Schon vor Jahren habe ich immer davon geträumt, mal eine Zeit als Internatsschülerin zu verbringen. Ich stellte mir eine Mischung aus Hanni und Nanni, Schloss Einstein und Schule Schloss Salem vor – mit mir mitten drin. Lustige Cliquen, die Mitternachtspartys veranstalten, coole Lehrer und gemeinsames Mittagessen, ja sogar Hausaufgabenzeiten und Joggingzwang gefielen mir in diesem Zusammenhang.
Inzwischen hatte ich nicht mehr damit gerechnet, so etwas noch einmal erleben zu dürfen. Tatsächlich ist diese Sommerakademie aber wie ein Internat auf Zeit. Wir wohnen in einer Schule für Tourismus und Management, die von Schülern unseren Alters besucht wird. Viele von ihnen kommen von weit her und wohnen deshalb im angeschlossenen Internat. Dann liegen sie wie wir abends erschöpft in ihren Viererzimmern oder sitzen noch am Schreibtisch oder im Computerraum, um etwas auszuarbeiten. Wie wir essen sie drei Mal am Tag in der Mensa, wo es immer Salat und meistens auch noch etwas anderes Leckeres gibt.
Sie treiben Sport in der hauseigenen Turnhalle und gehen vielleicht auch morgens um sechs mit ihrem Deutschlehrer joggen (freiwillig). Wie wir werden sie dauernd den Weg herunter ins Dorf machen, wo der einzige Supermarkt am Ort bis abends um sechs geöffnet hat, und im Gemeinschaftsraum zusammen fernsehen. Womöglich dürfen sie auch jederzeit und umsonst im Grand Hotel nebenan schwimmen gehen. Alles in allem: Es ist toll.
Ich bekomme eine Ahnung davon, wie es sein muss, ein Internatsleben zu führen. In einer Gemeinschaft, die sehr viel enger ist als die einer normalen Schule, wo jeder sich kennt und man mit vermeintlich fremden Zimmergenossinnen offener umgeht als mit manch einer Freundin zuhause.
Diese erfreulichen Einblicke werfen aber auch Fragen auf: Bewirkt das ständige Leben in der Schulgemeinschaft eine geringere Bindung zur eigenen, weit entfernten Familie? Wird es – vor allem in einem kleinen Dorf wie Semmering – nicht irgendwann langweilig? Und: Wie viel Privatsphäre ist jedem Einzelnen noch garantiert?
Letztere Frage ist mein größtes Problem. Mir fällt es schwer, permanent, wirklich die ganze Zeit unter Menschen zu sein, ja, ich kann sogar ziemlich ungemütlich werden in Situationen, in denen es nicht anders geht. Das eigene Zimmer mit drei Mädchen, zweien davon Stubenhockerinnen, zu teilen, führt manchmal zu solchen Situationen. Ich nenne das immer mein „Sozialisierungsproblem“ und übe momentan, es zu überkommen.
Das fällt nicht schwer, weil es nur nette Leute sind, die einen hier umgeben. Sie bieten dir an, in ihrem Zimmer aufs Klo zu gehen, weil sie denken, du hättest deinen Schlüssel vergessen, und rennen los, um ihren zu holen, wenn du dich wirklich mal ausgeschlossen hast. Sie wollen, dass du zuerst duschst, weil du verschwitzter aussiehst als sie – obwohl sie schon mit Handtuch und Duschgel im Bad stehen – und fragen dich ganz traurig, warum du allein unterwegs bist, wenn sie dir auf dem Weg zum Supermarkt entgegenkommen.
Ich gehe allein in den Supermarkt oder zum Schwimmen, weil ich ab und zu meine Ruhe brauche, weil es mein Sozialisierungsproblem löst. Und alle sind so nett und verstehen das.
Vielleicht liegt das daran, dass wir eine Gemeinschaft auf Zeit sind. Jeder weiß, ab Samstag ist er die Anderen wieder los. Und dann ist da natürlich die Tatsache, dass wir alle freiwillig hier mitmachen. Dass niemand murrt, weil er sich sechs Stunden lang voll konzentrieren und abends noch Hausaufgaben machen muss, während die Freunde daheim längst Ferien haben.
So oder so: All das macht es heute zu einer großen Freude, endlich mal ein EM-Spiel anzuschauen. Im Gemeinschaftsraum. In einem richtigen Internat.


Ja, ich kenne das auch, nicht ständig unter Menschen sein zu wollen oder zu können, und finde es eigentlich recht normal, daß man auch Zeit für sich braucht. Als problematisch empfände ich es nur, wenn man mit anderen Menschen so gar nichts anfangen kann und *nur* für sich sein möchte. Aber der Wunsch, sich etwas Zeit für sich alleine zu reservieren, erscheint mir sehr sympatisch. :)