch die versnobte, ihre Angestellten quälende Besitzerin der Patisserie.

Die Botschaft des Films ist dann aber doch wieder typisch französisch: Im Leben geht es darum, die kleinen Dinge schätzen zu lernen, zu sehen, wie glücklich man eigentlich ist. Nach 130 Minuten hat sich das dem Zuschauer tatsächlich eingeprägt. Er verlässt das Kino mit offeneren Augen, hochmotiviert, die vielen schönen Dinge in der Welt zu entdecken. Und das geht im Sommer ja sowieso viel besser.

Sportartentest (2): Reiten

Mit dem Stepptanz ist es vorbei, deswegen suche ich nach einer neuen Sportart. Nichts leichter als das, sollte man denken, es gibt doch unzählige! Aber da die richtige zu finden ist gar nicht so einfach.

Mit sieben bin ich mal geritten, ein gutes Jahr lang, immer schön im leichten Trab – zu galoppieren hätte ich mich damals nicht getraut, es hat aber auch gar keiner verlangt. Irgendwann hatte ich dann keine Lust mehr auf das nervige Drumrum: Pferd putzen und satteln, reiten, dann absatteln und wieder putzen. Und das wars erst mal.

Zehn Jahre später wächst die Sehnsucht nach dem „Glück der Erde“. Und wo kann ich die besser ausleben als im Urlaub in Österreich, wo mich niemand bei meinen ersten wackligen Versuchen beobachtet?

Schnell finden wir einen wunderbar idyllischen, Cornelia Funke-artigen Reiterhof, zwischen Blumenwiesen und einer Zwiebelturmkirche auf einem Berg gelegen. Die Pferde sind nicht zu hoch und nicht zu dünn, die kleinen Mädchen, die um sie herum wuseln, mögen sich ihren Teil denken, helfen mir aber trotzdem ganz lieb, als ich mich mit den Halftern dumm anstelle.

Meine erste großartige Erkenntnis lautet: Mit einer Körpergröße von 1,74 ist es viel einfacher, auf ein Pferd zu kommen! Und einmal oben holt mich gleich das alte Glücksgefühl ein. Das Tolle an diesem Sport ist, dass er Mensch und Tier vereint – gleichzeitig nimmt er mir damit die volle Kontrolle über mich selbst, und das ist wieder unheimlich.

Da wären zum Beispiel die Fliegen. Pferde können Fliegen gar nicht haben, und müde Pferde wie meines reißen dann schon mal mitten im Galopp den Kopf herunter, um sie abzuschütteln. (Diese Tatsache lässt auch das ansonsten durchaus haltbare „Natur!“-Argument ein wenig bröckeln.) Habe ich Galopp gesagt? Ja, habe ich! Denn in Österreich fackelt man nicht lange, nach zehn Minuten an der Longe treibt die Reitlehrerin das Pferd an.

Wendy (wie sollte es auch sonst heißen?) schüttelt mich ordentlich durch und ich bin einzig damit beschäftigt, mich im Sattel zu halten – tiiiief zu sitzen, wie es so schön heißt – und bloß nicht runterzufallen. Dennoch halte ich die Geschwindigkeit für einen durchweg positiven Aspekt des Reitens. Vor allem später, wenn man sicher ist im Galopp und sich nicht mehr auf einen tiefen Sitz konzentrieren muss. Denn dann geht es an die Ausritte. Mit voller Kraft voraus, auf dem Rücken der Pferde, durch das idyllische Österreich? Ein Traum.

Als ich daraus am nächsten Morgen aufwache, holt der Galopp mich ein. Ich habe einen monströsen Muskelkater, im Rücken, im Po, in den Schenkeln. Meine Versuche, ihn mit seinen eigenen Waffen zu schlagen, scheitern: Nach zwei weiteren Reitstunden ist es nur noch schlimmer.

Trotzdem werde ich das Reiten jetzt nicht wieder ganz fallen lassen. Hin und wieder eine Stunde zu nehmen, das sollte auch in der weniger idyllischen münsterländischen Heimat möglich sein. Aber regelmäßiger Unterricht ist nicht drin – zu aufwändig. Das Testen geht weiter.

Blumenladen vs. Zoohandlung

In der Stadt fahren wir an einer Bäckerei vorbei und es riecht so herrlich nach frischen süßen Brötchen. “Gibt es eine bessere Werbung als die ganze Straße in diesen Geruch einzuhüllen?”, frage ich Roman, als mir das Wasser im Mund zusammenläuft. “Nein”, sagt der, “aber stell dir mal vor, das würden alle so machen.”

Jeden Tag ein Samstag Morgen

In den letzten Tagen wache ich morgens noch vor dem Haus auf. Dann setze ich mich im Bett auf, schalte meine Welt an und lese ein bisschen, oh was für ein Genuss, Zeit zum Lesen zu haben, und das noch vor dem Frühstück.

So sitze ich in der ersten Reihe, wenn sich pünktlich um halb neun die elektrischen Jalousien, der graue Vorhang hebt, um das Bühnenbild für diesen Tag bekanntzugeben. Im Grunde ist es, aus diesem Blickwinkel betrachtet, immer das gleiche, aber die Beleuchtung ändert sich.

Heute sind die beiden großen Bäume nicht mehr länger grün, ihre Farben vermischen sich mit denen des Himmels. Sie sind grau wie der Himmel, der grau ist wie die Straßenlaterne. Die Tage werden immer grauer. Ich habe das Gefühl, zu früh Ferien zu haben.

P.S.: Es ist doch verrückt, dass man sich manchmal in seiner Art zu schreiben ein wenig dem Buch angleicht, das man gerade liest.

Sportartentest (1): Wandern

Mit dem Stepptanz ist es vorbei, deswegen suche ich nach einer neuen Sportart. Nichts leichter als das, sollte man denken, es gibt doch unzählige! Aber da die richtige zu finden ist gar nicht so einfach.

Das Tolle am Wandern: Man ist blitzschnell startbereit, und man kann es in Gesellschaft tun. Klar, das ist auch bei anderen Sportarten möglich, aber beim Wandern kann man sich, statt bloß „Ball zu mir!“ zu rufen oder vom Reden Seitenstiche zu bekommen, über Gott und die Welt unterhalten, ohne in sportlicher Hinsicht beeinträchtigt zu werden.

Außerdem bewegt man sich in der Natur und an der frischen Luft, das ist auch noch gut für den Teint. Und es ist wohl der einzige Sport, zu dem das Essen dazugehört, sei es in Form eines Picknicks oder einer zünftigen Einkehr in eine entsprechende Hütte.

Mir persönlich jedoch ist Wandern einfach zu langsam. Ich brauche ein bisschen Geschwindigkeit, ein bisschen Adrenalin! Wandern ist in seiner Gemächlichkeit nichts für mich – das macht einem die Anstrengung doch nur noch bewusster! Außerdem bin ich immer noch nicht weiter mit der Frage: Ist es besser, mit oder ohne Ziel zu wandern? Ist am Ende nicht immer Zuhause das Ziel? Und wer bitte wandert schon zuhause?! Nicht mal die Schweizer wandern doch vor ihrer eigenen Haustür.

Wandern also: Nichts für mich, zumindest nicht auf Dauer. Das Testen geht weiter.